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Feste feiern wie sie fallen. Das Institut im Spiegel seiner Festkultur

Ein Jahr ist es her, dass das Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht am 19. Dezember 2024 sein hundertjähriges Bestehen gefeiert hat. Allein seit dieser Feier hat am Institut eine Vielzahl größerer und kleinerer Festlichkeiten stattgefunden: Es wurden 21 Jahre ICCAL begangen sowie zwei Geburtstage (der 60. Geburtstag von Direktorin Anne Peters, mit Kolloquium, und der 85. Geburtstag des ehemaligen Bibliotheksdirektors Joachim Schwietzke). Hinzu kamen: eine Ehrendoktorwürde von Anne Peters, zwei Dissertationsverteidigungen, eine Habilitation, mehrere wissenschaftliche Auszeichnungen für Institutsangehörige, eine Sommer- und eine Weihnachtsfeier, ein Betriebsausflug und eine Bernhardt-Lecture mit Alumni-Treffen, zuzüglich zu den monatlichen „Guest drinks“, sozialen Zusammenkünften bzw. Ausflügen der jeweiligen Forschungsgruppen und der Verabschiedung einiger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Feiern, Feste und Jubiläen strukturieren den Jahreslauf am Institut, unterbrechen Arbeit und Alltag und schließen wiederum an diese an. Gefeiert wurde in 100 Jahren Institutsgeschichte immer und Vieles – selbst in Zeiten des Krieges.[1] Kalkuliert man allein mit einer Weihnachtsfeier, einem Betriebsausflug und einem Sommerfest im Jahr, so läge man in 100 Jahren Institutsgeschichte bei mindestens 300 Feiern.[2] Grund genug, um sich mit der Geschichte der Festkultur am Institut zu befassen. Dieser Blogbeitrag möchte dies in vier Schritten tun. Einleitend gibt er einen kurzen theoretischen Überblick zur Bedeutung und Geschichte von Festen und Feiern im Allgemeinen, um dann in Teil II, III und IV die wissenschaftliche Feierkultur und die Repräsentation des Instituts nach außen bzw. die Rolle von Festen im Institut als soziale Gemeinschaft nach innen zu untersuchen.

I. „Moratorium des Alltags“ – Zur Theorie und Funktion von Festen und Feiern

Förmlich. Ansprache Hermann Mosler im Anschluss an das Kolloquium „Verfassungsgerichtsbarkeit der Gegenwart“ 1962 [3]

Menschen feiern gern, und so nimmt es nicht Wunder, dass Feiern und Feste Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung in nahezu sämtlichen sozial- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen von der Anthropologie und Ethnologie über die Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie zur Psychologie geworden sind. Eine wichtige begriffliche und konzeptuelle Unterscheidung, die – zumindest in der deutschsprachigen – Forschung getroffen wird, ist die Differenzierung zwischen „Fest“ und „Feier“. Während die „Feier“ als ernste und erhabene (sakrale) Veranstaltung begriffen wird, die das Bekenntnis der feiernden Gemeinschaft zu den sie konstituierenden Werten in den Mittelpunkt rückt, ist das „Fest“ eine aus dem freudigen, lebensbejahenden Affekt der Teilnehmenden heraus motiviert.[4] Zeichnen sich „Feiern“ durch strenge äußere Formen wie Sinn, Ordnung und Hierarchie konstituierende Zeremonien und Rituale aus, charakterisieren sich „Feste“ durch die Infragestellung bzw. temporäre Aufhebung von sozialen Ordnungen. „Feiern“ dienen dem feiernden Kollektiv zur Selbstpositionierung in der Welt über die Einordnung in ein universales Sinnsystem und mithin zur Rückkehr zum die Gemeinschaft konstituierenden Ursprung.[5] Gefestigt und definiert wird die Gemeinschaft über Riten, die durch ihre Wiederholung und Gleichförmigkeit zentrale Glaubenssätze, Ideale und Narrative beschwören und im kollektiven Bewusstsein präsent halten.

Fetzig. Band anlässlich des Festes nach der Einführung von Karl Doehring und Jochen Frowein als Direktoren 1981[6]

Das „Fest“ indes zeichne sich laut dem französischen Psychoanalytiker Olivier Douville durch den „désordre programmé“ aus. Kernbestandteil des Festes ist der „Exzess“, den Sigmund Freud nicht nur als „gestattet“, sondern vielmehr als „geboten“ betrachtet.[7] Die soziale Ordnung, die die „Feier“ bzw. der Alltag konstituieren, wird im Fest bewusst aufgebrochen. Als bestes historisches Beispiel mag hierbei der Karneval dienen, an welchem seit dem Mittelalter sämtliche politische, religiöse und sozialen Hierarchien für einen Tag aufgehoben wurden. Dem Fest eigen ist zudem die „Subversion“ bzw. die Grenzüberschreitung.[8] Mit der Aufhebung der sozialen Ordnung geht auch die Möglichkeit der „freien Rede“ und Kritik an eben dieser Ordnung einher. Dieser „Exzess“ funktioniert jedoch lediglich auf Zeit, die Ordnung wird nicht grundsätzlich durchbrochen oder infrage gestellt. Der „gestattete“, kontrollierte Exzess hat „reinigende“ Wirkung, dient als Ventil und festigt somit wie auch die Feier die soziale Gemeinschaft.

Feste und Feiern lassen sich nicht immer trennscharf voneinander abgrenzen, oft folgt auf eine förmliche Feier ein informelles Fest. Auch gibt es soziale „Get-togethers“, die sich weder dem Fest noch der Feier eindeutig zuordnen lassen. Gemeinsam ist beiden jedoch, dass sie, in den Worten des Philosophen Odo Marquardt, ein „Moratorium des Alltags“ sind.[9] Hiermit ist zugleich ein Punkt benannt, der für die historische Betrachtung von Festen und Feiern mit Blick auf das Kaiser-Wilhelm- bzw. Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht essentiell ist: das Verhältnis von (Arbeits-) Alltag zur Fest- bzw. Feierkultur. Beides steht in einem dialogischen bzw. dialektischen Verhältnis zueinander. In Fest und Feier spiegelt sich die feiernde Gemeinschaft mit ihren Werten, Hierarchien und sozialen Zusammenhängen unauflöslich. Wer also ein Verständnis vom Institut als sozialem aber auch Wissenschaftsort entwickeln möchte, der muss die Fest- und Feierkultur in gleichem Maße in den Blick nehmen, wie die wissenschaftliche Arbeit.[10]

II. Unfähig, zu feiern? – Das Institut und seine Außendarstellung

Politische Feier-Kultur. Von einem Institutsmitarbeiter angefertigte Fotografie vom Institutssitz im Berliner Stadtschloss auf den Lustgarten anlässlich des Einzugs der Spanischen „Legion Condor“ 1938 [11]

In Anlehnung an die berühmte Studie des Psychoanalytiker-Ehepaares Alexander und Marianne Mitscherlich, die der deutschen Nachkriegsgesellschaft 1967 aufgrund ihres Unwillens zur Auseinandersetzung mit den Verbrechen der NS-Zeit eine „Unfähigkeit zu trauern“ attestiert hatten, fällt in der historischen Forschung in Bezug auf Deutschland nicht selten die Formel der „Unfähigkeit zu feiern“.[12] Diese „Unfähigkeit“ wird insbesondere auf den Umgang mit der NS-Vergangenheit bezogen, hat in jüngster Zeit aber auch Anwendung auf die Postmoderne im Allgemeinen gefunden, der die großen „feierwürdigen“ Narrative und Wertbilder abhandengekommen seien. Auch in Bezug auf das Institut zeigt sich lange Zeit eine gewisse „Unfähigkeit zu feiern“, die gleichermaßen in seiner Gründungsgeschichte wie auch in seinem Umgang mit den Weltkriegen und der NS-Zeit begründet liegt.[13]

1. Keine Feierstimmung? Das Berliner KWI 1924–1945

Arbeitet man sich durch die überlieferten Unterlagen zur Institutsgeschichte, so fällt ein gewisses Missverhältnis ins Auge: Wenngleich seit Gründung des KWI eine Vielzahl von Festen überliefert ist, so gibt es doch bis in die 1950er Jahre keine Feier. Bereits die Gründung des Instituts ging glanzlos und ganz ohne Festakt über die Bühne. Dies lag zum einen an den konkreten Umständen der Gründung im Dezember 1924, welche – in wirtschaftlich schwierigen Zeiten – eher zufällig geschah, da die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft kurz vor Ablauf des Geschäftsjahres noch über Gelder verfügte, die kurzfristig für den Aufbau des Instituts investiert wurden.[14] Wenngleich das politische und wissenschaftliche Interesse an einem KWI für Völkerrecht groß war, waren der Erhalt und Ausbau des Instituts über Jahre hinweg unsicher und letztendlich vor allem Viktor Bruns‘ beharrlicher Lobbyarbeit in KWG, Ministerien und Politik zu verdanken. Die Anfänge des Instituts waren somit von Bescheidenheit und Unsicherheit gekennzeichnet. Auch darüber hinaus hatte es keine rechte „Feierstimmung“ gegeben: Das KWI war in eine politisch ernste Situation hineingegründet worden, die nicht von feierlichem Bekenntniswillen zu Frieden und Völkerverständigung getragen war, sondern von der Auseinandersetzung mit den Folgen des Versailler Vertrages für Deutschland.

In dem Moment, in dem es für das Institut tatsächlich Anlass zur „Feier“ hätte geben können, hatten sich die politischen Vorzeichen abermals drastisch verändert. Als erste größere Festivität der Institutsgeschichte ist das zehnjährige Jubiläum 1934 überliefert. Dieses wurde jedoch nicht als „Feier“, sondern als rein institutsinternes „Fest“ begangen. Dies mag auf den Umstand zurückzuführen sein, dass man bei einem zehnjährigen Jubiläum in der Regel noch keine großen öffentlichen Feiern ausrichtet, zudem mag aber auch der politische Machtwechsel 1933 eine Rolle gespielt haben. Denn: Eine Feier im „Dritten Reich“ hätte unausweichlich ein politisches Ereignis darstellen müssen, das nicht ohne ostentatives Bekenntnis zur neuen Ideologie ausgekommen wäre. Die Haltung von Viktor Bruns und dem Institut war in dieser Frage hochkomplex. Wenngleich Bruns die Nähe der neuen Machthaber suchte und das Kunststück vollbrachte, das KWI strategisch so gut aufzustellen, dass er die „Gleichschaltung“ verhinderte, ist sein Verhältnis, wie das des Großteils der Mitarbeiterschaft, zum Nationalsozialismus zwiespältig.[15] Man stand der „nationalen Revolution“ anfänglich nicht ablehnend gegenüber und bejahte Vieles, blieb aber dennoch skeptisch. Trotz Staatsnähe und NS-konformen personalpolitischen Maßnahmen, hielt sich das KWI mit öffentlichen politischen Stellungnahmen zurück – und das schloss auch Feiern mit ein. Ab 1939 verhinderte der Kriegsausbruch ohnehin jeden Anlass zur Feier, mit der Folge, dass bis zum Richtfest des Institutsneubaus in Heidelberg 1953 im Institut im eigentlichen Sinn keine einzige Feier abgehalten worden war.

2. Die Feier als Problem. Die Neugründungsphase des Instituts 1949–1959

Schwierige Neukonstituierung von Wissenschaft und Institut. Carl Bilfinger (links) anlässlich der Verleihung des großen Bundesverdienstkreuzes 1953. Mit (von links nach rechts) Hermann Mosler (letzte Reihe), Günther Weiß, Kurt Schmaltz, Walter Jellinek, unbekannt, Erich Kraske und Adolf Schüle [16]

Auch der Wieder- bzw. Neuanfang des Instituts in Heidelberg ging glanzlos ohne Feier vonstatten. Zwischen 1945 und 1948 war unklar gewesen, wie und ob es mit der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und ihren Instituten weitergehen würde. Auch das Schicksal des Völkerrechtsinstituts klärte sich erst 1949 und blieb auch nach der formellen Neugründung prekär: Teile des kriegszerstörten Instituts waren in Berlin verblieben, andere Teile notdürftig nach Heidelberg zum Wohnsitz des letzten KWI- und ersten MPIL-Direktors Carl Bilfinger transferiert worden. Der Neubeginn war aus vielen Gründen schwierig: Es mangelte an Personal, an Geld, an Büchern und an einem Institutsgebäude, zudem war der wiedereingesetzte Direktor politisch hochgradig kompromittiert und stellte eine zusätzliche Hypothek dar.[17] Auch war nach einem zweiten verlorenen Krieg unklar, welche Rolle die Völkerrechtswissenschaft und das Institut im nunmehr geteilten und international abermals isolierten Deutschland spielen konnten und sollten. Anlass zu Feierstimmung gab es jedenfalls abermals keinen.

Erst mit dem Richtfest des Heidelberger Institutsneubaus 1953 und der Einweihung des Gebäudes im Folgejahr fanden die ersten richtigen „Feiern“ des Instituts statt, doch zeichneten sich diese durch eine gewisse Richtungslosigkeit bzw. konzeptionelle Leere aus, die sich als Ausdruck der nachkriegsdeutschen „Unfähigkeit zu feiern“ lesen lässt. Zieht man die vom Richtfest überlieferte Ansprache Bilfingers und die Presseberichterstattung heran, so wird deutlich, dass es an einer grundlegenden, einer „Feier“ gemäßen Reflexion über die Selbstverortung des Instituts in seiner Zeit oder eine Formulierung eines tragbaren wissenschaftlichen Konzepts jenseits eines angesichts der historischen Ereignisse höchst fragwürdigen „Weiter-so“ mangelt.[18] Nicht nur, dass gerade Carl Bilfinger als „Mann von vorgestern“ keinerlei tragbare Zukunftsentwürfe für das Institut und die Völkerrechtswissenschaft hätte liefern können, auch jegliche Frage zur Herkunft und Tradition des Instituts hätte in der unmittelbaren Nachkriegszeit nur Fragen und Probleme aufkommen lassen, die man lieber verdrängte.[19]

Carl Bilfinger am 24. Juli 1953 bei der Grundsteinlegung des neuen Institutsgebäudes. Sein Richtspruch: „Auf den Fortbestand der Kultur, von der das Recht nur ein Teil ist.“ Am selben Tag war der mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden [20]

1954 standen gleich drei Groß-Ereignisse an: die offizielle Begehung des 75. Geburtstages Carl Bilfingers im Januar, die Einweihung des neuen Institutsgebäudes im Juni und die Verabschiedung Bilfingers bzw. der Amtsantritt Hermann Moslers im Oktober. Stellte sich der Bezug des neuen Gebäudes, der mit einem ausgelassenen Fest begangen wurde (dazu später mehr), als unproblematisch dar, hatte der Geburtstag Bilfingers einige Schwierigkeiten verursacht. Dieser wurde, wie auch die anlässlich des Richtfestes 1953 erfolgte Verleihung des Bundesverdienstkreuzes, in kleinem Kreis gefeiert. Zum Geburtstag erschienen sieben Institutsreferenten, sechs „Freunde des Instituts“ (vor allem KWI-Alumni), sieben Ordinarien der Heidelberger Juristischen Fakultät, der Heidelberger Oberbürgermeister und MPG-Präsident Hahn sowie einige Autoren der von Hermann Mosler und Georg Schreiber herausgegebenen Festschrift.[21] Obgleich die Einladungsliste bewusst klein gehalten war, war die Zahl an Absagen beträchtlich. Beide, Feier und Festschrift standen vor dem Problem der politischen Belastung Bilfingers, die bereits bei dessen Wiederberufung als Direktor harsche öffentliche Kritik hervorgerufen und das Ansehen des Instituts belastet hatte.[22]

Insbesondere für Hermann Mosler als früherem Mitarbeiter und Nachfolger Bilfingers als Direktor stellte die Festschrift einen schwierigen Spagat aus institutionellem Bekenntnis und politischer Abgrenzung dar. Geburtstag und Festschrift Bilfingers waren aber zugleich ein wichtiger Moment der sozialen Rekonstituierung der westdeutschen Rechtswissenschaft wie der Heidelberger Institutsgemeinschaft dar. Geht man die Namen derjenigen durch, die sich an der Festschrift beteiligt hatten bzw. die auf der „Feier“ erschienen waren, sind An- und Abwesenheiten auch als Ausdruck einer grundsätzlichen Haltung zum Institut zu lesen. So gehören beispielsweise die aufgrund ihrer jüdischen Herkunft im „Dritten Reich“ verfolgten bzw. diskriminierten Juristen Walter Jellinek, Erich Kaufmann und Karl Josef Partsch ebenso zu den Festschrift-Beiträgern wie  belastete Kollegen.[23]Starke Kritik hatte Bilfingers Festschrift auch im Ausland durch den NS-Verfolgten Juristen Erich Cohn ausgelöst, der in einem Verriss in der Modern Law Review die rhetorische Frage aufwarf: „[I]s it morally right—or is it even merely politically tactful—to honour and to praise the representatives of the Nazi legal theory […]?”[24] Mosler suchte im Nachgang der Rezension den Kontakt zu Cohn und versuchte sich ihm gegenüber zu rechtfertigen. Doch Cohn blieb bei seiner Kritik und bezeichnete die Würdigung Bilfingers nicht nur als “grosses moralisches Unrecht” und “ernste Taktlosigkeit”. Insbesondere hob er die vergangenheitspolitische Dimension der Festschrift hervor:

“Man kann es verstehen, wenn die Gesinnungsgenossen solche Festtage begehen. Davon braucht man keine Notiz zu nehmen. Wenn aber andre dies tun, so ist es ein Zeichen, das nicht übersehen werden darf, – ein Zeichen dafür, wie weit das Vergessen und Vergeben gegangen ist, gerade auch bei denen, die keinen Anlass haben zu vergessen und die neben dem Vergeben auch der Vorsicht gedenken sollten.”[25]

Eine überzeugende Antwort konnte Mosler hierauf nicht geben. Fest steht nur, dass der öffentliche Umgang mit Bilfinger zu dessen Lebzeiten schwer blieb. Erst mit seinem Ableben schien für Mosler und das Institut die letzte offenkundige historische Hypothek fürs Erste gelöscht.

3. Alter Stil, doch neue Werte? Die Feier ab 1959

Bis auf den letzten Platz besetzt. Otto Hahn eröffnet den Institutsanbau mit Vortragssaal 1959 [26]

Mit dem Antritt Hermann Moslers als Direktor 1954 änderte sich viel für das Institut. Anders als Bilfinger, der vor allem ein Übergangsdirektor gewesen war, verfolgte Mosler einen klaren Westintegrations-Kurs und setzte darauf, das Institut auch international wissenschaftspolitisch zu vernetzen. Deutlich wird dies auch in der Feier-Kultur des MPIL. Waren die „Feiern“ der Jahre 1953 und 1954 noch historisch überschattet und fanden mit „angezogener Handbremse“ statt, zeigt sich bei der nächsten großen Feier anlässlich der Einweihung eines Erweiterungsbaus an das Institutsgebäude am 22. November 1959 ein ganz neuer, zukunftszugewandter und befreiter Ton.

Gefeiert wurde im neuen Vortragssaal mit 123 Gästen, mit Ansprachen von MPG-Präsident Otto Hahn und Institutsdirektor Mosler. Hermann Mosler „beschwor“ in seiner Ansprache zwar weder eine gemeinsame, die Feiergesellschaft verbindende Geschichte jenseits der „schon seit über 30 Jahren“ bestehenden „Denk- und Arbeitsweise und einer gemeinsamen Gesinnung“ („Sie finden hier den alten Stil“), noch traf er grundlegende Aussagen über die Rolle des Instituts, jenseits des Umstandes, dass „das Völkerrecht mit seiner erweiterten Entwicklung zu den internationalen, supranationalen Organisationen, also ganz neue Dinge, zu bewältigen“ habe.[27] Dennoch gehen von seiner Rede ein merklicher Optimismus und ein gemeinschafstiftender Geist aus, die aus dem Umstand resultierten, dass das Institut und seine Angehörigen nach vielen entbehrungsreichen Jahren eine angemessene Heimstätte hatten – mit einem großen Veranstaltungssaal, der Feiern und größere Fach-Veranstaltungen überhaupt erst möglich machte. Der wissenschaftliche Festvortrag, gehalten von Alumnus Hans-Joachim von Merkatz zum Thema „Das Ringen um die Verwirklichung der politischen Gemeinschaft Europas“ wies in die von Mosler verkörperte Stoßrichtung des Instituts, die in den folgenden Jahren in einer stetig steigenden Zahl internationaler Vortragsgäste sowie in den ab 1959 vom Institut und der „Heidelberger Gesellschaft“ ausgerichteten verfassungsvergleichenden internationalen Kolloquien ihre Fortsetzung fand.[28]

Vortrag Walter Hallstein 1962 im Institut [29]

Die Institutsvorträge waren in der Regel öffentlich und richteten sich nicht nur an ein wissenschaftliches Fachpublikum, sondern dienten der Vernetzung des Instituts mit Honoratioren aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Selbstredend gab es nach jedem Vortrag auch einen Empfang.[30] Die Vortragsabende und das sich anschließende „gesellige Beisammensein“ waren für das Institut eine wichtige Gelegenheit, Verbindungen zu „Stakeholdern“ zu etablieren und zu pflegen. Die Einladungslisten waren sorgfältig zusammengestellt und es wurde darauf geachtet, dass stets regionale wie überregionale Presse berichtete.[31] Die Institutsvorträge, insbesondere jedoch die Kolloquien können als eigentlicher Beginn der „Feier-Kultur“ am Institut betrachtet werden. Zum einen sind sie sinnfälliger Ausdruck der inhaltlichen wie normativen Ausrichtung des Instituts, darüber hinaus stellten sie einen bedeutenden Sozialisationspunkt für die beteiligten Wissenschaftler und eine Möglichkeit zur Selbstrepräsentation des Instituts dar.

Heidelberger Romantik. Empfang im Haus Buhl im Anschluss an das Kolloquium „Gerichtsschutz gegen die Exekutive“ 1968 [32]

Mehr noch als die Institutsvorträge hatten die internationalen rechtsvergleichenden Kolloquien eine besondere gesellschaftliche Dimension. Neben der wissenschaftlichen Arbeit und der internationalen Vernetzung des Instituts, hatten die Abendempfänge, mit denen die Veranstaltungen beendet wurden, einen besonders festlichen Charakter. Auch hier konnte das Institut bei der internationalen Wissenschaftscommunity Eindruck machen. Die Organisation und Durchführung eines internationalen Kolloquiums mit Teilnehmern aus allen Teilen der Welt stellte im vordigitalen Zeitalter einen enormen Arbeitsaufwand dar, der große personelle und finanzielle Ressourcen band und zeitintensiv war. Auch die Reise an das Heidelberger Institut stellte für Teilnehmer aus Lateinamerika, Asien und Afrika im Wortsinne eine „Weltreise“ dar.[33] In Zeiten ohne Internet oder Zoom war ein vertiefter fachwissenschaftlicher Austausch nur persönlich möglich, was die soziale Dimension der Kolloquien noch weiter unterstreicht.

4. Kanonisierung und Vergangenheitsaversion

Feier von Hermann Moslers 85. Geburtstag 1997. Hermann Mosler und Jochen Frowein [34]

„Feiern“ gab es im Institut auch jenseits der Kolloquien viele – zu viele, um sie an dieser Stelle ausführlich zu würdigen. Erinnert sei an dieser Stelle nur die Institutsjubiläen und die runden Geburtstage von wissenschaftlichen Mitgliedern und Direktoren, die häufig zum Anlass einer Feier und einer Festschrift genommen wurden, sowie die Verabschiedungen und Einführungen von Direktoren, die ebenfalls groß begangen wurden. Stellten die Institutsjubiläen das MPIL hinsichtlich des Umgangs mit der eigenen Geschichte vor Herausforderungen, waren – mit Ausnahme Bilfingers – die Geburtstage verdienter ein dankbarerer Anlass, das Institut und seine Arbeit zu feiern.[35]

Geburtstagsfeiern waren wichtige Momente der Kanonisierung von Wissenschaftlern und ihrem Werk innerhalb von MPG und MPIL. Trotz genereller „Vergangenheitsaversion“ in der bundesrepublikanischen Gesellschaft, die wie das Institut eine Auseinandersetzung mit dem „Dritten Reich“ weitestgehend vermieden, ließen sich wissenschaftliche Biographien vergleichsweise unkompliziert würdigen: Der Fokus wurde auf die wissenschaftlichen Publikationen gelegt und als unpassend empfundene politische Verstrickungen im Lebensweg elegant umschifft. Eine besondere Rolle in der akademischen Geburtstagsfeier-Kultur von Institut, MPG und der deutschen Rechtswissenschaft spielte – quasi als Anti-Bilfinger – der im „Dritten Reich“ als Jude verfolgte und 1934 als wissenschaftliches Mitglied des KWI und Mitherausgeber der ZaöRV durch Carl Schmitt ersetzte Erich Kaufmann (1880-1972). Ausweislich der überlieferten Unterlagen im Institut gab es kein (wissenschaftliches) Mitglied, das nach 1945 häufiger und größer gefeiert worden wäre als er. 1950 war er abermals zum wissenschaftlichen Mitglied des Instituts ernannt worden, hatte unter anderem 1960 die Harnack-Medaille der MPG erhalten und war ab 1952 Mitglied des Ordens „Pour le Mérite“. Bei den Feiern im Institut wird deutlich, dass es gegenüber Kaufmann etwas gut zu machen galt. Zugleich bot sich Kaufmann zur Selbstrehabilitierung des Instituts an – an seine Verfolgung im „Dritten Reich“, die allen Institutsangehörigen entweder aus eigener Erinnerung oder als offenes Geheimnis bekannt war, wollte er tunlichst nicht erinnert werden. Somit wurden Kaufmanns Geburtstage vom Institut groß und feierlich begangen, ohne dass die NS-Zeit dabei angesprochen werden musste, was ihn für das Institut zu einem einfachen und beliebten Jubilar machte.[36] Andere NS-Verfolgte frühere Institutsangehörige wie Marguerite Wolff wurden aus dem institutionellen Kanon entweder verdrängt oder suchten, wie Gerhard Leibholz, erst nach dem Tod Bilfingers wieder die Nähe des Instituts.

Vielfach gefeiert und gewürdigt durch Festschriften und Geburtstagskolloquien und Feiern anlässlich des Amtseintritts und der Verabschiedung wurden auch Alexander N. Makarov (1888–1973)[37] und natürlich die Institutsdirektoren Hermann Mosler (1912–2001)[38], Rudolf Bernhardt (1925–2021)[39], Karl Doehring (1919–2011)[40], Helmut Steinberger (1931–2014)[41] oder Jochen Frowein (*1934)[42]. Ein gleichermaßen wichtiges Forum zur Feier des Instituts und seiner Protagonisten ist der Nachruf in der ZaöRV und, im Falle Bernhardts und Doehrings, die nach ihrem Tod eingerichteten Lectures, die im jährlichen Wechsel an zentrale Elemente im wissenschaftlichen Werk der früheren Direktoren erinnern und dieses fortentwickeln sollen.[43] Auf diese Weise wird noch eine weitere Dimension der Feier deutlich: die Aufhebung von Zeitlichkeit und die Schaffung von „Transzendenz“. Indem Kanones und über Lectures Medien der Erinnerung an Institutsakteure geschaffen werden, schreibt sich das Institut mit seinen Akteuren und Arbeiten in einen über diese hinaus weisenden Zusammenhang des „Großen und Ganzen“ ein und versucht, Geschichte, Gegenwart und Zukunft miteinander zu verbinden.

III. Der „kontrollierte Exzess“. Das Fest am Institut

Als Partylöwe bekannt: Hausmeister Theo Völker (mit Waldhorn) und Ehefrau 1981 [44]

Wenngleich die Fest- und Feierforschung Deutschland eine gewisse „Unfähigkeit zu feiern“ diagnostiziert hat, war die „Fähigkeit zum Fest“ davon unberührt. Feste gab es am Institut von Anbeginn an und zu allen Lebenslagen. Zu den „Festen“ im Institut gehören viele „Sub-Genres“. An vorderster Stelle stehen natürlich Geburtstage von Institutsangehörigen, Dienstjubiläen, Weihnachtsfeiern, Sommerfeste, Betriebsausflüge, Verabschiedungen und die festliche Begehung von Promotionen bzw. Habilitationen. Oft schloss (und schließt) sich an eine förmliche „Feier“ ein informeller Teil in Form des „Festes“ an, wie zumeist bei den Festabenden anlässlich der Kolloquien. Eine besonders „doppeldeutige“ Rolle hatten die Geburtstage der Direktoren, wurden diese ab dem 60. Geburtstag einerseits mit wissenschaftlichen Festkolloquien begangen, auf denen das Werk des Jubilars von Schülern und Weggefährten gefeiert wurde. Andererseits gab es auch interne Feste mit sogenannten „Spaßfestschriften“ von Mitarbeitern. Diese Spaßfestschriften schwankten zwischen Anerkennung, Ulk, Ironie aber auch subversiver Kritik. Im Allgemeinen lässt sich über die „Feste“ am Institut festhalten, dass „Exzess“, „Grenzüberschreitung“ und „Subversion“ ebenso dazugehörten wie Teambuilding und Lebensfreude. Wie für die „Feier“ gilt auch für das „Fest“, dass es in Wechselverhältnis zum (Arbeits-) Alltag steht, den es als „Moratorium“ auflöst. Die Festkultur war und ist am Institut (vor)geprägt durch seine Größe, soziale Zusammensetzung, die historischen Umstände und die örtlichen Gegebenheiten, unter denen gearbeitet und gefeiert wurde. Zeichnete sich das Berliner KWI durch seine vergleichsweise geringe Größe und sein großbürgerlich-adliges Sozialmilieu aus (1936 hatte das Institut 20 wissenschaftliche und 21 technische Angestellte, ¼ der Mitarbeiter stammte aus ehemaligem Adel)[45], war das Heidelberger Institut sehr viel „bodenständiger“ und (bildungs-)bürgerlicher zusammengesetzt. Auch das MPIL kennzeichnete sich bis in die 2000er Jahre durch eine überschaubare und konstante Mitarbeiterzahl mit 21 wissenschaftlichen und maximal 35 nicht-wissenschaftlichen Planstellen bis in die 1990er Jahre.[46] Erst mit dem Umzug in das aktuelle Gebäude im Neuenheimer Feld begann das Institut stark zu wachsen und auch internationaler zu werden, sodass es, Stand 2024, 174 Mitarbeitende zählt, von denen 111 in der Wissenschaft tätig sind, was nicht ohne Einfluss auf die Festkultur geblieben ist.

1. Über „Fürstenlaunen“. Feste am KWI

Im Schatten des Hakenkreuzes. KWG-Betriebsfeier im Harnack-Haus, vermutlich 1939, von links am Tisch sitzend: Alexander N. Makarov, Ehepaar Schmitz, unbekannt [47]

Es lässt sich mit Sicherheit behaupten, dass es in Deutschland, vielleicht auch in Europa, in den 1920er Jahren kaum einen Ort gegeben hat, in dem man so ausgelassen und wild feiern konnte wie in Berlin. Carlo Schmid, der, aus dem beschaulichen Tübingen kommend, von 1927 bis 1928 Referent am KWI gewesen war, beschreibt seinen ersten Eindruck der Reichshauptstadt als „bestürzende“ Form der Überwältigung.[48] Wenngleich das überreiche kulturelle Angebot „ein Fest für sich“ war und Schmid bekundete „Berlin konnte kein Ort für Gelassenheit des Geistes und der Sinne sein“, war das Arbeitspensum hoch: „Fast immer blieb man bis zum späten Abend im Schloß und war dann meist zu müde, um an den Annehmlichkeiten, die die Metropole bot, teilzunehmen.“[49] Dennoch legen die überlieferten Aufzeichnungen von KWI-Angehörigen nahe, dass diese das Freizeitangebot der Stadt zu nutzen wussten und vielfach aufgrund der Möglichkeiten, die das Leben in der Reichshauptstadt bot, überhaupt erst nach Berlin gekommen waren.[50]

Institutssommerfest 1932 bei Viktor Bruns im Garten. Ehepaar Bruns (2. und 3. stehend v.l.) mit Mitarbeiterinnen [51]

Auch wenn es am Berliner KWI im eigentlichen Sinne keine „Feiern“ gab, so gab es dennoch viele Feste, deren Form und Stil das großbürgerliche Berliner Milieu der 1920er Jahre vorzüglich zum Ausdruck bringt. Das erste große Fest in der Geschichte des Instituts fand im Dezember 1934 anlässlich seines zehnjährigen Bestehens statt. Das Jubiläum wurde jedoch nicht als (KWG-) öffentliche Feier, sondern nur im kleinen Kreis der Mitarbeiterschaft im Goethesaal des Harnack-Hauses in Berlin begangen. Was durch Tagebuchaufzeichnungen von Marie Bruns und einer von Institutsmitarbeiterinnen angefertigten Spaßfestschrift sowie dem Theaterstück „Der Jahrestag der Thronbesteigung. Eine unzeremoniöse Szene am Hofe des Fürsten Carolus des Siegreichen“ [52] als rauschendes Fest überliefert ist, zeigt bei näherer Betrachtung einige Risse. Einerseits kennzeichnet sich das Fest durch den Überschwang einer kleinen Pioniertruppe, die stolz auf zehn Jahre harter Aufbau-Arbeit und bisher Geleistetes zurückblickt. Andererseits reichen die Folgen der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ auch tief in das soziale Gefüge des Instituts. Die als Juden verfolgten Institutsangehörigen Marguerite Wolff und Erich Kaufmann waren erst wenige Monate zuvor entlassen worden, der frühere Mitarbeiter Hermann Heller war im Exil verstorben.[53] Stattdessen hatte Viktor Bruns prononcierte Nationalsozialisten wie Carl Schmitt, Herbert Kier und Hermann Raschhofer ins Institut geholt – personalpolitische Maßnahmen, die in solch einer kleinen Forschungseinrichtung durchaus spürbar gewesen sein müssen.[54]

Hiervon ist auf dem Fest selbst jedoch nichts zu merken – im Gegenteil. Feste wollen Einheit stiften und Konflikte überkommen, Politik hat auf ihnen keinen Platz. Und so erscheint die Festgemeinschaft 1934 als vermeintlich heile Welt, die in ihrem Fest-Stil zwischen einem nahezu selbstvergessenen und gleichermaßen über den Dingen stehenden, aus Kaisers Zeiten stammenden Großbürgertum und emanzipierter Modernität schwankte, die im „Dritten Reich“ eigentlich beide keinen Platz mehr hatten. Konzipiert war das Jubiläumsfest als Überraschung für Direktor Viktor Bruns, welchem laut Aufzeichnungen seiner Frau „wochenlange Vorbereitungen“ (insbesondere der „Instituts-Damen“) vorausgegangen waren. Man begann mit einem vierhändigen Konzert auf zwei Flügeln, dargeboten von den Referenen Wilhelm Friede und Alexander N. Makarov, die „dem Wesen ihres Spiels nach Künstler“ waren, gefolgt von Flötenspiel von Joachim-Dieter Bloch. Die Sekretärinnen des Instituts boten eine Reihe von Theateraufführungen und Sketchen dar.

Ein Faible für Rokoko? 50. Geburtstag von Ehepaar Bruns. Mitarbeiterinnen führen einen Einakter im Hause Bruns auf [55]

Im Zentrum des Fests stand das Theaterstück von Direktionssekretärin Ellinor Greinert „Am Hof Karolus des Siegreichen“ in Form einer „Plauderei im Stil der Rokokozeit“:

„In geborgten Rokoko-Kostümen, deren Farbe und Art dem Charakter der Spielenden angepasst war, kamen die feinen Gestalten zu höchster Geltung. Ihre eleganten Verse sprachen sie lieblich und preziös; die Reden wurden von blumenhaften Bewegungen begleitet. Auge, Ohr, Verstand und Herz hatten ihren Hochgenuss an der Vorführung.“

Es folgte ein „kaltes Essen an langen Tafeln“, eine Ansprache des Referenten Graf Mandelsloh über den „Kameradschaftsgeist“ im Institut. Marie Bruns brachte die vermeintlich heile Festgesellschaft auf den Punkt:

„Die allgemeine Freude klang sehr hübsch in Tänzen aus, wo jung und alt, Buchbinder und Sekretärinnen, Referenten und Köchin durcheinander tanzten. Eigentlich konnte man kein Ende finden. Es war so hübsch, sich eins zu fühlen und zu spüren, wie jeder mit ganzem Herzen dabei war. Schließlich stand das Auto vor der Tür, aber meine Schlingel von Töchtern tanzten immer von uns weg und ihre Tänzer halfen ihnen aufs eifrigste bei der rhythmischen Flucht.“

Doch zeichneten sich die Feste am KWI nicht nur durch in gewisser Weise betuliche Direktorenverehrung aus, ganz im Gegenteil war der höfischen Inszenierung ein dezidiert subversiver Zug inhärent. Nicht nur in der Jubiläums-Festschrift von 1934, auch im Theaterstück über den Hof „Karolus des Siegreichen“ heißt es über den „Fürsten“: „Karolus ist nun eben l’homme de l’imprévu – So nennt Ihr das! Ich hörte davon raunen / und glaubte stets, man nennt es Fürstenlaunen.“[56] Die Sekretärinnen des Instituts zeigten zwar einerseits ihre große Anerkennung gegenüber dem Direktor, dennoch übten sie ironische Kritik an Hierarchien im Institut.[57]

Ellinor Greinert als Tübinger Stiftskirche im Stile Hugo Balls (links), Hugo Ball im dadaistischen Kostüm (rechts) [58]

Der „avantgardistische“ Humor einiger Institutsangehöriger, wie auch das illustre soziale Umfeld des Instituts, wird unter anderem bei der Feier von Viktor und Marie Bruns‘ 50. Geburtstag im Februar 1935 deutlich, der nur wenige Wochen nach dem Jubiläum gefeiert wurde. Abermals gab es eine Rokoko-Kostüm-Aufführung, Marie Bruns gab auf dem Klavier eine „Mozartbegleitung mit recht dürftigen Trillern“ und Direktionssekretärin Ellinor Greinert trug, als Tübinger Stiftskirche verkleidet (Viktor Bruns‘ Familie stammte aus Tübingen), Gedichte vor. Das Kostüm war, in Anlehnung an Hugo Ball, von einem Freund der Familie, dem Künstler Hans Sauerbruch, einem Sohn des Chirurgen Ferdinand Sauerbruch, angefertigt worden.[59] Nicht weniger exklusiv macht die Bruns’sche Festkultur, dass die überlieferten Bilder von der seinerzeit sehr gefragten Porträtphotographin Lore Feininger, der Ex-Frau Lyonel Feiningers, angefertigt worden waren.[60]

2. „Jeder bekam ein Würstchen“. Feste am MPIL

Bescheidene Anfänge. Instituts-Weihnachtsfeier vor 1954 im Saxo-Borussen-Haus [61]

An die Berliner Festkultur konnte man am Heidelberger MPIL nicht mehr anknüpfen, zu sehr hatten sich die Zeiten und auch das Institut verändert. Mit dem Kriegsende, der Zerstörung Berlins und der alten Institutsräumlichkeiten im Berliner Stadtschloss waren die Zeiten des alten, großbürgerlich-kosmopolitischen KWI gezählt. Der Neuanfang in Heidelberg war mühsam und bescheiden. Es dauerte bis Mitte der 1950er Jahre, ehe das Institut sich wieder „gefestigt“ hatte. Erst mit Fertigstellung des Institutsgebäudes in der Berliner Straße in Heidelberg 1954 gab es wieder ein „Zentrum“, um das die Institutsgemeinschaft sich herum konstituieren konnte. Die Institutsarbeit war nicht nur zwischen Berlin, wo ein Teil der Forschungseinrichtung mit der Bibliothek verblieben war, und Heidelberg aufgeteilt, auch in Heidelberg war das Institut auf verschiedene Räumlichkeiten in der gesamten Altstadt verteilt. Wenn gefeiert wurde, so geschah dies im Esszimmer des Verbindungshauses der Saxo-Borussia, das vom Institut angemietet worden war, oder in der geräumigen Villa des Direktors Carl Bilfinger auf dem Philosophenweg. Die Feste waren dennoch von großer Einfachheit geprägt, wie Karl Doehring an die Instituts-Weihnachtsfeiern zurückerinnert: „Es gab einen Weihnachtsbaum und jeder bekam ein Würstchen.“[62] Doch ab Mitte der 1950er ließ man langsam die Bescheidenheit hinter sich, insbesondere der Wurst-Konsum sollte sich in den folgenden Jahrzehnten beträchtlich steigern. Mit dem generellen materiellen und gesellschaftlichen Aufschwung im Zeitalter des „Wirtschaftswunders“ ging es natürlich auch mit dem Institut „bergauf“, was sich auch in den Institutsfesten spiegelt.

3. Aber bitte mit Sahne. Fest und Konsum

„Den Hunger besiegt”. Rudolf Bernhardt am Buffet anlässlich der Einführung von Karl Doehring und Jochen Frowein als Mit-Direktoren 1981 [63]

Als, wie bereits angeführt, erste größere Feier am Institut kann die Einweihung des neuen Institutsgebäudes 1954 gelten. Im Anschluss an die Feier folgte ein Fest in den „Stadthallen Gaststätten“ mit 110 Gästen (mit ungefähr paritätischer Geschlechterverteilung, da seinerzeit die Teilnahme von Ehepartnerinnen und -partnern als selbstverständlich erachtet wurde). Die überlieferte Rechnung bestätigt den langsamen Wirtschaftsaufschwung in der Bundesrepublik.[64] Ausweislich des Menus speiste man Ochsenschwanzsuppe mit Roastbeef (rosa gebraten) zu „pommes frites“ (seinerzeit noch kein Fastfood) an Salat. Zum Dessert gab es „Fürst Pückler Eis mit Sahne und Waffel“. Interessanter liest sich der Getränkeverzehr, sind doch auf der Abrechnung 103 Flaschen Wein für 110 Personen aufgeführt, zuzüglich 36 Flaschen Bier und 23 Gläsern Weinbrand. An Nicht-Alkoholika wurden lediglich 28 Flaschen Wasser, 5 Gläser Traubensaft und eine Flasche Coca-Cola (seinerzeit ein noch eher „exklusives“ amerikanisches Getränk) konsumiert. Stellt man dann noch in Rechnung, dass entsprechend den Konventionen der Zeit der Großteil des Alkohols von den 55 geladenen Herren verzehrt wurde, ergibt sich ein stolzer Pro-Kopf-Verbrauch. Hinzu kamen 76 Zigarren und 16 Schachteln Zigaretten, die in der Gaststätte erworben wurden – zuzüglich zu den von den Gästen bereits mitgeführten Rauchwaren.

Nichts für schwache Mägen. Buffet anlässlich der Amtseinführung von Karl Doehring und Jochen Frowein 1981 [65]

Möchte man als zweite Impression zur Konsumkultur am Institut die Feier zur Verabschiedung Hermann Moslers und zur Berufung Karl Doehrings und Jochen Froweins als Direktoren 1981 zum Vergleich heranziehen, so hat sich der Weinverbrauch noch weiter erhöht. Für 200 geladene Gäste wurden 300 Flaschen bereitgestellt – gesponsert von der BASF. Kredenzt wurde zudem ein kaltes Buffet mit englischem Roastbeef, Schweinerücken, Kasseler (mild geraucht), „Truthahn american“, Schweinelendchen mit Kiwi, Schinkenröllchen mit Spargel, gefüllten Eiern, Tomaten mit Thunfisch, Forellenfilets, Geflügelsalat Hawaii, Rindfleischsalat und norwegischer Reissalat (mit Lachs). Als – nach heutigen Maßstäben – vegetarische Elemente des Buffets gelten können: diverse (Blatt-) Salate und das „internationale Käsebrett“ mit Brotbeilage.[66]

Schlacht am Buffet 1968 Kolloquium „Gerichtsschutz gegen die Exekutive [67]

Besonders gut dokumentiert sind die anlässlich der Kolloquien und Festen angerichteten Buffets, die in der visuellen Erinnerungskultur des Instituts einen beträchtlichen Teil einnehmen. Die Bedeutung fotografisch festgehaltener Essensszenen und Speisen erklärt sich historisch aus den gerade erst überwundenen Hungerjahren des Krieges und den (kühltechnisch bedingten) Importmöglichkeiten von bis dato eher unbekannten exotischen Früchten wie Melonen und Bananen, die den Gästen stolz mit Schlagsahne-Bergen dargeboten wurden. Die Bedeutung dieses kulinarischen Überflusses für die Festgesellschaft lässt sich erahnen, wenn man die unlängst erschienenen Aufzeichnungen von Rudolf Bernhardt aus seiner sowjetischen Kriegsgefangenschaft oder die Schilderungen von Karl Doehrings britischer Kriegsgefangenschaft in dessen Autobiographie heranzieht.  Doehring berichtet von den fünf Jahren im Zeltlager in der ägyptischen Wüste, dass die „Ernährung (…) immer knapp“ und auch die Trinkwasserversorgung ein Problem war.[68] Im Vergleich zu Rudolf Bernhardt ging es ihm damit noch gut. In der sowjetischen Gefangenschaft war die Ernährungslage derart katastrophal, dass Bernhardt mehrfach kurz vor dem Tod stand und zum Zeitpunkt seiner Entlassung 1947 auf 48 Kilo Körpergewicht abgemagert war:

„Der Hunger ist groß, mancher kann sich nicht beherrschen und schlingt schmutzige und kranke Kartoffelschalen, gefrorenes Kraut oder ähnliche Dinge hinunter, die der geschwächte Magen nicht vertragen kann. Es ist eine traurige Wahrheit, daß einzelne selbst ihren Tod herbeiführen, weil sie den Hunger nicht bezwingen können.“[69]

Vor diesem Hintergrund erscheinen die Fest-Buffets nicht nur als opulent, sondern geradewegs als „schlaraffisch“.

4. „Lass sie doch feiern“. Transgression und Subversion

Das Heidelberger Institut war von seiner sozialen Zusammensetzung im Vergleich zum Berliner KWI zwar „bürgerlicher“, dennoch war es dadurch nicht weniger hierarchisch. Hatten zu Berliner Zeiten das technische und wissenschaftliche Personal überwiegend demselben großbürgerlichen Milieu angehört, rekrutierten sich insbesondere die nicht-wissenschaftlichen Institutsmitarbeiter nun aus dem lokalen Handschuhsheimer Bürgertum. Zwar gab es durch die räumliche Situation im Institutsgebäude in der Berliner Straße und die vordigitalen Arbeitsprozesse, die eine enge Einbeziehung von (vorwiegend weiblichen) Schreibkräften in die (wissenschaftliche) Textproduktion mit sich brachten, eine ausgeprägte Kollegialität und ein Bewusstsein für die gemeinsame Aufgabe. Gleichermaßen gab es, zumindest im Vergleich zu heute, stärkere soziale Hierarchien zwischen Forschenden und Nicht-Forschenden und mitunter auch im Verhältnis zwischen Direktorium und Referenten.[71]

Beispielhaft für die sozial „egalisierende“ Wirkung von Feiern mag der langjährige Hausmeister Theo Völker gelten, der in der Institutsgemeinschaft augenscheinlich eine derart präsente Figur war, dass man scherzhaft sagte, dass Institut sei nach ihm und nicht nach seinem Forschungsgegenstand benannt. Auf den von den Institutsfesten überlieferten Fotos nimmt Theo Völker stets eine prominente Rolle ein. Zeigen ihn Bilder aus dem Alltag des Instituts in blauem Arbeitskittel, so ist er auf Festen, gewissermaßen für einen Abend bewusst aus seiner sozialen Rolle ausbrechend, Arm in Arm mit bedeutenden Professoren oder Gattinnen von Direktoren oder Kuratoriumsmitgliedern herzend, Waldhorn spielend, singend oder mit jungen Referentinnen tanzend zu sehen.[72]

Akribisch dokumentiert: Die Korrespondenzen, Abrechnungen, Fotos und persönlichen Erinnerungen zu Festen und Feiern im Institut umfassen mehr als einen Meter Aktenmaterial [73]

Einen prägenden Einblick in die Heidelberger „Festkultur“ vermittelt die 1995 von Karl Doehring gehaltene, nostalgisch eingefärbte Weihnachtsfeierrede. Doehring gibt einen launigen Rückblick über die zurückliegenden 46 Jahre, denen er ab 1949 als Referent und von 1981 bis 1987 als Direktor dem MPIL angehörte. Statt vierhändiger Klavierkonzerte und Rokoko-Aufführungen wurde am MPIL eine etwas bodenständigere Festkultur gepflegt mit Ziehharmonika, Gitarre, Schlagermusik und etwas Landser-Romantik: „Zum Schluss endeten solche fröhlichen Feste, indem wir alle zusammen die ‚Schildwacht‘ sangen. Die hatte ich eingeführt in solche Feste, als alter Soldat, mich erinnernd an einen großen Teil meines Lebens.“[74] Gerade Doehring schien ausweislich seines Credos „Lass sie doch feiern“ der feierfreudigste und toleranteste Direktor gewesen zu sein.[75]

Karikatur Jochen Frowein (G. Baldini, 1990) [76]

Ein subversives Element, mit dem das Festliche für Momente auch im Alltagskontext der Referentenbesprechung durchbrach, beinhalteten vor allem die zumeist von Matthias Hartwig vorgetragenen Rosenmontagsansprachen[77] bzw. die von vielen Weihnachtsfeiern überlieferten launigen Gedichte bzw. Theaterstücke und die Direktoren überreichten Spaßfestschriften, die Charaktereigenschaften, Institutsbegebenheiten und Mitarbeitende wohlwollend bis satirisch verarbeiten.[78] So wird beispielsweise in der Spaßfestschrift „Heidelberger Menschenrechtskonvention“ (HMRK) zu Jochen Froweins 60. Geburtstag 1994, von Mitarbeitenden ironisch die „Menschenrechtssituation im Institut“ untersucht.[79] Im Zentrum der Festschrift stehen die Zusammensetzung des Instituts und dessen Hierarchien (Referendare sind „noch ungeborenen Kindern“ gleichgestellt, ein „großer Schritt zur Erreichung der Menschwerdung ist der Entschluß zur Habilitation“[80]). Großen Raum nimmt auch die wissenschaftliche Kultur ein, insbesondere in der Referentenbesprechung. Stefan Oeter diskutiert das „Recht auf Referentenbesprechung“, Dominik Lentz reflektiert die Frage von „Mindermeinungsschutz“ in der Referentenbesprechung und Peter Rädler das Recht auf „freie Persönlichkeitsentfaltung“ im Institut. Sind die Beiträge in den Spaßfestschriften für die Direktoren dennoch immer im Rahmen geblieben, sind auch anonyme „Theaterstücke“ überliefert, die, wie man hört, für nachhaltigere Verstimmung im Direktorium und unter Mitarbeitern gesorgt haben, die sich als unzutreffend karikiert empfunden haben.[81] Der Festen eigene „Exzess“ funktioniert also nur, wenn er im Rahmen bleibt und die soziale Ordnung temporär aufhebt, ohne sie in den Grundsätzen infrage zu stellen, ansonsten gilt das Fest als misslungen – ein Punkt, der gerade bei vorgerückter Stunde und steigendem Alkoholkonsum nicht immer leicht zu finden war (und ist).

Für das leibliche Wohl zuständig: Verwaltungsleiterin Margarete Noll verköstigt Konferenzteilnehmer 1964 [82]

Werden auf Festen soziale Rollen zum Teil bewusst aufgehoben, werden sie andererseits auch verfestigt, zum Teil aber auch neu ausgehandelt. Über den Großteil der Institutsgeschichte hinweg war es üblich, dass die Mitarbeiterinnen und Direktorengattinnen für das „Soziale“ zuständig waren. Fast alle Feiern und Feste wurden im Hintergrund maßgeblich von Frauen organisiert und betreut, da der Großteil der Verwaltung zum einen von Frauen besetzt war, zum anderen, da das Zubereiten von Kaffee und Anrichten von Speisen klassisch „gegenderte“ Tätigkeiten waren.

Auszug aus der Weihnachtsansprache 1973

Und so gehörte es auch zu den Aufgaben der damaligen Verwaltungsleiterin Margarete Noll nicht nur den kompletten Institutsetat zu verantworten und auch auf die Kinder des Direktors aufzupassen, sondern auch die Verköstigung von Konferenzteilnehmern zu übernehmen. Gleiches galt für die Ehefrauen der Direktoren, die für die zahlreichen „semi-offiziellen“ Gesellschaftsabende im Privatheim, das als großzügige und repräsentative Dienstwohnung von Seiten der MPG eigens für diesen Zweck zur Verfügung gestellt war, zuständig waren. Aus diesem Grunde war es im Heidelberger Institut über Jahrzehnte Brauch, dass die „Herren“ zu Weihnachten den „Damen“ dankten und sie zur Feier einluden. Eine Praxis, die in den 1980er Jahren als paternalistisch vom weiblichen Personal abgelehnt wurde und fortan verschwand.[83]

IV. Zwischen Internationalisierung und Historisierung. Fest und Feier im 21. Jahrhundert

Feierlich. Die Einweihung des neuen Institutsgebäudes im Neuenheimer Feld 1998 [84]

Mit der Jahrtausendwende gingen für das Institut einige grundlegende Änderungen einher, die nicht nur auf die Zusammensetzung und Arbeit des MPIL, sondern auch auf seine Fest- und Feierkultur großen Einfluss haben sollten. Eine wichtige Zäsur war der Umzug 1997/1998 von der Berliner Straße in das aktuelle Gebäude im Neuenheimer Feld. Statt eines in die Jahre gekommenen und viel zu klein gewordenen Nachkriegsbaus, bezog das Institut nun nicht nur ein größeres, sondern auch repräsentativeres Gebäude. Erstmals erhielt das Institut eine „Heimstätte“, die „aus einem Guss“ auf seine funktionalen Bedürfnisse zugeschnitten war und auch in seiner architektonischen Gestaltung die Bedeutung seiner Aufgabe würdigte. Denn sowohl die Unterbringung im Berliner Stadtschloss als auch im Gebäude in der Berliner Straße waren letztlich Provisorien gewesen, die sich aus den Umständen der Gründung bzw. der Neugründung ergeben hatten.  Das Institut im Neuenheimer Feld bot erstmals einen „richtigen“ Lesesaal, auch konnten nun alle Mitarbeitenden im selben Gebäude untergebracht werden, statt wie Jahrzehnte üblich auf MPIL und Max-Planck-Haus verteilt zu sein. Mit dem Umzug war zudem die räumliche Grundlage für das starke Wachstum des MPIL gelegt, das sich in knapp 30 Jahren mit 175 Mitarbeitenden mehr als verdreifacht hat, was 2019 wiederum eine Erweiterung des Gebäudes erforderlich machte.

Der große Konferenzsaal 038 – das 2019 eingeweihte „Herzstück“ des Instituts [85]

Die neue „Repräsentativität“ des Instituts hatte auch Auswirkungen auf die Fest- und Feierkultur. Insbesondere für wissenschaftliche Feierlichkeiten bot das Gebäude nun einen angemesseneren Rahmen, als der Vorgängerbau das vermochte. Viele der wissenschaftlichen Großveranstaltungen hatten bis 1997 aus Platzgründen im Max-Planck-Haus stattfinden müssen. Seit dem Umzug ist das Institut wieder selbst zum Veranstaltungsort geworden. „Herzstück“ der wissenschaftlichen Diskussionskultur waren hierbei immer die Vortrags- und Veranstaltungsräume, in denen die montäglichen Referentenbesprechungen und die Fachveranstaltungen stattfanden und -finden. Im gegenwärtigen Institut ist dies der 2019 eingeweihte große Vortragssaal 038. Dieser trägt nicht nur in der Form seiner ästhetischen Gestaltung der Bedeutung der Referentenbesprechung bzw. der Montagsrunde als dem zentralen wissenschaftlichen Forum des MPIL Rechnung, zugleich weist er durch seine technische Ausstattung auf ein eminent neues „Feature“ der internationalen wissenschaftlichen Fach- und Feierkultur des 21. Jahrhunderts: Digitalität. Durch hybride Konferenztechnik haben sich spätestens seit der „Corona“-Krise neue Formate digitaler Teilhabe aber auch der Aufzeichnung und online Publikation von Vorträgen etabliert, die dem Institut und seinen Feiern eine neue Form von Sichtbarkeit verschaffen.[86]

Doch auch inhaltlich und stilistisch haben sich in der Feierkultur des Instituts im 21. Jahrhundert Änderungen ergeben. Sichtbar wird dies beispielsweise bei der Feier des 100-jährigen Jubiläums im Dezember 2024. Zum ersten Mal seit seinem Bestehen befasste sich das Institut mit seiner Geschichte, statt diese wie bei den vorangegangenen Jubiläen aufgrund ihrer vermeintlichen Problembehaftung zu marginalisieren. Erstmals konstituierte sich die Feiergesellschaft nicht ausschließlich um gegenwärtige Fragen des (Völker-) Rechts, sondern besann sich auch auf die gemeinsame Geschichte als identitätsstiftendes Sammlungsmoment. Wissenschaftliche Zukunftsentwürfe, Gegenwartsarbeit und historische Grundlagen wurden miteinander verknüpft und ganzheitlich gewürdigt und das Institut somit quasi ein Stück weit „vervollständigt“. Auch die künstlerische Ausgestaltung mit Tanz und Musik griff diese „Vervollständigung“ auf verknüpfte die akademische Feier mit dem freien Fest und verband das „Erhabene“ mit dem „Spontanen“.

 

“La Bamba” statt “Schildwacht”. Internationalisierte Festkultur am Institut 2004 anlässlich der Verabschiedung von Alberta Fabbriccotti[87]

Blickt man auf die „Festkultur“ im Institut, so hat es ebenfalls mit der Jahrtausendwende Änderungen gegeben. Von Seiten der MPG wurden in den letzten 20 Jahren die zuwendungsrechtlichen Regelungen für Feste und Feiern verschärft. So wurden die Mittel für Feierlichkeiten stark gekürzt, was dazu führte, dass (Ehe-) Partnerinnen und Partner von Beschäftigten nicht mehr eingeladen werden können und nicht mehr, wie über Jahrzehnte üblich, als selbstverständlicher Teil der Festgemeinschaft und der erweiterten „Institutsfamilie“ angesehen werden (außer als Selbstzahler). Zudem wurde Alkohol von den Zuwendungsgebern verboten, was zwar gesünder, aber auch puritanischer ist. Das spontane Fest lebt dennoch fort. Zwar ging mit dem starken Wachstum des Instituts ein Teil seiner früheren „Intimität“ verloren, andererseits gewann es durch seine Internationalisierung an neuen Eindrücken und Festformen dazu. Insbesondere die seit mehr als 20 Jahren am Institut präsente lateinamerikanische ICCAL-Community hat sich als festfreudige „driving force“ erwiesen, sodass die „Schildwacht“ am heutigen Institut längst mexikanische Klassiker wie „La Bamba“ ersetzt worden ist. Und das sicherlich nicht zum Nachteil der Stimmung.

V. „Wir haben viel gefeiert.“ – Festkultur im Wandel der Zeit. Ein Fazit

Es geht auch heute noch. Impressionen von der Feier und zum Fest anlässlich des 100-jährigen Institutsjubiläums am 19. Dezember 2024 [88]

In seiner Weihnachtsansprache von 1995 bekundet Karl Doehring: „Ja, wir haben damals viel gefeiert, mehr als heute.“ Diese Aussage hört man als „investigativ“ recherchierender Historiker tatsächlich von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen und langjährigen Mitarbeitenden häufiger. Früher habe man mehr und besser gefeiert – doch kann das stimmen?

Das Institut hat sich im Laufe der 100 Jahre seines Bestehens stark gewandelt. Es erlebte Krieg und Zerstörungen, Wiederaufbau und Wirtschaftsaufschwung, Kosmopolitismus und kurpfälzische Gemütlichkeit, Nationalismus und Internationalismus. Die Forschungsschwerpunkte und Arbeitsweisen des Instituts wandelten sich im Laufe der Zeit, die soziale und nationale Herkunft seiner Belegschaft und insbesondere auch seine Größe änderten sich sehr. Das Institut ging stets mit seiner Zeit, ein Gleiches gilt für seine Art zu feiern und Feste zu gestalten. Und so lässt sich festhalten: Auch heute wird am Institut noch gefeiert und dies keinesfalls weniger, nur anders. Jede Zeit hat ihre Fest- und Feierkultur.

Zur Feier: Anders als zu Zeiten des KWI oder des MPIL der 1950er Jahre, als die Niederlagen beider Weltkriege und die Schuld am „Dritten Reich“ und der nationalsozialistischen Verbrechen auf der deutschen Gesellschaft und auch dem Institut lasteten, weiß das Institut spätestens seit den 1960er Jahren, wo es steht und wofür es steht. Die „Unfähigkeit zu feiern“ ist am MPIL unter Hermann Mosler zu einer richtungshaften, zukunftsgewandten Feier der deutschen Völkerrechtswissenschaft und ihres Beitrages für die internationale Wissenschaftsgemeinschaft und zum Zusammenwachsens Europas und der Welt geworden. Hatte man am Institut im Sinne des allgemeinen Zeitgeistes über viele Jahrzehnte seine eigene Geschichte verdrängt, so hat das MPIL sie spätestens zur Feier seines 100-jährigen Bestehens im Dezember 2024 wiederentdeckt und die historische Dimension seines Wirkens und Werdens in seine Feierkultur integriert.

Zum Fest: Auch an Festen mangelt es dem Institut nicht. Doch hat sich auch die Festkultur in den letzten 100 Jahren stark gewandelt. Gegenwärtige Forschungsschwerpunkte des MPIL und am Institut abgehaltene Veranstaltungen wie „Defund Meat“ ebenso wie der persönliche Lebensstil der meisten Institutsangehörigen und Gastforschenden lassen die bis in die 2000er hinein praktizierte fleischlastige Buffetkultur als in gewisser Weise archaisch erscheinen. Auch werden Feste inzwischen durch Komitees organisiert und nicht ausschließlich „Sekretärinnen“ oder Direktorengattinnen und – inzwischen auch existent – Direktorinnengatten aufgebürdet. Doch hat sich insbesondere durch die Größe des Instituts die „Sichtbarkeit“ und auch die Art der Festgemeinschaft gewandelt. Mit mehr als 170 international zusammengesetzten Institutsangehörigen und mehreren Forschungsgruppen sind Feste „komplexer“ geworden als sie es noch vor 30 Jahren waren – und das keinesfalls zum Schlechteren, wie nicht zuletzt die ICCAL-Community unter Beweis stellt.

Wie sich die Fest- und Feierkultur am Institut weiterentwickeln wird, wird die Zukunft zeigen. Sicher ist: solange es ein Institut gibt, wird auch gefeiert werden.

***

Der Verfasser dankt Sarah Gebel, Matthias Hartwig, Alexandra Kemmerer Karin Oellers-Frahm und Joachim Schwietzke für ihre Anmerkungen zum Text. Zudem sei Alberta Fabbricotti für die Überlassung des Videos gedankt.

[1] Philipp Glahé, Die Welt von Gestern. Das Institut und der Zweite Weltkrieg aus Tagebuchaufzeichnungen, MPIL100.de.

[2] Der Verfasser hält es nicht für unwahrscheinlich, dass man am Institut die 1000er-Marke tangieren würde, würde man versuchen, sämtliche größere und kleinere Feierlichkeiten seit 1924 zu erfassen. Rechnet man zusätzlich zur Weihnachtsfeier, zum Betriebsausflug und zum Sommerfest mit einem Dienstjubiläum, einem (runden/größeren) Geburtstag pro Jahr, läge man schon bei 500 Feiern in 100 Jahren. Geht man dann davon aus, dass pro Jahr mehr als ein Geburtstag, mehr als eine akademische Auszeichnung bzw. Abschluss von Promotions- und Habilitationsverfahren begangen wurden und man pro Jahr mit zehn größeren und kleineren Festlichkeiten kalkuliert, wäre man im Schnitt bei ca. 1000 Feiern in 100 Jahren. Wer nun den Eindruck hat, am Institut würde ausschließlich gefeiert: laut Berechnungen des Autors stehen 1000 Feiern ca. 4.400 Referentenbesprechungen gegenüber (Berechnungsgrundlage: für den Zeitraum von 1949 bis 2025 im Durchschnitt 47 von 52 Kalenderwochen mit Referentenbesprechungen und für den Zeitraum von 1930 (Zeitpunkt der Einführung der RB) bis zum Kriegsausbruch 1939 zwei Besprechungen pro Woche – damals dienstags und samstags).

[3] Foto: MPIL.

[4] Otto Friedrich Bollnow, Neue Geborgenheit. Das Problem der Überwindung des Existenzialismus, Stuttgart: W. Kohlhammer 1955; Winfried Gebhardt, Fest, Feier und Alltag. Über die gesellschaftliche Wirklichkeit des Menschen und ihre Deutung, Frankfurt am Main: Peter Lang 1987, 52–53.

[5] Olivier Douville, Fêtes et contextes anthropologiques, Adolescence 3 (2005), 639–648, 645.

[6] Foto: MPIL.

[7] Sigmund Freud, Totem und Tabu. Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker, Wien: Hugo Heller 1913, 157.

[8] Roger Caillois, L’homme et le sacré, Paris: Gallimard 1988; Roberta Colbertaldo, Rituelle Inversion und subversive Diskurse. Überlegungen für eine Theorie des Karnevals der Vormoderne aus romantischer Perspektive, Lingue e letterature d’Oriente e d’Occidente 9 (2020), 243–254, 250.

[9] Odo Marquardt, Moratorium des Alltags. Eine kleine Philosophie des Festes, in: Walter Haug/Rainer Warning (Hrsg.), Das Fest, Politik und Hermeneutik Bd. XIV, München: Wilhelm Fink Verlag 1989, 684–691.

[10] Zur Arbeitskultur am MPIL, siehe u.a.: Matthias Hartwig, Das wissenschaftliche Hochamt. Die Referentenbesprechung (vulgo Montagsrunde) am Institut, MPIL100.de; Juliane Kokott, Aus dem Leben des Instituts im Jahre 1987, MPIL100.de oder Torsten Stein, Von Pfeifenrauch und „klingelnden Weckern“. Das Institut in den siebziger und achtziger Jahren, MPIL100.de.

[11] Foto: AMPG.

[12] Alexander Mitscherlich/Margarete Mitscherlich, Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens, München: Piper 1967; Josef Kopperschmidt, Über die Unfähigkeit zu feiern. Allgemeine und spezifisch deutsche Schwierigkeiten mit der Gedenkrhetorik, in: Josef Kopperschmidt/Helmut Schanze (Hrsg.), Fest und Festrhetorik. Zur Theorie, Geschichte und Praxis der Epideiktik, München: Wilhelm Fink Verlag 1999, 149–172.

[13] Philipp Glahé, History as a Problem? On the Historical Self-Perception of the Max Planck Institute for Comparative Public Law and International Law, ZaöRV 83 (2023), 565–578; Armin von Bogdandy/Philipp Glahé, Alles ganz einfach? Zwei verlorene Weltkriege als roter Faden der Institutsgeschichte, MPIL100.de.

[14] Marie Bruns, Eine „ganz unverhoffte Freude“. Eindrücke aus der Gründungszeit des Instituts 1924–1926, MPIL100.de.

[15] Rüdiger Hachtmann, Das Kaiser-Wilhelm-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht 1924 bis 1945, MPIL100.de.

[16] Foto: MPIL.

[17] Zu Carl Bilfinger allgemein: Philipp Glahé/Reinhard Mehring/Rolf Rieß (Hrsg.), Der Staats- und Völkerrechtler Carl Bilfinger (1879–1958), Baden-Baden: Nomos 2024.

[18] Carl Bilfinger, Ansprache, 1953, Ordner „Institutschronik I“, MPIL.

[19] Carl Bilfinger, Prolegomena, ZaöRV 13 (1950), 22–26; ferner: Bogdandy/Glahé, Alles ganz einfach? (Fn. 13).

[20] Foto: MPIL.

[21] Hermann Mosler/Georg Schreiber (Hrsg.), Völkerrechtliche und Staatsrechtliche Abhandlungen: Carl Bilfinger zum 75. Geburtstag am 21. Januar 1954 gewidmet von Mitgliedern und Freunden des Instituts, Köln: Carl Heymanns Verlag 1954.

[22] Glahé/Mehring/Rieß, Carl Bilfinger (Fn. 17), 336–339; zudem: Felix Lange, Überraschende „Entnazifizierung“. Bilfingers Wiederberufung nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Glahé/Mehring/Rieß, Carl Bilfinger (Fn. 17), 405–424; ferner: Katharina Isabel Schmidt, „Von hier bis zu einer Ehrung Carl Schmitts […] sind es nur noch ein paar Schritte“. Ernst Joseph Cohns Kritik an Carl Bilfingers Festschrift 1954, MPIL100.de; Johannes Mikuteit, “Einfach eine sachlich politische Unmöglichkeit“. Die Protestation von Gerhard Leibholz gegen die Ernennung von Carl Bilfinger zum Gründungsdirektor des MPIL, MPIL100.de.

[23] Zu Kaufmann, Jellinek und Partsch: Philipp Glahé, Amnestielobbyismus für NS-Verbrecher. Der Heidelberger Juristenkreis und die alliierte Justiz (1949–1955), Göttingen: Wallstein 2024.

[24] Ernst J. Cohn, [Rezension] Völkerrechtliche und staatsrechtliche Abhandlungen. Carl Bilfinger zum 75. Geburtstag am 21. Januar 1954 gewidmet von Mitgliedern und Freunden des Instituts. Max-Planck-Institut für Ausländisches Oeffentliches Recht und Völkerrecht, Berlin 1958, The Modern Law Review 19 (1956), 231–233, 233.

[25] Brief von Ernst J. Cohn an Hermann Mosler, datiert 18. April 1956, zitiert nach: Glahé/Mehring/Rieß, Carl Bilfinger (Fn. 17), 345–348, 346.

[26] Foto: MPIL.

[27] Hermann Mosler, Rede zur Einweihung des Institutsanbaus am 22.11.1959, Ordner „Institutschronik I“, MPIL.

[28] So fanden im Institut folgende Kolloquien statt: „Staat und Privateigentum“ (1959); „Verfassungsgerichtsbarkeit der Gegenwart“ (1962); „Haftung des Staats für rechtswidriges Verhalten seiner Organe“ (1967); „Gerichtsschutz gegen die Exekutive“ (1968); „Judicial Settlement of International Disputes“ (1972); „Grundrechtsschutz in Europa“ (1976); „Koalitionsfreiheit des Arbeitnehmers“ (1978). Zu diesen und weiteren Kolloquien siehe: Rudolf Bernhardt/Karin Oellers-Frahm, Das Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht. Geschichte und Entwicklung von 1949 bis 2013, Berlin: Springer 2018, 102–109. Die Ergebnisse der Kolloquien samt Teilnehmernamen wurden zudem in den „Beiträgen zum ausländischen öffentlichen Recht und Völkerrecht“ veröffentlicht.

[29] Foto: MPIL.

[30] Als beispielhaft für die Institutsvorträge zu nennen wären: Edward McWhinney, University of Toronto, „Die Gerichte als Hüter der Verfassung im britischen Commonwealth“ (5. Januar 1961); Giorgio Balladore Pallieri, Richter am EGMR, „Rapports entre le droit international et le droit interne dans les organisations européennes“ (14. Februar 1962); Georg Schwarzenberger, University of London, „Neue Entwicklungen im Internationalen Wirtschaftsrecht“ (1962); Walter Hallstein, Präsident der Kommission der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, „Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft – politisch gesehen“ (19. Oktober 1962); Rudolf B. Schlesinger, Cornell Law School, Ithaka, New York, “Die Ermittlung der allgemeinen Rechtsgrundsätze durch Rechtsvergleichung“ (25. Januar 1963); Clive Parry, Cambridge, “Manner in which legal advice is given to departments of the British government having to do with foreign affairs” (27. Mai 1963); Adriano Moreira, Technische Universität Lissabon, „Le Portugal et l’intégration européene“ (10. Juni 1963); Spencer Kimball, University of Michigan Law School, „The Interstate Commerce Clause and Federalism in American Constitutional Law” (7. Februar 1964); Heinrich Hendus, Leiter der Generaldirektion für überseeische Entwicklungsfragen der EWG-Kommission, „Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und die afrikanischen Staaten“ (22. Februar 1962); Vavro Hajdu, Akademie der Wissenschaften Prag, „Juristische Aspekte der Deutschlandfrage“ (27. Juni 1966); Richard Gardner, Columbia University New York, „The Future of the United States as a Peacekeeping Agency” (29. Juni 1966); Juraj Andrassy, Universität Zagreb, „Aktuelle Rechtsfragen des Festlandsockels” (29. Mai 1967); Ludwik Gelberg, Polnische Akademie der Wissenschaften, „Probleme der völkerrechtlichen Kontinuität der Staaten bei sozialen Umwälzungen im Lichte der polnischen Praxis“ (13. Juli 1967); Shabtai Rosenne, Mitglied der UN-Völkerrechtskommission, Israelischer Botschafter bei den UN, „The First Session of the Conference of the Codification of the Law of Treaties“ (27. Mai 1968); Wladimir Zeltner, Präsident des Gerichtshofs in Tel Aviv, „Das Recht Palästinas und die Grundzüge des kommenden Rechtes des Staates Israel“ (24. März 1969); Harry Silberberg, Salisbury, „Staats- und völkerrechtliche Fragen Rhodesiens“ (2. Februar 1970).

[31] Zu jedem einzelnen Vortrag sind Einladungslisten, Korrespondenzen, Vortragsmanuskripte, vielfach auch Diskussionsprotokolle und Presseberichte überliefert. Zu den größten Veranstaltungen zählte der Vortrag Walter Hallsteins über die politische Rolle der EWG, zu dem 209 Personen eingeladen worden und 136 erschienen waren. Anwesend und eingeladen waren Richter von Bundesverfassungsgericht und BGH, Vertreter aus Lokal-, Landes- und Bundespolitik, Vertreter von MPG und Universitäten sowie Industriemanager aus dem Rhein-Neckar-Raum, die vielfach Mitglied im Kuratorium waren. Hermann Mosler zitierte in seiner Einführung Robert Schuman mit den Worten: „Europa entsteht nicht mit einem Schlag und nicht in einer Gesamtkonstruktion“, und fügte hinzu: „Dieser einfache Satz machte alle Begeisterung für Europa und die neuartige Verschmelzung von Souveränitätsrechten erst realistisch.“ Zum Redner gewandt: „Ihre klare Konsequenz, unbeirrbar im Ziel, elastisch in den Mitteln, ist der Bewunderung würdig. Sie werden ein aufmerksames Auditorium haben“: Hermann Mosler, Ansprache, 19.10.1962, Ordner „Veranstaltungen des Instituts II“, MPIL.

[32] Foto: MPIL.

[33] Armin von Bogdandy/Mariela Morales Antoniazzi, Forschen mit Lateinamerika. Der Weg des MPIL, MPIL100.de.

[34] Foto: MPIL.

[35] Glahé, History as a Problem? (Fn. 13).

[36] Zu Erich Kaufmann ist ein eigener Ordner überliefert, der sämtliche Geburtstags-Korrespondenz, Glückwunschschreiben, Todesanzeigen, Kondolenzkorrespondenz und Nachrufe enthält: Ordner „Professor Kaufmann, 80. Geburtstag, 85. Geburtstag“. Vom Institut wurde eine Festschrift und die Gesamtausgabe seiner Werke mitorganisiert bzw. -finanziert: Um Recht und Gerechtigkeit. Festgabe für Erich Kaufmann zu s. 70. Geburtstage – 21. September 1950 – überreicht von Freunden, Verehrern u. Schülern, Stuttgart: W. Kohlhammer 1950; Erich Kaufmann, Gesammelte Schriften. Zum achtzigsten Geburtstag des Verfassers am 21. September 1960, Göttingen: Schwartz 1960; ferner: Karl Josef Partsch, Der Rechtsberater des Auswärtigen Amtes 1950–1958. Erinnerungsblatt zum 90. Geburtstag von Erich Kaufmann, ZaöRV 30 (1970), 223–236.

[37] Zum 70., 75. und 80. Geburtstag gab es größere Geburtstagsfeiern für Makarov, zum 70. überdies eine Festschrift: Festgabe für Alexander N. Makarov, in: Abhandlungen zum Völkerrecht, Stuttgart: W. Kohlhammer 1958; Hermann Mosler, Nachruf Alexander N. Makarov (1888–1973), ZaöRV 33 (1973), 443–446.

[38] Rudolf Bernhardt (Hrsg.), Völkerrecht als Rechtsordnung. Internationale Gerichtsbarkeit, Menschenrechte. Festschrift für Hermann Mosler, Berlin: Springer 1983.

[39] Ulrich Beyerlin (Hrsg.), Recht zwischen Umbruch und Bewahrung Völkerrecht, Europarecht, Staatsrecht. Festschrift Für Rudolf Bernhardt, Berlin: Springer 1995.

[40] Torsten Stein (Hrsg.), Die Autorität des Rechts: Verfassungsrecht, Völkerrecht, Europarecht. Referate und Diskussionsbeiträge des wissenschaftlichen Kolloquiums aus Anlaß des 65. Geburtstages von Karl Doehring am 17. März 1984 in Heidelberg, Heidelberg: v. Decker & Müller 1985; Kay Hailbronner/Georg Ress/Torsten Stein (Hrsg.), Staat und Völkerrechtsordnung: Festschrift für Karl Doehring, Berlin: Springer 1989; Kay Hailbronner (Hrsg.), Die allgemeinen Regeln des völkerrechtlichen Fremdenrechts. Bilanz und Ausblick an der Jahrtausendwende. Beiträge anläßlich des Kolloquiums zu Ehren von Prof. Dr. Karl Doehring aus Anlaß seines 80. Geburtstags am 17. März 1999 in Konstanz, Heidelberg: C.F. Müller 2000.

[41] Hans-Joachim Cremer (Hrsg.), Tradition und Weltoffenheit des Rechts: Festschrift für Helmut Steinberger, Berlin: Springer 2002.

[42] Rüdiger Wolfrum, Jochen Abr. Frowein Zum 70. Geburtstag, AÖR 3 (2004), 330–332; zudem: Kolloquium aus Anlass des 80. Geburtstags von Prof. Dr. Dres. h. c. Jochen Abr. Frowein, Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht, Heidelberg, 21. Juni 2014, ZaöRV 75 (2015), 713–868.

[43] Leider gibt es auf der Institutshomepage keine Beschreibung oder Darstellung der Lectures und ihrer Geschichte und Bedeutung, dennoch lassen sich die Lectures selbst über den Youtube-Kanal des Instituts anschauen.

[44] Foto: MPIL.

[45] Max Planck (Hrsg.), 25 Jahre Kaiser Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, Bd. 1: Handbuch, Berlin: Springer 1936, 194–195.

[46] Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht (Hrsg.), Tätigkeitsbericht für das Jahr 1999, 51–52.

[47] VI. Abt., Rep. 1, Nr. KWIauslöffRechtuVölkerrecht III/42.

[48] Carlo Schmid, Erinnerungen, Bern: Scherz 1979, 121.

[49] Schmid (Fn. 48), 122; 132; 133.

[50] Philipp Glahé, Eine Frage der Klasse. Die Sekretärinnen des Instituts 1924–1997, MPIL100.de; Philipp Glahé, Die Welt von Gestern. Das Institut und der Zweite Weltkrieg aus Tagebuchaufzeichnungen, MPIL100.de.

[51] Von links, stehend: Sibille von Haeften (verdeckt), Marie und Viktor Bruns, Fräulein Kuhlmann (spätere Kweske), Luise Grubener, Irmgard von Lepel, Irene Haehn, Annelore Schulz, Else Sandgänger, Hella Bruns, Auguste Maginen; vorne, von links: Ellinor Greinert, Ilse und Sidonie von Engel, Lise Rapp, Charlotte Zowe-Behring. Quelle: VI. Abt., Rep. 1, Nr. KWIauslöffRechtuVölkerrecht III/13.

[52] Ellinor Greinert, Der Jahrestag der Thronbesteigung. Eine unzeremoniöse Szene am Hofe des Fürsten Carolus des Siegreichen, unveröffentlichtes Typoskript, 1934, Privatarchiv Rainer Noltenius.

[53] Gerhard Dannemann, Marguerite Wolff at the Kaiser Wilhelm Institute for Comparative Public Law and International Law, MPIL100.de; Nathalie Le Bouëdec, Hermann Heller, der Außenseiter. Kritiker und Verteidiger des Rechtsstaates in einer Krisenzeit, MPIL100.de.

[54] Samuel Salzborn, Hermann Raschhofer als Vordenker eines völkischen Minderheitenrechts, MPIL100.de; Reinhard Mehring, Polykratie der Völkerrechtler. Carl Schmitt, Viktor Bruns und das KWI für Völkerrecht, MPIL100.de.

[55] Von links: Gertrud Heldendrung, Sibille von Haeften, Cornelia Bruns, Lise Rapp (stehend), Maria Heldendrung, Ellinor Greinert; vorne links: Annelore Schulz. Aufnahme: 17.02.1935, Fotografin: Lore Feininger, Berlin, VI. Abt., Rep. 1, Nr. KWIauslöffRechtuVölkerrecht III/23.

[56] Greinert, Der Jahrestag der Thronbesteigung (Fn. 52),1–11; 3.

[57] Cornelia Bruns/M. Petrich/Liese Rapp (Hrsg.), Spaß-Festschrift Institutsjubiläum 1934, unveröffentlichtes Typoskript; ferner: Glahé, Eine Frage der Klasse (Fn. 50).

[58] Bild links: Rainer Noltenius (Hrsg.), Mit einem Mann möchte ich nicht tauschen. Ein Zeitgemälde in Tagebüchern und Briefen der Marie Bruns-Bode (18851952), Berlin: Gebr. Mann Verlag 2018, 144; Bild rechts: Wikimedia.

[59] Noltenius, Mit einem Mann möchte ich nicht tauschen (Fn. 58), 143.

[60] Vgl. Bildinformation VI. Abt., Rep. 1, Nr. KWIauslöffRechtuVölkerrecht III/23.

[61] Foto: AMPG.

[62] Karl Doehring, Eine „besondere Vergangenheit“, zitiert nach: Philipp Glahé, Das Institut als Idyll. Karl Doehrings Weihnachtsansprache 1995, MPIL100.de, 1–21, 9.

[63] Foto: MPIL.

[64] Rechnung Stadthallen Gaststätten, 26.06.1954, Ordner „Institutschronik I“, MPIL.

[65] Foto: MPIL.

[66] Ordner „Institutschronik III“, MPIL.

[67] Foto: MPIL.

[68] Karl Doehring, Von der Weimarer Republik zur Europäischen Union. Erinnerungen, Berlin: WJS Verlag 2008, 103.

[69] Rudolf Bernhardt, Tagebuchaufzeichnungen aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft 1945–1947, hrsg. von Christoph Bernhardt, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2024, 34.

[70] Foto: MPIL.

[71] Vgl.: Hartwig, Das wissenschaftliche Hochamt (Fn. 10).

[72] Auch Theo Völkers Vorgänger Herr Blum hatte gewisse „Schwierigkeiten“, sich in seine soziale Rolle am Institut einzufinden, wie Karl Doehring 1995 berichtete: Hausmeister Blum habe sich zu besonderen Anlässen wie den Kuratoriumssitzungen „seinen besten Sonntagsanzug angezogen mit Nadelstreifen“ und am Haupteingang alle Mitglieder des Kuratoriums persönlich begrüßt. „Und wenn die Herren vom Kuratorium, die großen Herren, alle kamen, jeder gab ihm die Hand und sagte: ‚Guten Tag, Herr Kollege.‘ Ich habe gesagt: ‚Herr Blum, so geht das nicht weiter, Sie können sich da nicht mehr hinstellen oder ich muss Ihnen eine Hausmeistermütze kaufen. Denn die Herren wundern sich doch, wenn nachher eine Kuratoriumssitzung ist und dieser Kollege ist dann gar nicht dabei, der sie da unten begrüßt hat.‘“: Doehring, Eine „besondere Vergangenheit“ (Fn. 62), 13.

[73] Foto: Mirko Lux.

[74] Doehring, Eine „besondere Vergangenheit“ (Fn. 62), 19.

[75] Doehring, Eine „besondere Vergangenheit“ (Fn. 62), 13.

[76] Juliane Hilf/Georg Nolte/Stefan Oeter/Christiane Philipp/Christian Walter, Heidelberger Menschenrechtskonvention. HMRK-Kommentar. Festschrift für Jochen Abr. Frowein, unveröffentlichtes Manuskript, 1990, MPIL.

[77] Der Verfasser äußert den Wunsch, dass Matthias Hartwig seinen Rosenmontagsreden-Vorlass dem Archiv der Max-Planck-Gesellschaft bzw. der Institutsbibliothek vermachen möge, um sie der Nachwelt zu erhalten.

[78] „Erschienen“ sind: Ulrich Beyerlin/Lothar Gündling/Rainer Hofmann/Werner Meng/Karin Oellers-Frahm, Enzyklopädie des Max-Planck-Instituts für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht. Publiziert unter den Auspizien der Mitarbeiter des Instituts aus Anlass des 60. Geburtstages von Rudolf Bernhardt 1985, unveröffentlichtes Typoskript, MPIL; Hanns Michael Hahn/Matthias Herdegen/Karin Oellers-Frahm/Torsten Stein, Fontes Vitae Curia Caroli. Karolingisches Hof- und Hausbrevier. Karl Doehring anlässlich des Ausscheidens aus dem Direktorium des Max-Planck-Instituts für ausländisches öffentliches Recht, unveröffentlichtes Typoskript, 1987, MPIL.

[79] Ulrich Beyerlin, Bericht über die Menschenrechtssituation im Institut, in: Spaßfestschrift Frowein (Fn. 76), 89–90.

[80] Karin Oellers-Frahm, Artikel 1. Geltungsbereich, in: Spaßfestschrift Frowein (Fn. 76), 5–10; 7; 8.

[81] Anonym überlieferte Personenaufstellung eines Theaterstücks zur Weihnachtsfeier, 1984, MPIL.

[82] Fotos: MPIL.

[83] Diese Praxis ist auch aus anderen Instituten überliefert: Birgit Kolboske, Hierarchien. Das Unbehagen der Geschlechter mit dem Harnack-Prinzip. Frauen in der Max-Planck-Gesellschaft, Studien zur Geschichte der Max-Planck-Gesellschaft Bd. 7, Göttingen: Vandenhoek & Rupprecht 2023, 100.

[84] Foto: MPIL.

[85] Foto: MPIL.

[86] Siehe hier v.a. den Youtube-Kanal des Instituts.

[87] Video: Alberta Fabbricotti.

[88] Fotos: MPIL.

Tradition und Kontinuitäten der Institutsforschung am Beispiel des Klimaschutzes

Der vorliegende Beitrag nimmt seinen Ausgang bei der grundlegenden Frage, ob und in welchem Sinne das Völkerrecht als Rechtsordnung zu begreifen ist und in welchem Maß es geeignet ist, staatliches Handeln zu steuern, politische Macht zu legitimieren und zu begrenzen. Diese Problemstellung hat die Forschung am Institut über Jahrzehnte hinweg maßgeblich geprägt und bildet den Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen.

Im ersten Teil rekonstruiere ich zentrale Linien dieser Forschungstradition und zeige, wie das Verständnis des Völkerrechts als ordnungs- und gemeinschaftsbildende Struktur die wissenschaftliche Arbeit am Institut bis in die Gegenwart hinein prägt. Der zweite Teil widmet sich dem Klimaschutz, einem Politikfeld, in dem die Ambivalenzen, aber auch die Potenziale völkerrechtlicher Ordnung in besonderer Weise sichtbar werden. Gerade weil der Klimawandel ein genuin globales Problem darstellt, kommt dem Völkerrecht hier eine herausgehobene Rolle zu. Es zeigt sich, dass völkerrechtliche Normen und Institutionen trotz politischer Blockaden und nur allmählichen Fortschritts zunehmend staatliches wie auch privates Handeln strukturieren.

Der dritte Teil schließlich richtet den Blick auf die Zukunft der Völkerrechtswissenschaft im Angesicht der klimabedingten Transformation. Er fragt danach, welchen Beitrag die Wissenschaft leisten kann, um das normative und transformative Potenzial des Völkerrechts für den Klimaschutz zu entfalten und zugleich dessen ordnungsstiftende Kraft zu sichern.

I. Das Denken von der Völkerrechtsordnung als Forschungstradition

Völkerrecht als Rechtsordnung. Der Gründungsaufsatz der ZaöRV 1929[1]

Der Eröffnungsartikel der ersten ZaöRV aus dem Jahr 1929 stammt aus der Feder des ersten Institutsdirektors Viktor Bruns. Der Beitrag beginnt mit dem Satz: „Das Völkerrecht ist eine Rechtsordnung für die Gemeinschaft der Staaten, ein System von Rechtsgrundsätzen, Rechtsinstituten und Rechtssätzen, die untereinander in einem Ordnungszusammenhang stehen.“ Mit diesem Beginn markiert Bruns die Stoßrichtung des Beitrags, in dem er die Rechtsprechung des Ständigen Internationalen Gerichtshofs und insbesondere dessen Lotus-Urteil kritisierte. In der Lotus-Entscheidung hatte der Gerichtshof den Staaten eine originäre Freiheitssphäre zuerkannt, die sich in ihrer prinzipiellen Unabhängigkeit voneinander manifestierte; nur eine ausdrückliche Verbotsnorm könne diese ursprüngliche Freiheit, das heißt die Souveränität der Staaten, begrenzen.

Bruns sah das Ziel, Frieden herzustellen und zu bewahren, durch dieses Grundsatz–Ausnahme-Verhältnis von staatlicher Freiheit und völkerrechtlicher Ordnung gefährdet. Seine Theorie des Völkerrechts als Rechtsordnung, konkret der darin enthaltene Ordnungsgedanke, diente ihm dazu, das von den Haager Richtern skizzierte Verhältnis umzukehren. Erst eine Ordnung durch Recht, die den Staaten Freiheitsräume konstitutiv zuweist und die zwischenstaatlichen Beziehungen über Erlaubnis- und Verbotsnormen regelt, garantiere allen Staaten gleichermaßen Freiheit und Frieden. Ohne eine solche Ordnung entstünden rechtsfreie Räume, in denen das Recht des Stärkeren herrscht. Die innere Struktur dieser Ordnungsnormen war für Bruns essenziell, denn nur eine solche Ordnung sei überhaupt in der Lage, gleiche Freiheit für alle Staaten zu gewährleisten. Er bezeichnete die Völkerrechtsordnung daher als Verteilungs- und Friedensordnung.

Ohne dies ausdrücklich zu benennen, knüpfte Bruns mit seinen Überlegungen an die klassische Theorie des Gesellschaftsvertrags an und übertrug diese auf die internationale Ebene. In der Rechtsgemeinschaft der Staaten erkannte er die politische Autorität, die diese Ordnung durch Unterordnung des einzelnen Staates unter das Ganze herstellt und wahrt. Grundlage dieser Ordnung war nicht die Souveränität der Staaten – also ihre Freiheit, allein nach eigenem Interesse zu handeln –, sondern die Verwirklichung der Gemeinschaft auf Basis gegenseitiger Solidarität. Bruns’ Freiheitsverständnis war damit nicht vom unabhängigen Staat, sondern von der Gemeinschaft, das heißt, von den Abhängigkeitsbeziehungen der Staaten untereinander, abgeleitet.

Diese Überlegungen griff Hermann Mosler in einem anlässlich des 50-jährigen Institutsjubiläums in der ZaöRV erschienenen Beitrag aus dem Jahr 1976 auf. Wenngleich er Bruns’ methodische Herangehensweise kritisch würdigte, teilte er dessen Grundannahme, dass das Völkerrecht eine eigenständige Rechtsordnung konstituiert, die staatliche Handlungsfreiheit im zwischenstaatlichen Verhältnis begrenzt. Er konstatierte einen „Primat“ der Völkerrechtsordnung, wonach die Grenzen staatlicher Kompetenz durch das Völkerrecht bestimmt werden. Zugleich erkannte er an, dass es für die Bewahrung einer internationalen Ordnung erforderlich sei, ein Gleichgewicht der sogenannten Großmächte herzustellen, um die Macht derer auszugleichen, die in der Lage wären, die Gemeinschaft im Ganzen zu stören. Das Gleichheitsprinzip könne seiner Ansicht nach einem solchen Ausgleich dienen, da dadurch kleinere Staaten in Summe Recht schaffen können, das die Macht der größeren Staaten begrenzt.

Den bereits von Bruns formulierten Gedanken, das Völkerrecht müsse vom Individuum und seinem Zusammenschluss im staatlichen Verbund her gedacht werden, griff Mosler auf und entwickelte ihn weiter. Zwar begriff er das Individuum nicht als strukturgebend für das Völkerrecht, doch erkannte er ihm durch die Menschenrechte eine völkerrechtlich erhebliche Position gegenüber dem Staat zu. Die Menschenrechte, insbesondere soweit sie eng mit der Würde des Menschen verknüpft sind, zählte er zum ordre public der Völkerrechtsordnung.

Diese Abhandlungen verdeutlichen die Überzeugung, dass das Völkerrecht Ordnung durch Recht herstellt und dadurch politische Macht legitimiert und limitiert und nicht lediglich formalisiert. Bruns und Mosler gingen von einer internationalen Rechtsgemeinschaft aus, deren Gemeinschaftswille über das Aggregat staatlicher Einzelinteressen hinausreicht und die einen konstitutiven Ordnungsrahmen setzt. Die staatliche Souveränität leitet sich aus dieser Ordnung ab. Als Gemeinschaftsordnung stärkt das Völkerrecht die Verwirklichung globaler Gemeinschaftszwecke und entfaltet zudem eine emanzipatorische Kraft für die „Schwachen“, indem es das Individuum gegenüber dem Staat und kleinere, wirtschaftlich oder militärisch schwächere Staaten gegenüber wirtschaftlich und militärisch überlegenen Staaten stärkt.

Am Institut ist die Völkerrechtsordnung im Sinne dieser Tradition erforscht worden. Es ging um ihre theoretischen Grundlagen, um Rechtssubjekte und -verpflichtete, um Prinzipien, Institutionen und Instrumente, wobei auch Funktion und Legitimation des Völkerrechts reflektiert wurden. In unterschiedlichen Spielarten wurde aufgezeigt, dass das Völkerrecht einen Handlungsrahmen schafft, der Macht und Interessen der Staaten, der internationalen Organisationen und weiterer Akteure, die internationale öffentliche Autorität ausüben, legitimiert und begrenzt. Die Stellung des Individuums im Völkerrecht gehörte zum Forschungsinteresse insbesondere von Rudolf Bernhardt, Jochen Frowein und Anne Peters. Die völkerrechtlich garantierten Menschenrechte sind ein konstitutives Element der beobachteten Konstitutionalisierung der Völkerrechtsordnung.

II. Gegenwärtige Herausforderungen

Frühe Beispiele umweltvölkerrechtlicher Forschung am Institut

Diese Sichtweise auf die Völkerrechtsordnung wird gegenwärtig jedoch mit besonderer Schärfe herausgefordert. Die Staatengemeinschaft erweist sich vielfach als unfähig, das Völkerrecht effektiv durchzusetzen. Zahlreiche Staaten lehnen die bestehende Ordnung ab, weil sie diese nicht als gerecht empfinden. Rüdiger Wolfrum hatte das Prinzip internationaler Solidarität daher richtungsweisend zum Forschungsgegenstand des Instituts gemacht. Anne Peters reflektiert die Überlegungen von Bruns und Mosler vor dem Hintergrund aktueller Kritik am Völkerrecht und betont, dass eine Rechtsordnung nur dann Ordnung durch Recht schaffen kann, wenn sie nicht einseitig durch wenige mächtige Staaten geprägt ist. Weder bei der Rechtserzeugung, Rechtsanwendung noch Rechtsauslegung dürften double standards eine Bevorteilung großer Staaten ermöglichen. Veränderungen müssten aus dem Inneren des Rechts heraus angestoßen werden, um den Anforderungen globaler sozialer Gerechtigkeit gerecht zu werden. Damit erkennt sie an, dass eine Ordnung, mag sie auch noch so systemkohärent sein, langfristig an mangelnder Akzeptanz scheitern kann. Dies gilt im Umweltvölkerrecht angesichts seiner postkolonialen Entwicklungsgeschichte in besonderer Weise, wie bereits Ulrich Beyerlin herausgestellt hat.

III. Klimaschutz als Prüfstein für Bestand und Steuerungsfähigkeit der Völkerrechtsordnung

Vor diesem theoretischen Hintergrund stellt sich die Frage, wie sich die Völkerrechtsordnung im Bereich des Klimaschutzes konkret ausformt und welche Steuerungsleistungen ihr dort zukommen. Die Staaten haben zu diesem Zweck ein eigenständiges völkerrechtliches Regelwerk geschaffen. Insofern stellt sich die weitergehende Frage, ob dieses Regime politischen Interessen normative Standards zugunsten kollektiver und individueller Schutzgüter entgegensetzt. Mit vorsichtigem Optimismus lässt sich feststellen, dass entsprechende Tendenzen erkennbar sind – wenngleich sich zugleich Rechtsentwicklungen beobachten lassen, die diese Entwicklung relativieren oder in eine andere Richtung weisen.

1. Der vertragliche Kontext

Mit Blick auf das 2- bzw. das 1,5-Grad-Ziel verpflichtet das Pariser Abkommen die Vertragsparteien, eigene Klimaschutzbeiträge festzulegen und sukzessive zu steigern. Es schafft institutionelle und prozedurale Rahmenbedingungen für einen Austausch der Staaten im Rahmen der jährlichen Vertragsstaatenkonferenzen. Auf diesen haben die Vertragsparteien etwa das Temperaturziel von 1,5 Grad Celsius zur maßgeblichen Zielvorstellung erhoben was der Internationale Gerichtshof (IGH) in seinem Gutachten aus dem Jahr 2025 nunmehr bestätigt hat.[2] Gleichwohl bleiben die dort getroffenen Vereinbarungen häufig hinter den Erwartungen zurück, wie zuletzt die COP 30 in Belém gezeigt hat. Vor allem aber sieht das Pariser Abkommen keine verbindlichen CO₂-Reduktionspflichten vor. Das ist ein deutliches Zeichen dafür, dass die Vertragsparteien ihre energiepolitische Souveränität nicht maßgeblich einschränken wollten. Die Schwächen dieses Regelungsrahmens zeigen sich in der Diskrepanz zwischen den anvisierten Klimaschutzbeiträgen und den Erfordernissen zur Erreichung der Klimaziele. Diese Diskrepanz verweist auf die funktionale Asymmetrie des Klimaregimes, in dem ein globales Problem durch national ausgestaltete Verpflichtungssysteme adressiert werden soll. Bereits 2024 soll die weltweite Durchschnittstemperatur die 1,5-Grad-Schwelle erreicht haben.

Legt man zugrunde, dass Staaten ihre internationalen Beziehungen vielfach nach rational-ökonomischen Parametern gestalten, ergibt sich aus dem Fehlen verbindlicher Vorgaben ein klassisches Problem kollektiven Handelns: Staaten mit ambitionierten Klimaschutzbeiträgen laufen Gefahr, ihre Maßnahmen ökonomisch zu „verpuffen“, wenn andere Staaten nicht mitziehen. Diese profitieren kurzfristig von den Anstrengungen der Vorreiter und zugleich von günstiger Energie – wodurch der Beitrag der Vorreiter strukturell an Wirksamkeit verliert.

2. Die Aktivierung des Völkerrechts durch Klimaklagen

Ein anderes Bild zeichnen nationale und internationale Klimaklagen, -beschwerden und Gutachten, die an das Pariser Abkommen anknüpfen und dessen Klimaziele dezentral durchsetzen. Diese Verfahren sind zu einem Rechtstrend geworden. Erste juristische Erfolge verzeichneten menschenrechtlich fundierte Klagen und Beschwerden. Auf innerstaatlicher, regionaler Ebene und vor den Menschenrechtsausschüssen der VN (Saachi and Torres Strait Islanders) haben überwiegend junge Menschen Staaten auf intensivere Klimaschutzbemühungen verklagt – vielfach mit Erfolg. Zu nennen sind hier etwa der Fall Urgenda gegen die Niederlande,[3] der Klimabeschluss des Bundesverfassungsgerichts,[4] weitere Fälle[5] etwa in Frankreich,[6] Irland,[7] oder Südkorea[8] sowie der Klimaseniorinnen-Fall[9] vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) und das Klimagutachten des Interamerikanischen Gerichtshofs für Menschenrechte (IAGMR).[10] In diesen Verfahren haben Gerichte auf Grundlage der Menschenrechte ein Element intertemporaler Fairness anerkannt: Die Freiheit der heutigen Generation findet dort ihre Grenze, wo sie die Freiheitschancen künftiger Generationen unterminiert. In einigen Staaten, wie etwa der Schweiz, hat diese Rechtsprechung zu demokratischem Widerstand geführt. Aus Gründen der Gewaltenteilung sind Klagen in Deutschland auf die Anordnung bestimmter politischer Maßnahmen – wie etwa eines allgemeinen Tempolimits – erfolglos geblieben. Auch zahlreiche Klagen gegen Unternehmen, sogenannte Carbon Majors, wurden aus Gründen der Gewaltenteilung abgewiesen;[11]das zunächst wegweisende Urteil gegen Shell wurde in der Berufung aufgehoben.[12] Gleichwohl haben die gegen Staaten gerichteten Entscheidungen Maßstäbe gesetzt, die Gesetzgeber zur Ergreifung konkreter Maßnahmen in verschiedenen Wirtschaftssektoren verpflichten. Für künftige Generationen bedeutet dies, dass ihre Belange von nun an in der Gesetzgebung Berücksichtigung finden.

Weitere Verfahren sind vor dem Internationalen Seegerichtshof und dem Internationalen Gerichtshof angestrengt worden. Der Internationale Seegerichtshof stellte in seinem Klimagutachten fest, dass die Pflicht der Vertragsstaaten, Meeresverschmutzung zu vermeiden, auch die Pflicht umfasst, CO₂-Emissionen zu reduzieren.[13] Der IGH konnte sich auf die gutachterlichen Stellungnahmen und Gerichtsentscheidungen des Seegerichtshofs, des EGMR und IAGMR sowie der Menschenrechtsausschüsse der Vereinten Nationen stützen. Er nutzte die Chance, den Ordnungsgedanken des Klimavölkerrechts zu stärken. Das Gutachten bestätigt die Entwicklung des (Umwelt-)Völkerrechts hin zu einer öffentlichen Ordnung, die staatliches Handeln an Gemeinwohlzwecken orientiert und dadurch begrenzt. Besonders hervorzuheben ist die Ausweitung des Präventionsgebots auf das globale Problem des Klimawandels. Damit wird staatliches Handeln auch dort begrenzt, wo Tätigkeiten im eigenen Hoheitsgebiet negative Auswirkungen auf die globale Umwelt haben. Dabei knüpft der Gerichtshof an grundlegende Linien des Umweltvölkerrechts an – von Trail Smelter,[14] über Pulp Mills[15] bis hin zur modernen Ausgestaltung der völkerrechtlichen Sorgfaltspflicht und passt sie an die aktuellen Herausforderungen an. Im Lichte dieses Gebots ausgelegt interpretiert der IGH das Pariser Abkommen zudem dahingehend, dass die Vertragsstaaten sich Klimabeiträge vornehmen müssen, die geeignet sind, das 1,5-Grad-Ziel sicherzustellen.[16] Die Feststellung, dass ein Recht auf eine gesunde Umwelt den Menschenrechten als immanente Voraussetzung innewohnt,[17] verstärkt die Wirkungskraft des Völkerrechts im innerstaatlichen Hoheitsbereich.

Ergänzt wird dies durch deutliche Hinweise, dass das am Sorgfaltsmaßstab ausgerichtete Präventionsgebot eine wirksame Regulierung privaten Handelns verlangt und dass die andauernde Produktion und der Konsum sowie die staatliche Subventionierung oder Lizenzierung fossiler Unternehmen völkerrechtswidrig sein kann.[18] Diese Feststellung ist bemerkenswert, da sich der IGH in seinem Gutachten zugleich erkennbar zurückhält, politische Spielräume durch die Vorgabe konkreter rechtlicher Maßnahmen oder Instrumente zu reduzieren.

Das Bild einer auf diese Weise erstarkenden Völkerrechtsordnung wird allerdings immer wieder dadurch relativiert, dass Fragen globaler Verteilungsgerechtigkeit aus Sicht vieler Staaten nicht ausreichend adressiert werden. Das IGH-Gutachten war aus diesem Grund unter Führung Vanuatus von einer Gruppe Inselstaaten angestoßen worden.[19] Vanuatu ist bereits heute in seiner Existenz durch den steigenden Meeresspiegel bedroht. Besonders umstritten war im Gutachtenverfahren daher, ob Industriestaaten völkerrechtliche Restitutions-, Kompensations- oder Entschädigungspflichten für Verluste und Schäden tragen, die durch Emissionen – einschließlich historischer Emissionen – verursacht wurden. Die Inselstaaten verbanden mit dem Gutachten die Erwartung, dass der Gerichtshof nicht nur Ordnung, sondern auch materielle Gerechtigkeit durch Recht herstellt. Denn vor Gericht kann sich die formale Gleichheit der Staaten in der Rechtsfindung stärker materialisieren als in der völkerrechtlichen Verhandlungspraxis, in der materielle Ungleichheiten häufig die formale Gleichheit unterminieren. Die außergewöhnlich hohe Zahl von über 100 Staaten und internationalen Organisationen, die sich an dem Verfahren beteiligten, verdeutlicht die zentrale Bedeutung, die die Staatengemeinschaft dieser rechtlichen Klärung beigemessen hat.

Die Dimension der Verteilungsgerechtigkeit findet im Gutachten sowohl in intertemporaler als auch in intragenerationeller Hinsicht ausdrückliche Anerkennung, ohne die eine Dimension der anderen vorzuziehen. Der Gerichtshof betont die zwischenstaatlichen Kooperationspflichten, die interpretationsleitende Bedeutung des Grundsatzes gemeinsamer, aber differenzierter Verantwortung und erkennt die Möglichkeit an, Klimaschäden im Wege der gewohnheitsrechtlichen Regeln über die Staatenverantwortlichkeit geltend zu machen.[20] Auf diesem Wege hat der IGH das Völkerrecht als Instrument einer verantwortungsethisch fundierten Gerechtigkeit aktiviert. Ob streitige Verfahren tatsächlich zur Anerkennung von Schadensersatzansprüchen führen werden, ist allerdings offen und wird selbst innerhalb der Richterschaft bezweifelt.[21] Die durch das Gutachten geweckten Hoffnungen einiger Insel- und Entwicklungsstaaten bergen mithin das Risiko, normative Erwartungen an das Völkerrecht zu wecken, die sich in streitigen Verfahren womöglich nicht einlösen und damit auch nicht stabilisieren lassen. Umgekehrt könnte eine durch gerichtliche Entscheidungen bewirkte globale Umverteilung die Akzeptanzgrenzen vieler Staaten überschreiten.

Gleichwohl hat der IGH mit der Offenheit seines Ansatzes einen ausgewogenen Ausgleich zwischen unterschiedlichen Erwartungen gefunden. Er hat Raum für politische Verhandlungen gelassen, wo keine Einigkeit besteht, zugleich aber einen klaren Handlungs- und Lösungsauftrag formuliert. Bei der Präzisierung materieller Kriterien, etwa im Hinblick auf Verantwortungsteilung und -differenzierung, hat er sich zurückgehalten. Das Gutachten stärkt jedoch mit der Anerkennung eines strengen Sorgfaltsmaßstabs,[22] eines eigenständigen völkergewohnheitsrechtlichen Kooperationsgebots zum Schutz der Umwelt[23] und der interpretativen Bedeutung von Beschlüssen der Vertragsstaatenkonferenz[24] die Räume zwischenstaatlicher Kommunikation, Zusammenarbeit und Entscheidungsfindung. Zugleich werden künftige Verfahren den IGH dazu zwingen, zu klären, wann die Verletzung der staatlichen Sorgfaltspflicht zur Prävention des Klimawandels vorliegt – und damit auch materielle Kriterien, etwa zur Verantwortungsteilung zu präzisieren. Gerade in diesen Verfahren wird sich erweisen, inwieweit die Völkerrechtsordnung ihren normativen Anspruch einlösen kann.

3. Rechtsentwicklungen im internationalen Wirtschaftsrecht

Viele Gerichte haben sich bei ihren Entscheidungen auf die ins nationale Recht transformierten globalen Klimaziele sowie die Berichte des IPCC gestützt und auf dieser Grundlage Grenzen individueller Freiheitsausübung anerkannt. In dieser Rahmensetzung liegt das Potenzial, das Verhältnis von Mensch und Umwelt neu zu justieren. In der politischen Theorie ist herausgearbeitet worden, dass sich das Umweltrecht weitgehend in die bestehenden Strukturen wirtschaftspolitischen Liberalismus eingefügt hat – ein Umstand, der zur Gefährdung natürlicher Lebensgrundlagen beigetragen hat.[25] Die aktuellen Gerichtsentscheidungen könnten eine Umkehr dieses Denkens initiieren, indem der Umweltschutz künftig den Rahmen für wirtschaftliches Handeln definiert.

Im internationalen Handels- und Investitionsschutzrecht lassen sich erste Ansätze eines solchen Paradigmenwechsels erkennen. Insbesondere die Europäische Union hat in jüngerer Zeit Freihandels- und Investitionsschutzabkommen geschlossen, die den Klimaschutz ausdrücklich als Ziel und als Regulierungsgrund aufnehmen und in denen sich die Vertragsparteien wechselseitig zu Klimaschutz verpflichten. Dazu zählen Abkommen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich, der EU und Neuseeland oder Kenia.[26] Der europäische Emissionshandel,[27] die Lieferkettengesetzgebung[28] und die neuen Berichterstattungsstandards[29] verpflichten Unternehmen zunehmend dazu, CO₂-Emissionen zu internalisieren und langfristige Klimastrategien zu entwickeln. Klimaschutz wird damit zur Zielvorgabe für das Marktgeschehen – und ermöglicht es, ethische Maßstäbe in ein globales Marktumfeld einzubetten, in dem der individuelle Konsument angesichts massiver Informationsasymmetrien kaum Einfluss nehmen kann.

Doch bleiben diese Entwicklungen bislang Ansätze, die nicht von allen Staaten geteilt werden. Innerhalb der EU sind sie angesichts wachsenden Drucks nach wirtschaftlicher und militärischer Resilienz umstritten. Die größten CO₂-Emittenten – die USA und die Volksrepublik China – haben sich der Integration von Klimaschutz in Handels- und Investitionsabkommen bisher nicht angeschlossen. Die europäische Lieferkettengesetzgebung ist auf Drängen mehrerer Mitgliedstaaten, darunter Deutschland, erheblich abgeschwächt worden; der Anwendungsbereich wurde reduziert, Berichtspflichten gelockert und der Zeitpunkt der Umsetzung verschoben.[30]

4. Zwischenfazit

Lässt man diese Rechtsentwicklungen Revue passieren, so zeigt sich im Bereich des Klimaschutzes eine Völkerrechtsordnung, die Ansätze einer emanzipatorischen und bestärkenden Kraft für Individuen und kleinere Staaten erkennen lässt. Maßgeblich hierfür sind, wie erwähnt, die Institutionalisierung eines Austauschs der Vertragsparteien, die Setzung globaler Zielvorstellungen, die dadurch angestoßenen Klimaklagen, die Diffusion der Klimaziele in andere Bereiche des Völkerrechts und die vom Völkerrecht ausgehende Pflicht zur staatlichen Regulierung unternehmerischen Handelns. Künftige Generationen und langfristige Umweltbelange werden gegenüber staatlicher und wirtschaftlicher Macht gestärkt. Das staatliche Handeln wird nicht mehr ausschließlich durch rational-ökonomische Erwägungen gelenkt, sondern zunehmend durch ethische Maßstäbe, die gesellschaftlich artikuliert werden. Menschenrechte und im Lichte des Umweltvölkerrechts interpretierte verfassungsrechtliche Umweltziele steuern sowohl das Handeln der Staaten gegenüber Privaten als auch ihr Verhalten gegenüber anderen Staaten.

In ihrer wechselseitigen Bezugnahme bilden diese Gerichtsentscheidungen ein Klimarechtsnetz, das mittel- und langfristig zur Herausbildung einer trans- und internationalen Ordnung beitragen kann. Eine Verknüpfung innerstaatlicher und internationaler Rechtsprechung hat das Potenzial, den „Souveränitätspanzer“ der Staaten zu durchdringen oder zumindest durchlässiger zu machen. Dies könnte aus dem Staatsinneren heraus zu einer Selbstbegrenzung staatlicher Freiheit führen und damit zur Verwirklichung des Klimaschutzes als globalem Gemeinschaftsziel beitragen.

Die Geschichte des Umweltvölkerrechts zeigt, dass dieses stets von Entwicklungen beeinflusst wurde, die sich von der nationalen auf die internationale Ebene verlagerten. Ebenso könnte eine Neuausrichtung des Freiheitsverständnisses vom innerstaatlichen in den internationalen Kontext ausstrahlen und so bottom-up zur Entstehung einer an Gemeinschaftszielen orientierten Völkerrechtsordnung beitragen. Die Geschichte zeigt allerdings auch, dass das Umweltvölkerrecht von einem Spannungsverhältnis zwischen transformativer Ambition und politischer Machbarkeit geprägt ist.

IV. Perspektiven: Juristische Vorstellungskraft und die Rolle der Wissenschaft

„Der Wissenschaft kommt in Zeiten des Klimawandels eine herausgehobene Rolle zu“. Die Rotunde des Instituts, um 2014 [31]

Wenn ich im dritten und letzten Teil meines Beitrags in die Zukunft blicke, geht es mir vor allem um die Frage, wie die Völkerrechtsordnung ökonomischen Machtinteressen durch normative Maßstäbe zum Schutz globaler Gemeinschaftsinteressen entgegentritt und diese begrenzen kann. Es geht mithin um die Grundlagen des Verhältnisses von Mensch, Umwelt und Wirtschaft im Recht. Der Klimawandel zwingt uns geradezu, darüber nachzudenken, wie eine umweltrechtliche Einbettung wirtschaftlichen Handelns gelingen kann.

Dies erfordert, über den Tellerrand der eigenen Disziplin hinauszublicken, rechtliche Narrative zu hinterfragen und die juristische Vorstellungskraft zu erweitern. Denn das Recht transportiert Vorstellungen vom „guten Leben“ und damit abstrakte Vorstellungen über seine gesellschaftliche Funktion. Diese beeinflussen unser Verständnis dessen, was ein mögliches und was ein überzeugendes juristisches Argument ist. Daher ist es von erheblicher Bedeutung, zu reflektieren, ob unser Freiheitsverständnis mit einem Verständnis von Verantwortung, Fürsorge und Freiheitsvoraussetzungen vereinbar ist, die in den Beziehungen zu anderen Menschen und den materiellen Umweltbedingungen begründet liegen. Dazu gehört auch, zu hinterfragen, welche Bilder Begriffe wie „Souveränität über natürliche Ressourcen“, „territoriale Hoheitsgewalt“ oder „Recht auf Umweltverschmutzung“ evozieren und ob diese Vorstellungen nicht durch ein stärker interdependenzorientiertes Denken ersetzt werden sollten.

Da das Klimavölkerrecht sein volles Potenzial erst in Verbindung mit regionalem und innerstaatlichem Recht entfaltet, sollte zudem wissenschaftlich reflektiert werden, wem das Völkerrecht auf nationaler Ebene nützt, wen es stärkt und wen es schwächt – und wie es bestehende Machtkonstellationen stabilisiert oder transformiert. Internationale Forschungskooperationen mit rechtsvergleichendem Schwerpunkt werden hierfür von zentraler Bedeutung sein. Über sie lassen sich verbindende Konzepte identifizieren, die wiederum auf die internationale Ebene zurückwirken. Der Radius der Rechtsvergleichung sollte hierzu unbedingt auf Staaten und zivilgesellschaftliche Rechtsmobilisierung im Globalen Süden ausgeweitet werden.

Der Wissenschaft kommt in Zeiten des Klimawandels eine herausgehobene Rolle zu. Das gilt nicht nur für die Naturwissenschaften, sondern ebenso für die Rechtswissenschaften. Ich schätze es sehr, dass die Forschung am Institut stets auch ihr Augenmerk darauf gerichtet hat, in konstruktiver Weise Wege aufzuzeigen, wie die Völkerrechtsordnung auf valide Kritik reagieren kann. Gerade im Bereich des Klimaschutzes kann eine konstruktivistisch informierte Rechtswissenschaft produktiv zu jener globalen Transformation beitragen, die wir als Menschheit zu bewältigen haben.

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[1] Foto: Mirko Lux.

[2] IGH, Obligations of States in Respect of Climate Change, Advisory Opinion v. 23.7.2025, Case No. 187, Rn. 245.

[3] Hoge Raad [Verfassungsgerichtshof der Niederlande], Die Niederlande v. Urgenda, Urteil v. 20.12.2019.

[4] BVerfG, Beschluss v. 24.03.2021, Az. 1 BvR 2656/18, 1 BvR 96/20, 1 BvR 78/20, 1 BvR 288/20 – Klimaschutz.

[5] Für einen aktuellen Überblick über die Fülle an Verfahren: Joanna Setzer/Catheine Higham, Global trends in climate change litigation: 2025 snapshot, 2025.; siehe auch: Joanna Setzer/Lisa Benjamin, Climate Litigation in the Global South: Constraints and Innovations, Transnational Environmental Law 9 (2020), 77–101.

[6] Conseil D´Etat, Commune de Grande-Synthe v. France, Urteil v. 1. 7. 2021.

[7] High Court, Friends of the Irish Environment v. The Government of Ireland, Urteil v. 19. 9. 2019.

[8] Verfassungsgerichtshof von [Süd-]Korea, Do-Hyun Kim et al. v. South Korea, Urteil vom 29.8.2024.

[9] EGMR, Verein KlimaSeniorinnen Schweiz and Others v. Switzerland, App. No. 53600/20, Urteil v. 9. 4. 2024.

[10] IAGMR, Climate Emergency and Human Rights, Advisory Opinion v. 29.5. 2025, Case No. AO-32/25, Rn. 202.

[11] Siehe Etwa: OLG München, Urteil vom 12.10.2023, Az. 32 U 936/23; OLG Stuttgart, Beschluss vom 09.11.2023, Az. 12 U 170/22; LG Stuttgart, Urteil vom 13.09.2022, Az. 17 O 789/21, NJW 2022, 3522; für eine differenzierende Sichtweise siehe aber: OLG Hamm, Urteil v. 28.05.2025, Az. 5 U 15/17. Es gibt eine Vielzahl an Klagen in anderen europäischen Ländern, siehe zuletzt eine Entscheidung aus Italien: Corte Suprema di Cassazione, Greenpeace Italy et. Al. v. ENI S.p.A., the Italian Ministry of Economy and Finance and Cassa Depositi e Prestiti S.p.A., Urteil v. 21. 7. 2025.

[12] Gerechtshof Den Haag, Shell Plc. v. Stichting Milieu en Mens, Urteil v. 12.11.2024. Milieudefensie strengt aber ein neues Verfahren an, in dem es den Klageantrag ändert und auf den Ausstieg aus Investitionen in die Fossilenergie klagt.

[13] ITLOS, Climate Change and International Law, Advisory Opinion v. 21. 5. 2024, Case No. 31, Rn. 198 ff.

[14] Train Smelter Arbitral Tribunal, Trail Smelter (United States of America v. Canada), Arbitral Award v. 16. 4. 1938 und 11. 3. 1941, Reports of International Arbitral Awards Vol. 3, 1905–1982.

[15] IGH, Pulp Mills on the River Uruguay (Argentina v. Uruguay), Urteil v. 20. 4. 2010, ICJ Reports 2010, 14.

[16] Vgl. IGH, Obligations of States (Fn. 1).

[17] IGH, Obligations of States (Fn. 1), Rn. 393.

[18] IGH, Obligations of States (Fn. 1), Rn. 252, 282, 403, 427–428.

[19] Sie veranlassten die Generalversammlung, dem IGH die Gutachtenfragen vorzulegen: UN, GV Resolution 77/276, 29.3.2023, A/RES/77/276.

[20] IGH, Obligations of States (Fn. 1), Rn. 148–151, 301 ff., 405 ff.

[21] Siehe hierzu: IGH, Obligations of States in Respect of Climate Change, Declaration of Judge Nolte, insbesondere Rn. 14.

[22] IGH, Obligations of States (Fn. 1), Rn. 138, 246, 253–254, 268, 343, 347.

[23] IGH, Obligations of States (Fn. 1), Rn. 301–308.

[24] IGH, Obligations of States (Fn. 1), Rn. 184.

[25] Vgl.: Steven Bernstein, The Compromise of Liberal Environmentalism, New York: Columbia University Press 2001.

[26] Für diese und weitere Entwicklungen in dem Bereich, siehe: Europäische Kommission, Negotiations and Agreements.

[27] RL 2003/87/EG , Rn. 32–46.

[28] RL 2024/1760/EU; siehe auch Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG), BGBl. I, 2959.

[29] RL 2022/2464/EU, Rn. 15–80.

[30] RL2025/794/EU.

[31] Foto: MPIL.

Die gerettete Bibliothek. Ein Zeitzeuginnenbericht aus dem Jahr 1946

Annelore Schulz gehörte über Jahrzehnte zu den prägenden Personen des Institutslebens. 1906 geboren, war sie nach einer Ausbildung zur Diplom-Bibliothekarin für den mittleren Dienst an wissenschaftlichen Bibliotheken am 1. Januar 1929 im Alter von 22 Jahren in den Dienst des KWI in Berlin eingetreten.[1] Dem Institut sollte sie dem Rest ihres Lebens treu bleiben. Erst 1985 ging sie, fast 80-jährig, nach 56 Dienstjahren in Heidelberg in den endgültigen Ruhestand.

Ist Annelore Schulz in der heutigen Erinnerungskultur des Instituts weitgehend vergessen, wurden ihre Verdienste zu Lebzeiten vielfach gewürdigt: Anlässlich ihres 40-jährigen Dienstjubiläums hob Hermann Mosler nicht nur die „Qualität ihrer fachlichen Leistung“ hervor, er betonte ihre Bedeutung bei der Rettung der gegen Kriegsende ausgelagerten Bibliothek des Instituts: „Sie hat dessen ganze Entwicklung in guten und schlechten Zeiten miterlebt und sich insbesondere in der schweren Periode der ersten Nachkriegszeit menschlich sehr bewährt.“[2]

1966 verfasste sie, 20 Jahre nach den Ereignissen, auf Bitten von Kolleginnen und Kollegen einen ausführlichen Schreibmaschine-Bericht mit dem Titel „Die Rückführung unserer Institutsbibliothek aus der Uckermark nach Berlin-Dahlem 1946 nach meinen Tagebuchnotizen“, der jedoch nie veröffentlicht wurde. In ihrem Bericht schildert sie die Geschicke des Instituts zwischen September 1945 und Mai 1946. Nach der Zerstörung des Berliner Schlosses im Februar 1945 war das Institut notdürftig im Privathaus des verstorbenen Direktors Viktor Bruns in Zehlendorf untergebracht. Die wertvolle Bibliothek war bereits 1944 auf zwei Gutshöfe und eine Gastwirtschaft in die Uckermark ausgelagert worden. Ein Großteil der Bücher wurde im Krieg zerstört, der restliche Bestand war aufgrund der chaotischen Nachkriegsverhältnisse durch Plünderungen, unsachgemäße Lagerung und Nutzung als Brennmaterial durch Flüchtlinge und die Uckermärkische Bevölkerung stark gefährdet. Zusammen mit der Direktionssekretärin Ellinor Greinert gelang es Schulz unter großen persönlichen Anstrengungen und nicht ohne Gefahr, 25.000 Bücher und bibliotheksbezogene Unterlagen aus der sowjetischen Besatzungszone zu bergen und nach Berlin zurückzubringen.

“Die Rückführung unserer Institutsbibliothek aus der Uckermark nach Berlin-Dahlem 1946 nach meinen Tagebuchnotizen”

Das Tagebuch von 1946[3]

Am 19. September 1945 kam ich nach dem Zusammenbruch das erste Mal wieder in das Institut nach Berlin-Zehlendorf, Sven-Hedin-Straße 19; heute ist das Haus von einem späteren Käufer dem Erdboden gleichgemacht. Seit dem Bombenangriff am 4. Februar 1945, wo die Institutsräume im obersten Stockwerk des Berliner Stadtschlosses in die Tiefe gerissen wurden (die Bombe traf das Zimmer von Herrn Dr. Blass), hatte das Institut seinen Sitz im Bruns‘schen Haus, das von Frau Professor Bruns und ihrer Tochter Hella Noltenius mit beiden Kindern der Luftangriffe wegen schon verlassen worden war.[5] Herr und Frau Kretschmer[6], die ihre Wohnung im Schloss eingebüßt hatten, zogen als Hausmeisterehepaar des Instituts mit auf die Sven-Hedin-Straße.

Von Juli 1944 bis 9. März 1945 war ich allein in unserer Ausweichstelle Züsedom, Uckermark, zwischen Prenzlau und Pasewalk, bei der Familie von Arnim mit unsern alphabetischen und systematischen Katalog und circa 25 000 Büchern gewesen, in ständiger Fühlungnahme mit der Berliner Zentrale und der Ausweichstelle Kleisthöhe, Uckermark, zwischen Prenzlau und Strasburg. Am 15. Januar 1945: letzter Besuch im Berliner Institut, mit Herrn Dr. Blass und Herrn Dr. Mosler gesprochen; am 2. Februar noch Telefon mit Kleisthöhe, Herrn Dr. Mosler. Allmählich hörten die postalischen Verbindungen auf, denn am 12. Januar war die russische Offensive in Ostpreußen erfolgt, die Flüchtlingsströme blockierten alle Verbindungen. Ab Ende Februar standen die Russen mehrere Wochen vor Stettin fest, alles westlich der Oder rüstete zur Flucht, in Kleisthöhe war nur noch unsere Sekretärin Frau Irene Hähn [sic: Haehn][7] geblieben. Am 9. März eröffnete mir Herr von Arnim, dass ein Luftwaffenstab noch am selben Tage nach Züsedom ins Schloss gelegt würde, der die von uns mit Büchern belegte 2. Etage beschlagnahmt hätte. Die Bücher wurden ordnungsgemäß von Soldaten dicht gestapelt, was ich noch sah. Ich selbst hatte Gelegenheit, mit einer Schwester von Herrn von Arnim in der Nacht zum 10. März von einem LKW der Wehrmacht nach Halle mitgenommen zu werden. Wie für den Notfall vorgesehen, gelang es noch bis Ende März, meine Angehörigen aus Dresden nach Baasdorf bei Köthen auf ein Gut zu bringen, wo auch ich, in Einverständnis mit Herrn Dr. Blass, zunächst verblieb.

Erst nach dem 1. Juli 1945 konsolidierten sich langsam die Verhältnisse. Das Berliner Institut in Berlin-Zehlendorf gehörte seitdem zum amerikanischen Sektor, während Teile Mitteldeutschlands (Baasdorf) gleichzeitig im Austausch zur russischen Zone geschlagen wurden. Dies erleichterte die Reisemöglichkeiten, die Elbe bildete keine Grenze mehr. Allmählich begannen die Postverbindungen. Mit Fräulein Bruns und den Schwestern von Herrn von Arnim nahm ich Kontakt auf, erfuhr von dem tragischen Ende der Flucht von Herrn von Arnim in den ersten Apriltagen,[8] aber auch, dass das Schloss Züsedom noch stehe, zwar von Flüchtlingen besetzt, aber unsere Bücher, aller Vermutung nach, noch vorhanden seien. Ich bot im Institut meine Hilfe zur Rückgewinnung der Bücher an.

Die Bruns’sche Villa in der Sven-Hedin-Straße 19. Zwischen 1945 und 1947 provisorischer Institutssitz [9]

So fuhr ich am 17. September nach Berlin, landete aber erst am 19. dort; zwei Übernachtungen auf Bahnhöfen, gottlob ohne Plünderungen. Auf der Sven-Hedin-Straße: große Wiedersehensfreude mit Fräulein Bruns, Fräulein Gertrud Heldendrung, Frau Grunow, Herrn Weiss, der das Institut durch die schwersten Tage durchgeschifft hatte, Herrn und Frau Kretschmer.[10] Es erschütterte mich, vom Schicksal von Herrn Dr. Bloch zu hören, der als Nachfolger von Herrn Dr. Blass ab Mitte April die Verantwortung für das Institut getragen hatte. Am 20. September treffe ich sogar Herrn Dr. Friede[11], der erst kürzlich aus Meiningen zurückgekehrt ist, und unsern neuen Chef, Geheimrat von Lewinski[12], im Institut an. Beide sprechen schon davon, dass ich mit nach Züsedom soll, um dort nach dem Rechten zu sehen. Auch meine Beurlaubung vom Institut statt Abbau wird besprochen.[13] Am 23. September Rückfahrt nach Baasdorf, nachdem ich mich noch um restliche Sachen in meiner nun anderweitig besetzten Wohnung auf dem Hohenzollerndamm bemüht hatte. Ab 30. September wurde der Zuzug nach Berlin gesperrt.

Kleisthöhe (rot) und Züsedom (grün) in der Uckermark. Circa 140 km von Berlin entfernt[14]

In der Folgezeit bereitete Fräulein Greinert[15], der spiritus rector der Rückführung unserer Bücherbestände, die Erkundungsreise in die Uckermark vor. Auch mit Frau von Mörner[16], Kleisthöhe, stand ich wieder in Briefwechsel. Das Kleisthöher Schloss war niedergebrannt mitsamt unseren kostbarsten Abteilungen („Völkerrecht“, circa 60 000; „Großbritannien“, circa 9 000, „Italien“, circa 6 000; „US-Monographien“, circa 5 000; „Frankreich-Monographien“, circa 7 000 Bände; dazu die Gesetzessammlungen von sämtlichen Ländern; Totalverlust: Völkerrecht, Großbritannien, Italien). Aber in Schlepkow waren unsere Bücher noch im Gasthof vorhanden. Von März bis Juli 1944 war ich tätig gewesen in Kleisthöhe, hatte im August die von Berlin laufend eintreffenden Lastwagen mit unseren Büchern im Gasthofsaal in Schlepkow mitaufgestellt – ein täglicher Marsch von Kleisthöhe über Hetzdorf nach Schlepkow, unserer dritten Ausweichstelle – so kannte ich die Umgebung und Menschen recht gut. Die vierte Ausweichstelle Neuensund (Uckermark) mit Parlamentspapieren (außer Deutschland und USA) lernte ich erst später bei der Rückführung kennen. In der fünften Ausweichstelle Blücherhof (Mecklenburg) im Entomologischen Institut wurden Akten und die von Buchbinder Triemer[17] und einer Photographin hergestellten Filme der systematischen Kataloge ausgelagert, die teils gerettet wurden, aber aus verschiedenen Gründen keine Verwendung mehr fanden. Erst im März 1946 war es soweit, dass die Erkundungsfahrten beginnen konnten und ich entnehme nun Einiges wörtlich aus meinem Tagebuch.

„Grausamer Anblick in der Morgendämmerung“. Aufbruch nach Züsedom

Schloss Züsedom, 1944[18]

4. März [1946], Montag: Abends Telegramm vom Institut, ich möge wegen Reise nach Züsedom kommen. Telegraphisch zugesagt.

5.–7. März [1946], Dienstag bis Donnerstag: Reise nach Berlin in Kälte und Nässe, Umleitungen, Bahnhofsnacht in Belzig. 7. März, 4 Uhr früh ab Belzig; 7.30 Uhr in Wannsee; 8.30 Uhr im kalten Zehlendorfer Institut. Frau Kretschmer verwöhnt mich mit einem Kessel heißen Wassers, Bohnenkaffee und Weißbrot. Herr Kretschmer teilt mir mit, dass ich nachmittags mit Fräulein Greinert die Erkundungsfahrt durch die Uckermark machen soll, danach soll ein Lastkraftwagen, den er sich anheischig macht zu besorgen, mit uns die Bestände einholen. 12.30 Uhr noch Essen im Institut, das Frau Kretschmer schmal aber schmackhaft leistet. Danach gestartet, zunächst mit Fräulein Heldendrung. Gegen 15 Uhr Fräulein Greinert auf dem Stettiner Bahnhof getroffen. Sie hat die Fahrkarten und Ausweise, die mit Schwierigkeiten vom Institut besorgt wurden. Im Zuge über eine Stunde gewartet, 16.30 Uhr geht es los. Wir haben Sitzplätze im dunklen Abteil, es ist eine tolle Fülle. Lange Gespräche mit Fräulein Greinert über das Institut, stundenlange Aufenthalte, die Russen werfen die Leute aus der 2. Klasse heraus, die dann nachts kaum noch bei uns einen Stehplatz finden. Statt 21 Uhr ist der Zug am nächsten Morgen um 4 Uhr in Pasewalk, der ersten Stadt westlich des russischen Stettins.

Ellinor Greinert, Zeichnung Marie Bruns, undatiert [19]

8. März [1946], Freitag: Wir wandern durch die dunklen Straßen, denn im Bahnhof kann kein Apfel zur Erde fallen: Flüchtlinge, Säcke, Russen. Gerade hören wir noch, dass wir zur weiteren Erlangung von Fahrkarten einen Entlausungsschein nötig haben. Am Marktplatz nur Ruinen, grausamer Anblick in der Morgendämmerung, zumal die Erinnerungen an die bekannten Geschäfte, die Post, wach werden. Schließlich enden wir doch noch für anderthalb Stunden im Flüchtlingslager, aber der Eindruck ist so ergreifend – was wir atmen, hören, sehen – dass wir die Stätte mit dem ersten Tageslicht verlassen, um uns im Städtischen Krankenhaus früh um 7 Uhr entlausen zu lassen, Kostenpunkt 1,50 RM. Vergeblich bemühen wir uns im Städtchen um einen Wagen nach Züsedom. Auf der Superintendentur bei Pfarrer Friedrich, mir noch bekannt von Arnim’schen Zeiten, weiß man hierfür auch keinen Rat; ich hatte den Eindruck, der Pfarrer wollte sich aus der Angelegenheit heraushalten. Im Wartezimmer konnte Fräulein Greinerts Kaffee etwas angewärmt werden, damit erschöpfte sich die Hilfe von Pfarrer Friedrich.

So ziehen wir denn gegen 8.30 Uhr zum Tor hinaus per pedes apostolorum. Eisiger Nebel kommt von der Uecker herauf, die Erde in Frost und Schnee gebannt. Da sehe ich ein Wägelchen mit Schild „Damerow“, das uns auch willig mitnimmt: Wir sitzen im Kastenwagen im Stroh, vorbei geht’s am Kirchenforst, dann weiter die Chaussee über Rollwitz, später ein grundloser Landweg von Weiden eingesäumt, rechts und links endlose Felder, die im Jahr zuvor brach lagen, Kolkraben. So kommen wir von hinten an den Damerower Park, in dem die Ruinen des Winterfeldtschen Schlosses ragen. Die anderthalbstündige Fahrt hat uns kalt gemacht, wir sind froh, nun laufen zu können nach Züsedom. Endlos die Felder, die Weite. Erde und Himmel sind weiß ohne Absatz. Einen Menschen sehen wir von weitem kommen – wie erleichtert sind wir: Es ist Frau Meier, die Tochter vom Rendanten Beelemann, die noch immer den Postdienst versieht und mit dem Spitz auf den Landstraßen unterwegs ist. Nach herzlicher Begrüßung gibt sie uns einige Tipps: Nur ein russischer Kommandant ist in Züsedom, wegen der Brennerei. Alle Kartoffeln, selbst Saatkartoffeln, der gesamten Uckermark müssen hier abgeliefert werden, um Schnaps für den Russen zu brennen.

„Ein Bild der Vernichtung“. Die Spuren des Krieges sind bis heute sichtbar [20]

Und dann liegt Züsedom unverändert da, Schloss, Hof, Stallungen, nur Schlagbäume sind errichtet. Wir pirschen uns ans Schloss heran, die Türen stehen offen, die Fenster sind entzwei, Flüchtlinge machen sich zu schaffen. Ziemlich unbemerkt können wir durchs Haus streifen, in dem nur noch die riesigen alten Schränke stehen – alles ein Bild der Vernichtung. Im Saal oben liegen in großen Stapeln unsere Bücher (Congressional Records). Der systematische Katalog steht, nur wenige Schübe leer. Vom alphabetischen Katalog ist noch eine einzige Kapsel, statt circa 325, vorhanden. Die Schulkinder benutzen sie als Hefte. In Haufen liegen die alphabetischen Zettel verstreut. Keine Spur vom Schlagwortkatalog. Sonst fehlt alles weitere Inventar, wie Schreibmaschinen und so fort. Die New York Times wird zum Anheizen benutzt. Mein geliebtes Dachstübchen leer.[21] Im zweiten Stock besonders sind die Neusiedler am Werk, es sich in den ehemaligen Gastzimmern wohnlich zu machen.[22] Hier lagen die großen amerikanischen Serien des National Reporter System. Dann kehren wir im Haus des Rendanten Beelemann ein: Überraschung und Freude. Der alte Herr Beelemann kämpft mit den Tränen, sein Rechtssinn und seine Treue zum Haus Arnim kommen immer wieder zum Ausdruck. Er und seine Frau haben jetzt alle Arbeiten für den Bürgermeister Rosenthal, den ehemaligen Gärtner, und für die Bodenreform zu erledigen, keine kleine Aufgabe. Es gelingt auch sogleich den russischen Kommandanten zu sprechen an der Kleinbahn, die jetzt auch Personen befördert. Hier nimmt er gerade mit einem deutschen Gendarmen den Menschen die anzuliefernden Kartoffelsäcke ab. Fräulein Greinert erfährt im russisch geführten Gespräch[23], dass unsere Bücher von der Kommandantur in Brüssow beschlagnahmt seien, der Kommandant viel auf Jagd und daher schwer zu sprechen, und die Erlaubnis zum Abtransport besser gleich bei der russischen Kommandantur in Berlin einzuholen sei. Damit waren wir abgefertigt.

Infolge allerlei Ordnungsarbeiten, die sich doch ergeben, nehmen wir das Angebot von Beelemanns, bei ihnen zur Nacht zu bleiben, dankbar an. Wir dürfen zum Mittagessen bei einem Graupeneintopf mithalten, der uns so wohltut, während uns Beelemanns von der Bodenreform in Züsedom berichten, die sich ja in jedem Dorf fast anders auswirkt. All das, auch die Nachrichten von Arnims, interessiert mich sehr. Im Haus des ehemaligen Verwalters Schrader sehen wir unsere Deutschland- und Österreich-Abteilungen in ziemlich wilden Haufen. Hier bat uns Frau Dannemann, sie von Arnim’schen wertvollen Kleinmöbeln […] zu befreien, ebenso wie die ehemalige Jungfer Frau Bethke die aufgerollten Ölbilder der Schwester von Herrn von Arnim los sein will. Später haben wir bei den Transporten da Hilfe geleistet. Im Schloss sammeln und retten Fräulein Greinert und ich was in unseren Kräften steht, suchen aus dem Schmutz die systematischen Karten zusammen, die wir finden, um wenigstens diesen Katalog ziemlich vollständig zu haben. In der Nacht werden 40 Siedlerfamilien erwartet, die im Schloss untergebracht werden sollen, deshalb sind die Schulkinder am Werk, wieder einmal die Bücher umzustapeln, wozu wir nun Direktiven geben können und aus Winkeln nasse und beschädigte Bücher zusammensuchen. In der Dunkelheit gehen wir noch in die Keller, die so gut wie ausgeraubt sind. Aus meinem großen Rohrplattenkoffer finde ich noch allerlei persönliche Dinge. Beelemanns verköstigen uns auch am Abend. Wir dürfen auf zwei Liegen im warmen Amts-Wohnzimmer schlafen.

„Wir sinken tief in den verharschten Schnee ein“. Weiterfahrt nach Kleisthöhe und Schlepkow

Schloss Kleisthöhe, 1944 [24]

9. März [1946], Sonnabend: Frau Beelemann umsorgt uns früh, 6h45 verlassen wir das Haus, laufen den Schienen der Kleinbahn nach, wo der Weg einigermaßen gut ist, über Bröllin, in den mir so vertrauten Wald, hier sind wir gegen den Ostwind geschützt. 9.40 Uhr geht der Zug nach Strasburg, den wir glatt erreichen, der Entlausungsschein öffnet uns die Sperre. Kalte Fahrt, wir überlegen am Telegramm nach Berlin. Strasburg bietet ein ähnliches Bild wie Pasewalk – Stadt und Markt zerstört, Russen in den heilen Häusern, armselige Gestalten. Gottlob, dass der Apotheker Steinmetz seine Adlerapotheke noch hat! Wie oft waren wir von Kleisthöhe aus bei ihm und auch jetzt hilft er mit wichtigen Arzneien, lässt uns in sein warmes Wohnzimmer. Dann auf nach Kleisthöhe, die Woldegaster Chaussee hinaus und den Fußweg nach Hetzdorf. Fast ungangbar ist der Weg, wir sinken tief in den verharschten Schnee ein, die Orientierung ist erschwert. Im ersten Wäldchen ein frisches Soldatengrab, die alten schönen Bäume stehen noch. Wir versuchen in den Fußtritten einer Männerspur zu gehen. Nach zwei Wegstunden sehen wir den Hetzdorfer Kirchturm und [den] Schlossturm von Kleisthöhe. Quer über die Felder zum Gut Kleisthöhe.

Ungesehen können wir die Schlossruinen umstreifen. Alle Geschosse sind in den Keller abgesunken, einzig unsere Bücherregale ragen heraus, haben dem Feuer standgehalten – und die marmorne Muscheljungfrau steht unversehrt auf der Terrasse. Erschütternd ist dann das Wiedersehen mit Frau von Mörner, als Tagelöhnerin in einer Kate wohnend. Infolge der vielen Bücher auf dem Hausboden brannte das Schloss restlos nieder, das Feuer soll von der SS angelegt worden sein.[25] Von einem nahen Wäldchen aus beobachteten die Kleisthöher den Brand. Hier ist also für unser Institut nichts mehr zu holen. Kurze Rast bei einer Tasse Kaffee, Frau von Mörner berichtet vom Schicksal all der auch mir bekannten Menschen. Weiter nach Hetzdorf, wo wir beim Kaufmann, der uns in Kleisthöhe belieferte, [her]eingucken und viel Schlimmes hören.

„In tollen Haufen durcheinander“. Kriegsbeschädigter Band im Bibliotheksbestand [26]

Im Dämmern schon geht es auf Schlepkow zu – schnell zum Gasthofsaal von Hahns. O Wunder, er steht, während die Scheune links davon total abbrannte. Der Saal ist leer, wieder ein Tanzsaal. Doch rechts und links stehen unsere Regale, teils gefüllt; die Bücher liegen in tollen Haufen durcheinandergeworfen in den Ecken. Gleich erscheint Herr Hahn, sehr sympathisch. Er will die Bücher los sein, beantragte den Abtransport schon in Berlin vergeblich bei der KWG [Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft]; auch Fräulein Heygel, die ehemalige Lehrerin findet sich ein. Viel müssen wir hören von dem grausigen Schicksal der Familie Krug.[27] Herr Krug war der Verwalter des Vorwerks Schlepkow, das zum Graf Schwerin’schen Sitz Wolfshagen gehörte. In dem schönen Gutshaus Schlepkow war Frau Grunow wochenlang aufgenommen für die Einstellungsarbeiten im Gasthofsaal, und wer von uns dort arbeitete, wurde großzügigst von Krugs mittags mitverpflegt. Von diesen Mittagstischen kannte ich auch Herrn Zander, den damaligen Buchführer, jetzt Neusiedler – ein sehr vigilanter Mann. Bei ihm sprechen wir vor und erfahren, dass der Landrat in Prenzlau unsere Bücher beschlagnahmte – und als wir beim Bürgermeister Köhler, schon im Dunkeln, einkehren, hören wir zu unserm Schrecken, dass erst in der vergangenen Woche der Russe Hand auf die letzten Bücher legte. Die Hälfte der in Schlepkow ausgelagerten Bücher schien mir ohnehin abhandengekommen zu sein. Die zahllosen riesigen Stöße in Folio und Quart gebunden, die Gesetzblätter der lateinamerikanischen Staaten, Spaniens, Portugals, Russlands, Frankreichs fehlten, waren als Einwickelpapier benutzt worden. Aber hier waren noch die Bücher der Allgemeinen Abteilung, Kirchenrecht, die französischen Zeitschriften, die Monographien von Russland, Spanien, Portugal. Die Aufgabe war nun, neben der Erlaubnis vom Landrat in Prenzlau, die Erlaubnis des russischen Kommandanten in Strasburg einzuholen, letzteres wird wohl kaum möglich sein. Köhler befürwortete, dass wir versuchen wollen, beim Bauer Strowig heute Nacht unterzukommen. Hier hatte im Sommer 1944 schon gelegentlich Fräulein Röllinghoff, eine Dame vom Institut, gewohnt, die zu Einstellungsarbeiten mit herangezogen worden war. Frau Strowig war Mamsell bei Frau von Mörner [sic: Mörner] gewesen, daher kannte ich sie auch. Diesen netten Leuten fallen wir um 7 Uhr ins Haus und sie nehmen uns auch wirklich für die Nacht auf. Wir dürfen an Pellkartoffeln mit Quark und Salz teilnehmen, bekommen sogar eine Fettschnitte. Herr Strowig erzählt nett und angeregt von aller Armut, in die sie ohne Vieh jetzt geraten sind, während Frau Strowig zur Versammlung musste. In der guten eiskalten Stube sind zwei Liegen, auf denen wir uns dann lang strecken dürfen.

„Wir sind am Ende unserer Kräfte“. Die Sicherung des Buchbestands in Schlepkow

März [1946], Sonntag: Nach einer warmen Morgensuppe trennen wir uns sehr herzlich von Strowigs auf deren Weg zur Kirche. Haben eben noch mit Herrn Zander unsere Pläne besprochen und machen uns dann über Hetzdorf, Kleisthöhe, Fahrenholz, Güterberg nach Strasburg auf. Eisiger Wind, doch der Weg ist besser als gestern. Im früheren Strasburger Postgebäude ist die russische Kommandantur. Schnell verschafft uns Fräulein Greinert Eintritt, und schon nach kurzer Wartezeit schenkt uns der Kommandant Gehör, ruft noch eine Dolmetscherin dazu, und es gibt eine ganz angeregte Unterhaltung mit dem ehemaligen Journalisten über die Bücher unserer Russlandabteilung. Schließlich erhalten wir eine Bescheinigung für den Bürgermeister Köhler in Schlepkow, die die Erlaubnis zum Abtransport der Bücher beinhaltet. Wir sind beide am Ende unserer Kräfte, kaum noch fähig, uns so recht über den großen Erfolg zu freuen. Bei dem eisigen, unfreundlichen Wetter sind wir froh, von 14 Uhr an eine stille Ecke im Wartesaal zu finden, wo wir sogar Suppe und Kaffee bekommen können. Wider Erwarten geht um 19.30 Uhr noch ein Zug nach Pasewalk hinüber; hier wieder eine Bahnhofsnacht im düsteren, überfüllten Wartesaal auf dem Fußboden – mit allerlei Zwischenfällen.

Gasthof Hahn in Schlepkow, 2020 [28]

11. März [1946], Montag: Ab 4 Uhr angestellt für den Berliner Personenzug, in dem wir dann sogar Sitzplätze bekamen. Unterwegs singen Männer in unserm Abteil ganz reizend mehrstimmig Volkslieder. 6.30 Uhr in Prenzlau, nach dem Zug für Brüssow umgetan – wir möchten den russischen Kommandanten dort noch sprechen – aber die Eisenbahnschienen dorthin sind abmontiert. Für Herrn Zander, Schlepkow, geben wir noch einen Brief in einer uns angegebenen Familie ab, teilen unsern Erfolg in Strasburg mit und unsern Plan, wenn irgend möglich noch in dieser Woche die Bücher abzuholen. Im einst feudalen Landratsamt ausgeruht und gewartet. Die bunten Glasfenster tragen die Wappen des uckermärkischen Adels. Um 8 Uhr schon können wir den Vertreter des Landrats sprechen, der sofort schriftlich die Erlaubnis zum Abtransport der Schlepkower Bücher gibt. Auch Bürgermeister Köhler tritt noch auf – unsere Aufgaben sind damit hier erfüllt. Durch viel Reden hatte ich in Pasewalk D-Zug-Karten erkämpft, so können wir gegen 9 Uhr in drangvoller Fülle die Rückfahrt antreten; zwei Stunden Verspätung. Fräulein Greinert und ich sind nun auch am Ende unserer Kräfte. 14.30 Uhr landen wir im Institut, wo Herr Dr. Friede, Fräulein Bruns und Herr Kretschmer schon voller Spannung uns und unsere Berichte erwarten. Eine sofortige Fahrt nach Schlepkow wird beschlossen; wenn nur Herrn Kretschmers Gewährsmann den Wagen bekommt! Seit einiger Zeit schon war Herr Kretschmer sehr engagiert mit Transportmöglichkeiten.

„Vor unsern Augen noch reißen sie sich Blätter aus den Büchern“. Abtransport der Bücher aus Schlepkow

Fräulein Bruns nimmt mich in rührender Weise für die nächsten Tage auf. Täglich im Institut vorgesprochen, gedrängt, gewartet auf den Schlepkower Transport, der von Tag zu Tag hinausgeschoben werden muss. Wieder eine Absage für Dienstag, den 19. März: die Straßen sind zu unsicher, der Russe requiriert die Wagen einfach auf den Straßen. So beschließe ich, am 19. nach Baasdorf zurückzufahren, wofür auch Herr Dr. Friede völliges Verständnis hat. Aufs großzügigste erkennt er meine Tätigkeit an und ich erhalte außer den Fahrtkosten noch 150 RM für diese 14 Tage. Fräulein Greinert unterzeichnet mir eine Reisebescheinigung, auch für die spätere Rückkehr nach Berlin; mehr als drei Stunden dann auf dem Bezirksamt und MER [Mitteleuropäischen Reisebüro] Zehlendorf zugebracht, um eine D-Zug-Karte nach Halle zu erhalten, bekomme aber nur eine Fahrkarte zum Personenzug Wannsee–Belzig zum 20. März früh 6.55 Uhr – auch dieser Zug ist eigentlich schon ausverkauft. Schwierigkeit mit einem falschen 50 RM Schein, sogenanntes Notgeld, den ich aber auf dem Bahnhof loswerde. Am 20. März dann abends um 19 Uhr in Baasdorf gelandet.

24. März [1946], Sonntag: Nach Tisch die Alarmnachricht, dass ich am nächsten Tag nach Aken muss, mit circa 100 Leuten aus dem Dorf, um für mehrere Tage Maschinen abzumontieren für die Russen. Der Bürgermeister ist unerbittlich – erst am 25. März [1946], Montag, schaffe ich es in Köthen im Stadthaus bei einem russischen Major mich mit meiner Institutsreisebescheinigung von Aken loszukaufen, habe dann die Bemerkung „Frei lassen“ auf meinem Berlin-Ausweis.

27. März [1946], Mittwoch: Mittags Telegramm vom Institut: Am 27. erste Fahrt in die Uckermark. Mein Kommen zu weiteren Fahrten anheimgestellt. Ich bin entschlossen, nach Berlin zu fahren, obwohl die Luft von Kriegsgeschrei wieder erfüllt und das Dorf voller Russen ist. Bis 12 Uhr nachts noch geschrieben, unter anderem [einen] Brief an Herrn Dr. Mosler.

28. März [1946], Donnerstag: Mittags Baasdorf verlassen, in Dessau in durchgehendem Zug nach Berlin-Wannsee mitgekommen. Durch Russen, die auf den Trittbrettern stehen und in die dunklen Abteile eindringen, unangenehme Fahrt. 23.30 Uhr im Bruns’schen Haus, Sven-Hedin-Straße, gelandet. Herrn Kretschmer war gerade, erst um 21 Uhr, mitgeteilt worden, dass morgen früh die zweite Fahrt nach Schlepkow stattfinde. […] Herr Kretschmer will Frau Grunow, morgen früh abholen. Alles noch vorbereitet für die anschließend geplante Tour nach Brüssow. Wie gut, dass ich abends noch rechtzeitig im Institut eintraf.

Das Hausmeister-Ehepaar Anna und Walter Kretschmer, 1935, nach dem Lebensmitteleinkauf für die Institutskantine im Schloss [29]

29. März [1946], Freitag: 5 Uhr auf, Frau Kretschmer stiftet heißes Wasser und einen Teller Mehlsuppe. Mit Herrn Kretschmer mit [der] Stadtbahn nach Schöneberg, 7.15 Uhr bin ich bei Fräulein Greinert auf der Westendallee, sie geweckt und sie ist, bewundernswert, in einer halben Stunde reisefertig. 8.20 Uhr schon sind wir zusammen auf dem Bahnhof Tempelhof, wo der Laster mit Anhänger (Firma Mätzner), Herr Kretschmer, Frau Grunow, Herr Küntzel mit Schwiegervater und zwei Fahrer erst fünf Minuten auf uns warten. Und los geht die Fahrt im mit Plane verdeckten Wagen, kalt ist es und staubig. Fahrt über Wandlitz, Gollin; Schorfheide durchquert; gegen 12 Uhr in Prenzlau; 12.30 Uhr in Schlepkow am Gasthof. Die Dorfkinder finden sich ein, es wird in schnellem Tempo geladen. Mir blutet das Herz über den Bruch, den wir einladen müssen, die Kinder zerstören noch viel, vor unsern Augen noch reißen sie sich Blätter aus den Büchern. Dazwischen werden Kartoffelgeschäfte abgeschlossen; Herr und Frau Pfarrer Müller aus Hetzdorf erscheinen, fahren dann mit nach Berlin. Nach der Abfahrt des Lasters räumen Fräulein Greinert und ich, so gut es geht, auf. Es ist erschreckend, wie voll der Saal von herausgerissenen Buchseiten liegt – zumeist aus den Foliobänden der Diario oficial der einzelnen lateinamerikanischen Staaten, die hier gestapelt gelegen und die Hälfte des Tanzbodens eingenommen hatten, diese Bände wurden nicht gerettet. Immerhin konnten hier in Schlepkow an[nähernd] 25 000 Bände der wertvollsten Abteilungen und Regale den Weg zurück nach Berlin finden. Die losen Blätter wurden später in mühseliger Puzzlearbeit den Büchern wieder einverleibt und besonders die Monographien der Russlandabteilung neu gebunden.

Den Rest des Tages verbringen Fräulein Greinert und ich damit, in die Mühle nach Lemmersdorf zu Frau Fährmann zu laufen, treffen gottlob Strowigs im Wagen unterwegs und bitten um Nachtquartier, was sie uns nolens volens gewähren wollen. Frau Fährmann, die Müllerin, erzählt von ihrem schweren Schicksal, vom Schicksal des Grafen und der Gräfin Schwerin und entlässt uns mit mehreren Pfunden 80-prozentigen Mehls. Der schöne Lemmersdorfer Park ist zerstört, teils abgeholzt, teils liegen die Baumriesen durch Stürme entwurzelt da, als Folge der Abholzung; ein trostloser Anblick. Wie gern kauften wir hier beim Gärtner des Schlosses Erdbeeren ein – das war im Juni 1944. Erst 19.30 Uhr bei Strowigs eingekehrt, wo wir mit herrlichster Klütersuppe, die noch über dem offenen Feuer gekocht wird, bewirtet werden. Herr Strowig genießt die Unterhaltung vom Bett aus, er leidet an Rheuma. Prächtige hilfsbereite Leute diese Schlepkower: Gastwirt Hahn, Bürgermeister Köhler, Zander. Gegen 22 Uhr können wir unser kaltes Nachtlager beziehen.

„Sie schießen links und rechts von uns“. Intermezzo in Züsedom

30. März [1946], Sonnabend: Wir frösteln nach der Nacht, wollen zu Fuß nach Holtzendorf, um dort den Zug zu erreichen. Fräulein Greinert macht mit 50 Gramm Tabak noch Geschäfte, kann dafür 6 Pfund Erbsen und 10 Pfund Kartoffeln eintauschen. Wir eilen die 6 Kilometer; Wärme und die in der Sonne gleißende Chaussee setzen uns zu. In Holtzendorf ist der Zug seit einer Stunde fort, Fahrplanänderung. Also geht es zu Fuß weiter Richtung Prenzlau, als ein Tafelwagen der Überlandzentrale mit fünf Uckermärkern uns mitnimmt und wir werden aufs Lebhafteste unterhalten. Herrliche Fahrt an diesem Märzmorgen, die Felder sind hier bestellt – Lerchengesang, dann wieder Alleen. Über das zerstörte Dedelow landen wir gegen 12 Uhr in Prenzlau, können dort bei Schuhmacher, Brüssower Straße, sogar noch eine Suppe fassen. Auf Polizei und Fahrbereitschaft vergeblich vorgesprochen, auch die Laster mit den Riesenkisten von den Demontagearbeiten des Dorfes Basdorf bei Wandlitz nehmen uns nicht mit, aber dann kommt ein leichtes Gummiwägelchen mit einem guten Gaul. Der nette Besitzer, der Obstbäume erstanden hatte, lässt uns vorn mitaufsitzen und wir fahren im Trab durch Alleen und Dörfer, 21 Kilometer über Baumgarten, Kleptow, Carmzow, nach Brüssow. 16.30 Uhr beim Haus des russischen Kommandanten abgestiegen, ihn selbst gesprochen, doch er verweist uns zum […] Major Morawioff […] in der Kommandantur im Brüssower Schloss. Voller Bewunderung sehen wir dann das Schloss des Generalfeldmarschalls von Mackensen.

Brüssow, ehemals Domäne, war von Hitler, aufs Schönste umgebaut, an Mackensen geschenkt worden. Nachdem er schon auf höheren Befehl im Februar 1945 getreckt [geflüchtet] war (welche Aufregung damals in Züsedom!), verstarb er bereits im April im Hannoverschen. Nun sitzen die Russen im Schloss. Schnell gelingt es, an Major Morawioff heranzukommen. Fräulein Greinert bietet alle ihre diplomatischen Künste auf, eine Dolmetscherin ist zugezogen. Fräulein Greinert bietet Zigaretten an, der Major uns zwei Mal ein Mittagessen, was Fräulein Greinert ausschlägt – ein Schatten ging über sein Gesicht. Seine Sekretärin bestellt aber Essen und Nachtquartier für uns auf der Bürgermeisterei. Man weiß Bescheid um den Wert der Bücher in Züsedom, die Bücher müssen auf faschistische Literatur durchgesehen werden. Der Major wundert sich, dass wir erst jetzt kommen, unser Besuch vor fünf Wochen in Züsedom war ihm gemeldet worden. Er bittet uns, abends um 20 Uhr wiederzukommen, um Einzelheiten zu besprechen. Nach diesem gewandten verbindlichen Russen erweisen sich die deutschen Beamten dann als rechte Knoten. Der Bürgermeister ist ungehalten, schickt uns mit dem Gendarmen zu Zillmanns Gasthof, wo wir nur widerwillig und schlecht untergebracht werden. Gottlob haben wir unser eigenes Brot. Um 20 Uhr sind wir auf der hellerleuchteten Kommandantur, aber Morawioff auf Fahrt! Vergeblich warten wir zunächst auf der Landstraße, bevor wir in den Gasthof zurückkehren.

31. März [1946], Sonntag: Wetter sonnig und zunächst kühl, nach Tisch dann strahlend und warm. Früh zur Erlangung des Entlausungsscheines ins Krankenhaus, den uns die Gemeindeschwester ausstellt. Um 10 Uhr sind wir pünktlich am Schloss, so hatte man uns gestern Abend bestellt, sitzen wartend in der Sonne auf den Treppenstufen zwischen den Russen, Fräulein Greinert hilft dolmetschen. Morawioff wird aus dem Schlaf geholt, er entschuldigt sich wegen des Vorabends. Mit vollendeter Höflichkeit auf beiden Seiten verabschiedet er uns dann mit dem Bescheid, dass die Entscheidung der Auslieferung unserer Bücher bei der Dienststelle für Agitation und Propaganda in Potsdam liegen soll. Wir sind entlassen, sprechen aber nochmals vor, mit der Bitte, uns ein Zapiski [eine Bescheinigung] in die Hand zu geben – vergeblich. Tiefe Enttäuschung bei Fräulein Greinert und mir. Wir wollen versuchen, gleich nach Berlin zu kommen mit einem Lastauto, denn ein Zug fährt erst am nächsten Morgen. Wenigstens heimsen wir jeder ein Brot, ein warmes Mittagessen und Quark in der Molkerei ein. Gestiefelt und gespornt dann an der Marktecke auf ein Auto gewartet – nichts rührt sich, Sonntagsnachmittagsfrieden einer kleinen Stadt. Um 15 Uhr disponieren wir um, wollen nach Züsedom laufen, einmal um uns von der “verschlossenen” Bibliothek zu überzeugen, zum Zweiten um bei Beelemanns für die Nacht unterzukriechen. Am Brüssower See entlanggelaufen, wundervoll diese Wanderung durch die Uckermark, dunkle Seen umstellt von gelbem Riedgras, Lerchen, über uns ein Kranichzug, tiefblauer Himmel; Fräulein Greinert teilt meine Freude. An den Arnim‘schen Vorwerken vorbei, Stramehl, Carlsruh. Die Russen sind auf Jagd, was am Brüssower See und kurz vor Züsedom recht unangenehm [ist], denn sie schießen links und rechts von uns. In Fahrenwalde, wo man mich in der Bäckerei wiedererkennt, erhalten wir Brot und landen dann gegen 18 Uhr bei den erstaunten Beelemanns, die uns aber herzlich aufnehmen. Frau Beelemann begleitet uns gleich ins Schloss, wo es jetzt noch wüster als das erste Mal aussieht. Die alten wertvollen Schränke sind zusammengeschlagen, wohl als Brennholz verheizt worden. Richtig, die Bibliothek, wo unsere Kataloge stehen, ist mit einer Holzlatte verbarrikadiert, doch ein kleines Mädchen öffnet uns die Tür mit einem Drücker und drinnen ertappen wir auf frischer Tat zwei Buben, die sich unsere alphabetischen Katalogzettel aufsuchen – auf meinen furor teutonicus erklären sie, es geschähe auf Wunsch des Lehrers Krienke. Ein Flüchtling Marteblock verspricht uns, auf die Zuhaltung der Bibliothek ein Auge zu haben, wir versprechen dafür ein monatliches Entgelt von 5 bis 10 RM. Toll sieht alles aus, wieder sind systematische Katalogkästen umgeworfen, auch die Bücher teils in wüstem Zustand. Nachdem wir eine leidliche Ordnung hergestellt haben und den Lehrer Krienke versuchten, über den Wert unserer Bibliothek aufzuklären, holt uns Frau Beelemann zum Essen und es ist ganz selbstverständlich, dass wir zur Nacht bleiben dürfen. Wie gut, dass wir in Züsedom nochmals nach dem Rechten sahen.

„Niederschmetternd dieser Bescheid!“ Verhandlungen mit den russischen Militärbehörden

1. April [1946], Montag: Trüber und windiger Tag. Früh um 6 Uhr Fußmarsch nach Pasewalk, wo es mit der nötigen Vehemenz gelingt, zwei D-Zug-Karten zu erhalten. Über Gesundbrunnen-Nikolassee nach Zehlendorf zurück – bereit morgen in Potsdam unser Ziel der Freigabe der Bücher weiterzuverfolgen. Herrn Dr. Friede im Institut angetroffen, er ist damit einverstanden und versieht uns mit den nötigen Papieren. […] Auf einem alten Institutssofa im Bruns’schen Haus übernachtet.

2. April [1946], Dienstag: 10 Uhr in Potsdam. Bei Kohlhasenbrück musste man ein Stück zu Fuß laufen, da die Brücke über den Teltowkanal gesprengt wurde und noch nicht für die Eisenbahn repariert werden konnte. Fräulein Greinert und ich laufen durch das zerstörte Potsdam, ein trostloser Anblick. Die Knobelsdorff’schen Kolonaden, Stadtschloss, Nikolaikirche, die Hotels am Wasser – alles eine Trümmerstätte. Hinter dem Oranienburger Tor endlich die Kommandantur, in die hineinzugelangen schon nicht einfach ist. Wir werden auf die Königstraße verwiesen. Dort ist der zuständige Major gerade zu Tisch fort; zwei Kapitäne, sehr gebildete Russen, die fließend Deutsch sprechen und von besten Umgangsformen sind, empfangen uns. Der eine schreibt ein Zapiski, auch der telefonisch verständigte Major gibt seine Zustimmung, ein Oberer muss das Zapiski noch gegenzeichnen, und mit dem Bescheid, dass der Major in Prenzlau unsere Bücher auf ihren Wert prüfen müsse, werden wir verabschiedet! Niederschmetternd dieser Bescheid! Sofort mit Fräulein Greinert beschlossen, weiter nach Prenzlau zu fahren, und mit dem nötigen Nachdruck gelingt es in Potsdam, auf die alte Bescheinigung nochmals Fahrkarten für morgen zu erhalten. Gegen 15 Uhr im Institut. Allseits tiefe Enttäuschung. Herr Dr. Friede stattet uns mit neuen Papieren aus. […] Abends bei Cörnchen Bruns, die pfannenweise die rohen Kartoffeln für mich gebraten hat, wir trinken dann meinen Tee auch flutenweise. Sie verwöhnt mich mit dem Inhalt von Herrn Dr. Blass’ Paket aus Zürich: Butter, Käse, Wurst – eine Schlemmerstunde. Dabei beschäftigen uns die Sorgen um unser Institut gemeinsam bis in den späten Abend. Kann Herr Dr. Friede das Institut durch alle Gefahren hindurch retten? Cörnchen Bruns bringt mich noch ein Stück des Wegs durch die einsame Gegend; im Institut dann bis 24 Uhr noch die Reisevorbereitungen getroffen.

3. April [1946], Mittwoch: 6 Uhr auf, Frau Kretschmer versorgt mich nett. Mit Fräulein Greinert am Stettiner Bahnhof getroffen. Zu unserem Schrecken fährt der Zug nur bis Angermünde und hat überall endlose Verspätungen! Erst 13.30 Uhr in Angermünde. An der Landstraße Richtung Prenzlau versuchen wir, mit einem Gefährt mitzukommen. Es glückt – eine ratternde, aber wundervolle Fahrt durch die Uckermark über Greifenberg nach Gramzow. Wir warten auf dem Marktplatz dieses verträumten Städtchens an diesem herrlichen Frühlingstag, werden aber schließlich nervös bei der Warterei von 14.30 Uhr bis fast 18.30 Uhr, sahen uns schon vergeblich nach einem Nachtquartier um, da kommt endlich ein Auto mit Fahrtziel Prenzlau, das uns mitnimmt. Die 16 Kilometer sind im Nu geschafft. Noch gegen 19 Uhr dringen wir in die Kommandantur vor, wo man unserem Erscheinen einige Wichtigkeit beimisst. Frau Schneider, die Sekretärin, die alles in Prenzlau beherrscht und in Händen hält, empfängt uns. Sie stammt aus dem Baltikum, kannte einen Pfarrer Greinert. Trotz allem, wir sehen nicht durch sie durch. Sie steht den Russen ganz zu Diensten und spricht davon, dass die Züsedomer Bücher nach Moskau kämen. So zeigt sie uns einen unserer Bände vom National Reporter System, den sie sich kommen ließ! Wieder eine unersetzliche Lücke. Sie bestellt uns auf den nächsten Morgen 9 Uhr und empfiehlt uns noch das einzige Hotel in Prenzlau, an der Mühlenstraße. Im Dunkeln kommen wir dorthin: zweiter Stock eines durch Kämpfe zerstörten Hauses. Im düsteren Gastzimmer mit holzverschlagenen Fenstern und Gartentischen essen wir unser trockenes Brot, können einen Becher Kaffee bekommen und ein Bett zu 2,50 RM, das ist eine Holzpritsche mit grauer Decke in einem Raum mit acht Betten, Männlein und Weiblein, ein kleines Waschbecken für alle. So eine Pritsche beziehen wir beide bald gemeinsam, dankbar, dass wir überhaupt ein Unterkommen haben. Diese fünfte Fahrt ist recht mühsam.

4. April [1946], Donnerstag: Ab 4.30 Uhr wird geweckt, steif stehen wir von unserm Lager auf; um 9 Uhr auf der Kommandantur. Frau Schneider erwartet [uns]. Sie überbringt uns den folgenden Bescheid vom Kommandanten: Unser Institut müsse von den russischen Kommandanturen in Berlin oder in Potsdam zunächst die Erlaubnis beibringen, ob es überhaupt arbeiten dürfe. Danach könne geprüft werden, ob das Institut die Bücher aus Züsedom erhalten darf. Schon kurz nach 9 Uhr sind wir entlassen, stürmen zum Bahnhof, der Zug nach Berlin ist gerade fort, doch wären auch keine Fahrkarten dazu mehrausgegeben worden. Verzweifelt warten wir nun wieder auf der Landstraße, wenigstens ist schönes, warmes, sonniges Wetter. Nach einer Stunde Warten ergibt sich glücklich eine Fahrgelegenheit mit viel Betteln und Bezahlen – auch mit Zigaretten von Fräulein Greinert. Es geht durch die Schorfheide, wir sind versteckt im Auto, denn eigentlich ist es verboten, im Lastwagen mitzufahren. Richtig, mitten in der Schorfheide holt uns der Russe herunter, aber der Chauffeur wartet einige hundert Meter weiter auf uns. So kommen wir gegen 13.30 Uhr in Wandlitz an, das auch sehr mitgenommen ausschaut, essen im See- und Strandbadhotel einen Teller Suppe zu 3,50 RM !! und trinken ein kleines Bier zu 1,50 RM !! – Berliner Schieberpreise, die einen bedrücken. Gegen 15 Uhr findet sich dann doch noch eine Fahrgelegenheit nach Berlin in einem kleinen Lieferwagen. Alle Kontrollen überstehen wir gut und sind schon um 17 Uhr im Institut in Zehlendorf, von Tempelhof kommend. Frau Grunow hatte mir eine Fahrkarte für den 5. April über Wannsee, 6.45 Uhr nach Köthen, besorgt, und ich will nun nicht mehr zaudern wegen des versprochenen Termins in Baasdorf, obwohl es mir schwerfällt, denn es gäbe noch so viel im Institut zu regeln und unsere Angelegenheit auf den russischen Kommandanturen weiter voranzutreiben. Jedenfalls wollen sie mich für Züsedom wieder haben, wenn es so weit ist. Cörnchen Bruns lotst mich in meiner Verzweiflung zu sich für den Abend und die Nacht und verwöhnt mich in bekannter Weise mit seltenen Genüssen, sogar einer Flasche ganz alten Rotweins.

„Vor dem Schloss hatte schon ein Autodafé stattgefunden“. Der Abtransport aus Züsedom

5. April [1946], Freitag: 5 Uhr auf, von Cörnchen noch lieb versorgt; 6.15 Uhr Wannsee, wo mit jedem Stadtbahnzug die Mauern für den Belziger Zug dicker werden. Erst im dritten Zug nach Belzig 8.30 Uhr mitgekommen in einem Russenabteil und mit mehreren Aufenthalten, die ich zu Tagebuchnotizen verwertete, gegen 18 Uhr in Baasdorf gelandet.

27. April [1946], Sonnabend: Telegramm aus Berlin, das mich zu baldiger und längerer Arbeit nach Züsedom ruft.

29. April [1946], Montag: 12 Uhr Baasdorf verlassen; 12 Uhr nachts auf der Sven-Hedin-Straße 19, wo mich der Bruns’sche Hausmann Arnous einlässt und ich mich in Fräulein Greinerts Büro für die Nacht installiere.

Gertrud Heldendrung im Berliner Institut, Boltzmannstraße 1, in den 1950ern [30]

30. April [1946], Dienstag: Strahlender Frühlingstag. Als ich mich kurz vor 7 Uhr bei Kretschmers melde, die mein Eindringen ins Haus nicht bemerkt hatten, vernehme ich, dass Herr Kretschmer im Begriff ist, nach Neuensund zu fahren. Frau Kretschmer hilft mir packen – 20 Minuten später sind wir in Tempelhof, wo Frau Grunow mit Bruder Weinrich, Herrn Küntzel, Herrn Baerwald und einem Wolfshäger in dem Laster auf guten Stühlen sitzen, denn der Wolfshäger verbindet mit unserer Fahrt einen Möbeltransport. In sausendem Tempo geht es durch die Schorfheide nach Prenzlau. Dort hat verabredungsgemäß Fräulein Greinert im “Hotel” an der Mühlenstraße eine Nachricht für mich hinterlegt. Sie ist bereits mit Fräulein Heldendrung in Züsedom und man erwartet mich baldigst, denn schon am 2. Mai will der Oberleutnant Sasslawsky [zuständiger Offizier der Prenzlauer Kommandantur für Kultur und Bildung] die Bücherdurchsicht in Züsedom vornehmen. Ich mache aber zunächst die Fahrt nach Neuensund mit, über Wolfshagen, Woldegk, Mildenitz, Strasburg, wo ich vergeblich um ein Billet nach Pasewalk bitte – ich muss zuvor entlaust sein! Alles Reden umsonst. Vor Neuensund die hellgrünen Buchenwälder. Das reizende kleine Herrenhaus begeistert auch mich, ein Arnim’scher Stammsitz der Züsedomer. Im Frühsommer 1944 war einmal erwogen worden, dorthin – außer den Parlamentspapieren – unsere Buchbinderei mit den wertvollen Maschinen zu verlegen. Heute überall Neubauern. Wir laden mit den Dorfkindern den kleinen Teil Parlamentspapiere auf, der uns verblieben ist. Die Quartbände waren zu verlockend gewesen für mannigfachen Bedarf – ich sah sie, ebenso wie wertvolle Möbel aus dem Schloss, in den Dorfhäusern wieder. Bei einer Krankenschwester kann ich wenigstens noch den Entlausungsschein bekommen. Die Leute sind aber allseits sehr nett und bewirten uns im Schloss mit Pellkartoffeln und Salz, denn es waren natürlich Geschäfte (Lebensmittel) abgeschlossen worden und auch sie hatten ihren Vorteil davon. Um 17 Uhr fahren wir los; 17.30 Uhr in Strasburg, wo ich den Transport verlasse und mit Zug nun 18.45 Uhr in Pasewalk ankomme. Überall Vorbereitungen zum 1. Mai mit grünen Zweigen und Girlanden. Mit meinem Gepäck den Marsch nach Züsedom angetreten, ein herrlicher Abend, ganz einsam ist es. Auf einer Anhöhe der Chaussee holt mach ein Wägelchen ein, das mich bis Rollwitz mitnimmt, welche Erleichterung! So ist nur noch ein kurzer Weg bis Züsedom in der Dämmerung, die Schlehen blühen am Wegrand, der Frühling so schön hier wie in jedem Jahr. 20.45 Uhr bei Beelemanns eingekehrt, wo ich Fräulein Greinert und Fräulein Heldendrung antreffe. Wir können zu dritt in einem Zimmer mit drei Betten im Verwalterhaus wohnen, Laken hatten wir mitgebracht.

1. Mai [1946], Mittwoch: Wir sehen zu dritt noch den Rest der Bücher auf faschistische Literatur durch. Am Teich vor dem Schloss hatte schon ein Autodafé stattgefunden: Alle Dissertationen und Bücher, die auf dem Titelblatt ein Hakenkreuz trugen, waren ausgemerzt worden. Man wollte die übrigen Bücher nicht gefährden durch Nichteinhaltung der Anweisung.

2. Mai [1946], Donnerstag: Vergeblich auf die russische Inspektion gewartet. Für uns gibt es genug Arbeit, die Bücher wieder ordnungsgemäß zu stapeln. Aber wir haben auch gute Tage bei den freundlichen Menschen und ich bin natürlich besonders interessiert in alle Nachrichten über das Schicksal der einzelnen Glieder der Familie von Arnim.

3. Mai [1946], Freitag: […] Wieder vergebliches Warten, früh und nachmittags geordnet, die Kinder vom Halse gehalten. […]

4. Mai [1946], Sonnabend: Fräulein Heldendrung und Fräulein Greinert stehen in der Nacht um 2 Uhr auf, sie wollen nach Nechlin zum Personenzug [um] 5.30 Uhr laufen. Fräulein Heldendrung drängt nach Berlin zurück, Fräulein Greinert will nach Prenzlau, den russischen Kommandanten zu mahnen. Ich ordne vormittags Bücher; nach Tisch endlich dazu gekommen, Tagebuch zu schreiben und auf Fräulein Greinert gewartet, die dann gegen 15 Uhr kommt. Der Kommandant will Montag kommen, bisher waren noch Feiertage (l. Mai). Heute wird im Züsedomer Schloss 1. Mai gefeiert mit Tanz im Ess-Saal, der nun seines Gobelinwandschmuckes beraubt mit Birken- und Rotbuchenlaub bestückt ist. Ein Bläserchor – Kinder von sechs Jahren bis zu den alten Leuten, alles wirbelt durcheinander.

Wiederaufgefüllte Lücke im Bestand: Aus der Privatbibliothek von Viktor Bruns übernommene Ausgabe der Moltke-Erinnerungen [31]

Mai [1946], Montag: Fräulein Greinert und ich räumen im Bibliothekszimmer des Schlosses als Oberleutnant Sasslawski mit noch einem russischen Offizier vorfährt. Zunächst wird der “Bürgermeister” Lugge zitiert (er arbeitete früher in der Brennerei und leitet jetzt den Betrieb dort). Er muss als Erster über unsere faschistische Literatur Auskunft geben! Die Durchsicht im Saal (Congressional Records) geht gut, aber die Deutschlandabteilung erregt die Herren: die historischen und militärischen Bücher. Sasslawski greift unglücklicherweise den Band „Moltke Erinnerungen“ heraus: „All diese Literatur muss noch entfernt werden, ebenso wie Bücher, die die Machtansprüche auf die Weltherrschaft behandeln, alles das ist vorbei!“ Neben Moltkes Erinnerungen nahm er gleich die sechsbändige Ausgabe „Geschichte der Zentrumspartei“ mit: „Was hat die Zentrumspartei mit dem internationalen Recht zu tun?“ Er war gut beschlagen. Trotz allem gibt er das Zapiski für Potsdam! Der arme Lugge wird noch mächtig bedroht, dass er mehr arbeiten lassen müsse, von der Dunkelheit bis zur Dunkelheit, sonst würde der Russe eingreifen und Lugge dafür büßen.

Damit ist zunächst unsere Aufgabe in Züsedom erfüllt.

„Dramatische Jahre des Übergangs“. Neuanfang in Dahlem

Mai [1946], Dienstag: Mit Fräulein Greinert Frühmarsch nach Pasewalk; D-Zug [nach] Berlin, nirgends Kontrollen; ich bin 13.30 Uhr im Institut in Zehlendorf und treffe mich wieder, 16.45 Uhr, mit Fräulein Greinert in Potsdam. Auf der Kommandantur, Königstraße, müssen wir lange warten, werden dann auf den nächsten Tag verwiesen, der Major lässt sich heute nicht mehr sprechen. Über die Sven-Hedin-Straße zu Fräulein Bruns für den Abend und die Nacht. Hiobsnachrichten: die KWG kündigte allen Institutsmitgliedern zum 31.5., in der Kasse kein Geld. Alle zahlen zunächst mit, um die Unkosten der Züsedom-Reisen zu decken. Ziemliche Erregung im Institut. […]

Die Boltzmannstraße 1, undatiert [32]

Fräulein Greinert fuhr später noch einmal allein nach Potsdam und erreichte dank des Zapiskis von Oberleutnant Sasslawski die Freigabe der Bücher. Herr Kretschmer war um die Züsedomer Transporte bemüht, die sich bis September hinzogen und noch teils sehr dramatisch waren durch Russenkontrollen in der Schorfheide. Neben den Büchern und Katalogen waren das Wichtigste die Regale. In der Sven-Hedin-Straße konnte man weder Bücher noch Regale aufstellen, nach jeder Fahrt wurde abends im Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie, Thielallee, oder im Fritz-Haber-Institut, Van’t-Hoff-Straße, abgeladen. Am 1. Februar 1947 konnte dann die Boltzmannstraße 1 bezogen werden, das ehemalige Direktorhaus für das Kaiser-Wilhelm-Institut für Biologie, gebaut für Herrn Professor Correns, später bewohnt von Herrn Professor von Wettstein, dessen Möbel wir teils übernahmen. Hier konnte Herr Kretschmer Regale und Bücher aufstellen, aber der Platz langte nicht und wir erhielten noch Räume dazu auf der Harnackstraße 5.

9. Mai [1946], Donnerstag: […] auf der Sven-Hedin-Straße, wo Herr Dr. Friede mir das Geld für die Reiseunkosten bezahlen will, mir sogar für die zweite und dritte Reise von Baasdorf je 50 RM extra gewährt, weshalb er auch nicht will, dass ich noch einmal komme. Er entlässt mich wieder mit der Gewissheit, dass das Institut mich, sobald als angängig, anfordern wird. – Viel Unruhe im Institut.

Herr Dr. Friede starb an Tuberkulose nach langem Krankenhausaufenthalt in der Charité Ostern 1948 [sic: 1949]. Gerettet wurden aus der Uckermark insgesamt circa 50 000 Bände, wodurch die Bibliothek begehrenswert wurde für manche Institution. In vielen Jahren erstellte Fräulein Heldendrung den alphabetischen Katalog wieder, während der systematische Katalog durch […] Bibliotheksfachkräfte ergänzt wurde, anlässlich der Erfassung durch den Berliner Gesamtkatalog nach 1950. Das Institut wurde der Forschungshochschule der Deutschen Wissenschaft unterstellt, behielt aber weiter den Namen Kaiser-Wilhelm-Institut, die Gelder zahlte der Berliner Senat, der daraus später seine Ansprüche ableitete, die Bibliothek müsse in Berlin verbleiben. Es waren für alle Institutsmitglieder schwere, oft dramatische Jahre des Überganges, bis 1960 die Auflösung des Dahlener Instituts zu Gunsten des Heidelbergers mit Übernahme der Berliner Bibliothek nach Heidelberg erfolgte.

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Wissenschaftliche Transkription und Edition Philipp Glahé. Einzelne Rechtschreibfehler und fehlerhafte Ortsnamen wurden stillschweigend im Sinne des Leseflusses korrigiert. Die Zwischenüberschriften wurden zur besseren Lesbarkeit eingefügt. Der Editor dankt Reinhard Timm vom Uckermärkischen Geschichtsverein für seine hilfreichen Anmerkungen zu diesem Manuskript.

[1] Lebenslauf Annelore Schulz, 4. September 1950, Nachlass Annelore Schulz, MPIL.

[2] Schreiben von Hermann Mosler (aus Den Haag) an Adolf Butenandt, datiert 7. Dezember 1968, Ordner: Institutschronik II, MPIL.

[3] Foto: Mirko Lux.

[5] Vgl.: Rainer Noltenius, Nachwort, in: Rainer Noltenius (Hrsg.), Mit einem Mann möchte ich nicht tauschen. Ein Zeitgemälde in Tagebüchern und Briefen der Marie Bruns-Bode (1885–1952), Berlin: Gebrüder Mann Verlag 2018, 273–305, 301–302.

[6] Anna Kretschmer (1905–1987) war von 1934 bis 1961 am Institut als Reinigungsfrau und Köchin tätig. Sie war verheiratet mit Walter Kretschmer, der ab 1934 Hausmeister am Institut war.

[7] Irene Haehn (geboren 1890) war seit 1926 als Sekretärin am Institut tätig.

[8] Hans-Karl von Arnim (1885–1945) beging am 29. April 1945 Suizid: Sterberegister des Standesamtes Güstrow.

[9] Foto: Annelore Schulz, undatiert.

[10] Gertrud Heldendrung (geboren 1899) war von 1925 bis 1944 als Verwaltungssekretärin und Buchhalterin tätig; Ursula Grunow (geboren 1916 als Ursula Weinrich) war von 1936 bis 1950 als Fremdsprachensekretärin am Institut; Günther Weiss (geboren 1913) war ab 1936 als wissenschaftlicher Assistent am Institut.

[11] Wilhelm Friede (1900–1949) war von 1928 bis 1949 am Institut als Referent und später als Abteilungsleiter tätig.

[12] Karl von Lewinski (1873–1951) war von 1945 bis 1948 kommissarischer Leiter des Instituts, nachdem der eigentliche Direktor Bilfinger aufgrund seines laufenden Entnazifizierungsverfahrens sein Amt ruhen ließ.

[13] Mit dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches war die Fortführung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft unklar. Ab 1945 wurden aufgrund Geldmangels und unklaren Zukunftsperspektiven bezüglich des Status der KWG viele Mitarbeiter gekündigt, nicht jedoch Annelore Schulz, die lediglich beurlaubt wurde: Vgl. Inga Meiser, Die Deutsche Forschungshochschule (1947–1953), Berlin: Univ. Diss. 2013, 23 ff.

[14] Karte: Open Streetmaps.

[15] Ellinor Greinert (geboren 1894) war ab 1928 am Institut tätig, zunächst als Fremdsprachensekretärin, schließlich als Direktionssekretärin. Sie war bis in die 1950er am Institut aktiv und am Neuaufbau in Heidelberg beteiligt.

[16] Familie von Mörner gehörte das Gut Kleisthöhe.

[17] Willy Triemer (geboren 1908) war Buchbindermeister und von 1932 bis 1945 am Institut beschäftigt.

[18] Foto: Annelore Schulz.

[19] Quelle: Privatarchiv Rainer Noltenius.

[20] Foto: Mirko Lux.

[21] Vermutlich handelt es sich um das Zimmer, in dem Annelore Schulz während ihres Aufenthaltes auf dem Gut Züsedom von September 1944 bis März 1945 untergebracht gewesen war.

[22] Das Gut wurde enteignet und in Wohnungen für Flüchtlinge und Neusiedler aufgeteilt.

[23] Ellinor Greinert war Baltendeutsche (aus Ösel stammend) und sprach fließend Russisch.

[24] Foto: Annelore Schulz.

[25] Hierzu haben sich keine näheren Informationen auffinden lassen. Vermutlich wurde der Brand im Zuge von Rückzugsgefechten mit der Roten Armee gelegt.

[26] Foto: Mirko Lux.

[27] Hierzu ist nichts Näheres bekannt.

[28] Foto: Wikimedia.

[29] VI. Abt., Rep. 1, Nr. KWIauslöffRechtuVölkerrecht III/34.

[30] Foto: AMPG.

[31] Foto: Mirko Lux.

[32] Foto: Annelore Schulz.

Die Welt von Gestern. Das Institut und der Zweite Weltkrieg aus Tagebuchaufzeichnungen

The World of Yesterday. The Institute and the Second World War in Historical Diaries

Deutsch

Die Niederlagen des Ersten und Zweiten Weltkrieges sind konstitutiv für das historische (Selbst-) Verständnis des Instituts. War das Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut (KWI) 1924 als „Verliererinstitution“ mit dem Ziel die Versailler Zwischenkriegsordnung mit wissenschaftlicher und rechtspraktischer Expertise zu revidieren gegründet worden, war für das 1949 in Heidelberg neu- beziehungsweise wiedergegründete Institut abermals die Auseinandersetzung mit den rechtlichen und politischen Folgen des Zweiten Weltkriegs, des beginnenden Kalten Krieges sowie die damit verbundene Entscheidung zur Begleitung der deutschen Westintegration von zentraler Bedeutung.[1] Über die zwischen 1933 und 1944 erschienenen Institutspublikationen und die unlängst aufgefundenen kriegsrechtlichen Gutachten Hermann Moslers kann inzwischen nachvollzogen werden, wie sich das Berliner KWI als Forschungs- und Beratungseinrichtung des Oberkommandos der Wehrmacht und der Marine in die juristische Vorbereitung und Begleitung des Zweiten Weltkriegs eingebracht hat.[2] Indes ist wenig bekannt, wie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts den Krieg und das Kriegsende konkret erlebt haben und welchen Einfluss dieses individuelle und kollektive Erleben auf die Forschungsinstitution hatte.[3] Dieser Beitrag möchte anhand der Tagebuchaufzeichnungen und persönlicher Notizen zweier Institutsangehöriger, des Bibliotheksdirektors Curt Blass und der Bibliothekarin Annelore Schulz, Einblicke in die Kriegszeit ermöglichen.

Curt Blass (1881–1972) und Annelore Schulz (1906–1999) zählten zu den ersten Angehörigen des Instituts, dem sie 1926 bzw. 1929 beigetreten waren; beide waren maßgeblich am Aufbau der bedeutenden Institutsbibliothek beteiligt.[4] Mit Institutsdirektor Viktor Bruns verband Curt Blass als Studien- und Duzfreund eine enge Beziehung. Blass war als Nachfolger des 1942 verstorbenen Ernst Martin Schmitz zudem stellvertretender Institutsdirektor und führte phasenweise nach Viktor Bruns’ Tod 1943 die Institutsgeschäfte. Auch nach Antritt des in Heidelberg lebenden Carl Bilfinger als neuem Direktor 1944 blieb Blass in Berlin die eigentliche Leitungsperson. Annelore Schulz wirkte als tragende Säule der Bibliothek im Hintergrund, wobei ihre Rolle bei der Rettung des Buchbestandes 1946 für den Wiederaufbau des Instituts nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.[5] Dankenswerterweise wurden dem Institut von Familienangehörigen die kriegsbezogenen persönlichen Aufzeichnungen der zwei KWI-Angehörigen übergeben.[6] In Umfang und Geschlossenheit sticht hierbei der Nachlass von Annelore Schulz hervor. Von ihr hat sich ein ganzer Koffer voller persönlicher Dokumente erhalten, der eine Reihe akribisch geführter Tagebücher enthält. Aufgrund des Umfangs und der Detailfülle stehen Annelore Schulz’ Aufzeichnungen im Zentrum dieses Beitrags. Sie werden ergänzt durch persönliche Notizen von Curt Blass, die nur in Fragmenten vorliegen.[7]

Sagbarkeiten. Tagebuchschreiben im „Dritten Reich“

Die Tagebücher von Annelore Schulz[8]

Die Aufzeichnungen von Curt Blass und Annelore Schulz unterscheiden sich in Format und Grad an Privatheit. Während die Aufzeichnungen von Annelore Schulz rein privat gehalten sind und sich erkennbar an kein Lesepublikum richten, lassen die Tagebücher von Curt Blass, der auch als Dichter und Schriftsteller tätig war, aufgrund ihres Stils und der Art ihrer Schilderungen darauf schließen, dass sie nicht nur als Ort der stillen Selbstreflexion gedacht waren, sondern sich in eine familiäre Überlieferungstradition einschrieben. Diese Form des Schreibens lehnt sich an einen in gehobenen Kreisen üblichen Stil an. Auch die auf diesem Blog edierten Tagebuchaufzeichnungen zur Institutsgründung von Viktor Bruns Ehefrau Marie waren keinesfalls privater Natur, sondern wurden in großen, dem DIN-A3-Format ähnelnden Büchern in Schönschrift notiert und in der Familie herumgezeigt und vorgelesen. Auch von der Institutsbibliothekarin und Cousine Viktor Bruns’ Cornelia Bruns sind „Tagebuchbriefe“ zum Kriegsende 1945 erhalten, die an ihre „Lieben“ adressiert sind und „in der Hoffnung, dass eines Tages wieder eine Verbindung möglich sein wird“ das Erleben jener Tage für die Familie dokumentieren.[9]

Annelore Schulz in der Bibliothek, Aufnahme um 1935 [10]

Jenseits des Stils und der Frage nach dem Publikum unterscheiden sich die Aufzeichnungen hinsichtlich des inhaltlichen Fokus und der Art der Auseinandersetzung mit politischen Ereignissen. Während Curt Blass in seinen Tagebüchern ausführlich und kritisch die NS-Politik und den Zweiten Weltkrieg reflektiert, kommen die Aufzeichnungen von Annelore Schulz gänzlich ohne Kommentare zum politischen Zeitgeschehen aus. Der Nationalsozialismus wird von Schulz praktisch nie erwähnt, eine eigene Meinung äußert sie nicht. Die Ereignisse des 20. Juli 1944, wie die Verhaftung und Hinrichtung des Institutskollegen Berthold von Stauffenberg, werden zwar mit großer persönlicher Bestürzung aufgenommen, nicht jedoch politisch kommentiert.[11] Die Gründe für solches Fehlen jeglicher politischer Positionierung sind nicht klar. Vielleicht lag es am mangelnden politischen Interesse, vielleicht fürchtete Annelore Schulz aber auch, dass ihre privaten Notizen in falsche Hände geraten könnten und unterließ es deshalb, sich zu tagespolitischen Entwicklungen zu äußern. Curt Blass schien diese Befürchtung indes nicht zu haben.

„Der Krieg ist merkwürdig fern“. Curt Blass und der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs

Das Tagebuch und persönliche Notizen von Curt Blass 1941[12]

„Schrecklich zu denken, was jetzt jeden Augenblick geschieht, während wir in allem Behagen – bis jetzt – in der Zuschauerloge sitzen dürfen. Man muss sich immer wieder zwingen, alle Gefühle und Gedanken über Moral und Recht zurückzuschieben: Naturereignis. Ausbruch verhängnisvoll seit Jahrhunderten gespannter Kräfte. Auch im Kriege wirkt Gott!“ [13]

– Curt Blass, 15. Mai 1940

In den von Curt Blass überlieferten und durch seinen Sohn Ulrich transkribierten und kompilierten Tagebuchnotizen zeigt sich ein wacher politischer Beobachter, dessen Haltung zu den tagespolitischen Ereignissen zwischen Ablehnung Hitlers und des Nationalsozialismus sowie nationalistisch-imperialistischen Tönen und offener Bewunderung für die militärischen Erfolge der Wehrmacht schwankt.[14] Blass’ Aufzeichnungen beginnen 1938 mit der Sudetenkrise. Das Vorgehen Hitlers, der das von der deutschsprachigen Minderheit in Tschechien bewohnte Sudetenland für sich reklamierte, erschien Blass als politisch unverantwortliches „vabanque-Spiel“.[15] Im Institut wurden die Ereignisse mit größter Spannung über französische und schweizerische Radiosender mitverfolgt, da man den deutschen nicht traute:

„Unsere Rundfunk- und Zeitungspropaganda ist von einer hanebüchenen Primitivität oder vielmehr Skrupellosigkeit, rechnet mit Dummheit der Hörer und will sie verdummen. Die Wirkung ist völliger Vertrauensschwund und Flucht in die ausländische Berichterstattung und Propaganda.“ [16]

Als es Hitler mit der Unterzeichnung des Münchener Abkommens am 29./30. September 1938 gelang, in Verhandlung mit Großbritannien, Frankreich und Italien über die Köpfe der Tschechen hinweg die Abtretung des Sudetenlandes an Deutschland im Gegenzug für ein Friedensversprechen durchzusetzen, war Blass mehr als erleichtert:

„A. H. hat der Welt eine ungeheuerliche Nervenprobe zugemutet, aber (vor allem): Er hat sie selbst bestanden. Sein ‚fanatischer‘ Wille hat mit einer Gewaltkur erreicht, was er für richtig hielt und was nun im Grunde Freund und Feind für richtig, vernünftig und innerlich gerecht erkennt. […] Wäre es nicht doch gelungen, wäre er der ärgste Verbrecher gewesen; nun [da] es gelang, ist er wieder mehr denn je der Zauberer. – Es geschehen noch Wunder.“ [17]

Kritisch äußerte sich Blass jedoch, infolge des Novemberpogroms vom 9./10. November 1938, zu den nationalsozialistischen Judenverfolgungen:

„Tödliche Scham über die neuen antisemitischen Ausschreitungen und Massnahmen […]. Aus diesem Volk ist ein Popanz gemacht worden, dessen man sich schämt. […] Das alles ist zynisch-satanischer Mord an Hunderttausenden, die nicht einmal fliehen können. Und das Erschütterndste ist: Dem wird ein Mantel von Moral und Recht umgehangen, der für die Einen nichts wie blanker Hohn ist; für die Andern aber, die ihn als echtes Kleid der Würde verehren oder doch zu verehren suchen, muss der letzte Rest von sittlichem und rechtlichem Gefühl zu Grunde gehen. Was wird aus unserem Volk?!“ [18]

Auch die Reaktionen und Atmosphäre am Institut im Nachgang des Pogroms und der von Göring am 12. November 1938 erlassenen „Judenbuße“, der zufolge die jüdischen Geschädigten selbst für die Schäden aufkommen mussten, hielt Blass fest:

„Es ist von einem traurigen Interesse, die Reaktion zum Judenthema zu beobachten. Alle Aelteren [sic], die noch eine lebendige Erinnerung daran haben, dass ‚Recht‘ und ‚Gerechtigkeit‘ in deutscher Sprache einen echten Klang hatten […], sind gleich betroffen und empört und voller Scham: Freilich nur heimlich, im vertrauten Kreise. Die Jüngeren, da geht die Stellungnahme: von unbeschwerter Schadenfreude als handle es sich um einen Bierulk, über Erwägungen des materiellen Schadens zu Aeusserungen [sic] der Gleichgeschaltetheit. – Der gute [Hans-Joachim von] Merkatz[19], der so bestrebt eingeschwenkt ist, fing in unser peinliches Schweigen bei Tisch mit seiner salbadernden Tiefsinnigkeit an: ‚Wenn man schon mit der Milliardenbusse einverstanden sein kann…‘ Ich sagte nur: ‚So?‘, worauf er betroffen schwieg“. [20]

Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 wurde von Blass mit gespaltenen Gefühlen aufgenommen: „Der Krieg ist da. […] [I]ch sehe nichts als Unglück für unser Volk voraus, im Sieg und in der Niederlage. Trotzdem: Mut! ‚Gott will es!‘.“[21] Der Weltkriegsoffizier zog einen direkten Vergleich zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges: „Wer den Kriegsausbruch 1914 miterlebt hat, kann den himmelweiten Stimmungs-Unterschied ermessen. Der nat[ional]-soz[ialistische] Akt unseres nationalen Unglücks dürfte sich seinem Ende nähern.“[22] In die Ablehnung jenes, im Gegensatz zu 1914/18, „ungerechten“ Krieges mischte sich bei Blass jedoch auch skeptische Anerkennung: „Die Leistung des Heeres in Polen ist furchtbar und staunenswert.“[23]

„Gott will es.“, Curt Blass, undatiert [24]

Als vergleichsweise unwirklich stellte sich Blass das Weihnachtsfest in seiner Schlachtenseer Villa 1939 dar („Der Krieg ist merkwürdig fern.“). Man aß „fetten Stollen“, trank heiße Schokolade. „Dann setzte [Ehefrau] Hanni sich an den Flügel und ich mich in Vaters alten Lehnstuhl“, auch Tochter Cordula spielte „recht hübsch“ auf dem Klavier, Sohn Utz „erfreute mich mit dem 1. Satz eines recht schwierigen Violinkonzerts von Mozart, das er mit hochroten Backen sehr gut absolvierte“. Nur der Baum war in diesem Jahr etwas kleiner, auch das Abendessen fiel „freilich viel bescheidener […] als sonst“ aus. „Und mit dem tiefen dankbaren Wohlgefühl, das man erst jetzt im Kriege erlebt, streckt man sich unter die Decke zum Schlaf, auf dessen Ungestörtheit man rechnen darf.“[25] Doch die Weihnachtsfreude hielt nicht lang. In den folgenden Tagen fühlte sich Blass „ziemlich verloren“, traf sich regelmäßig mit seinem Freund und Chef Viktor Bruns. Am 30. Dezember 1939 feierte Blass mit Bruns’ Familie dessen 55. Geburtstag, der jedoch vom Krieg und den Verbrechen der Kriegsführung überschattet wurde:

„Etwas verlegene Stimmung. Bruns war nicht wohl, kam von Polen nicht los, von wo scheussliche Nachrichten durchsickern. Diese kalte, schweigende Entschlossenheit, mit der man ein Volk von 22 Millionen auszurotten sucht, ist entsetzlich. Hier wird Drachensaat für Jahrhundert gesät. Es verschlägt einem nicht nur die Stimme für das eigene Volk, auch das frohe Atmen.“[26]

Den düsteren Aufzeichnungen folgten jedoch auch euphorische. Blass ließ sich immer wieder mitreißen von dem schnellen Vordringen der Wehrmacht („Für uns alte Stellungskrieger ist dieser Krieg ein Wunder.“[27]). Zugleich mischten sich auch hier Besorgnis und Skrupel unter die Begeisterung. Blass wunderte sich über die Dynamik „des Siegesrausches, der uns alle erfasst hat“, dessen Genuss ihm jedoch vergällt sei durch die „widerwärtig unwürdige, moralisierende Keif- und Prahlpropaganda in Presse und Radio“, die bei ihm wiederum „empörte Ablehnung“ auslöste.[28]

Blass’ wechselvolle Haltung zum Krieg und zum „Dritten Reich“ kann in vielen Punkten als repräsentativ für den Großteil des Instituts gelten.[29] Hitler, dem Nationalsozialismus und der Judenverfolgung stand der groß- und bildungsbürgerliche Blass aufgrund ihrer „Primitivität“ und Brutalität ablehnend gegenüber. Er traute Hitler außenpolitisch nicht viel zu und fürchtete, dieser würde Deutschland leichtfertig in einen Krieg hineinziehen, dessen Ausgang ungewiss sei. Zugleich werden „klassisch“ patriotische, aber auch imperialistische, Reflexe des Weltkriegsveteranen sichtbar, der, wie das KWI allgemein, große Hoffnungen in eine militärische Wiederherstellung des deutschen Großmachtstatus legte. Auch bei Blass zeigt sich jene eigentümliche „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“, wie sie bei genauerer historischer Betrachtung offenbar wird, er ist sich ihrer aktiv bewusst: Die Unberührtheit seiner Berliner Lebenswelt vom Krieg und die gleichzeitige Unwirklichkeit der Situation wird an Heiligabend 1939 besonders deutlich. Der Krieg ist physisch fern, doch legt er sich über alle Dinge.

Das Institut als Schicksalsgemeinschaft 1944/45. Annelore Schulz und das Kriegsende

Die Tagebücher von Annelore Schulz [30]

Die von Annelore Schulz überlieferten Tagebücher beginnen im Jahr 1944. Ihre Aufzeichnungen portraitieren ein Institut im Ausnahmezustand. Der Krieg zeitigte bereits deutliche Auswirkungen auf das Leben in Berlin und auf das KWI, das seit 1939 dem Oberkommando der Wehrmacht und der Marine unterstellt war und diese in kriegsvölkerrechtlichen Fragen beriet. Aufgrund der intensiver werdenden alliierten Luftangriffe auf die Hauptstadt war beschlossen worden, den Großteil der kostbaren Institutsbibliothek auszulagern und den Institutsbetrieb somit auf verschiedene Standorte zu verteilen. Während die für ihre Arbeit vom Kriegsdienst freigestellten Referenten mit einigen Sekretärinnen und dem (kriegs-)völkerrechtlichen Kernbestand der Bibliothek im Berliner Schloss verblieben, wurden ab Januar 1944 mehr als 115.000 Bücher, Parlamentaria, Zeitschriften und Unterlagen mit einem Teil des Institutspersonals auf zwei Gutshöfen und einem Gasthof in Züsedom und Kleisthöhe in der Uckermark untergebracht.[31] Annelore Schulz war als Bibliothekarin maßgeblich an der Auslagerung der Bibliothek und der Kataloge beteiligt. Zwischen Januar und Juli 1944 pendelte Schulz zwischen Berlin und Kleisthöhe sowie Züsedom, ehe sie ab August 1944 bis März 1945 aufgrund der Kriegssituation dauerhaft in Züsedom verblieb.

Annelore Schulz am Fenster im Berliner Schloss, Aufnahme 1931[32]

In Schulz’ Tagebuchaufzeichnungen dominiert die Darstellung einer dem Alltäglichen verhafteten weiblichen Berufs- und Lebenswelt im Krieg. Politische Ereignisse oder die Arbeit des Instituts selbst spielen bei ihr kaum eine Rolle. Stattdessen dokumentiert sie den Versuch, zwischen Bombenangriffen und Luftschutzkeller ein weitgehend normales (Instituts-) Leben aufrechtzuerhalten.[33] Dem sozialen Miteinander kam im Krieg besondere Bedeutung zu, der häufige „Kaffeeklatsch“ mit Kolleginnen oder die Feier von Geburtstagen im Institut diente nicht zuletzt auch der Aufrechterhaltung der Moral:

„9.30 Uhr ins Schloss. Fräulein [Cornelia] Bruns Geburtstag. Maria, Gertrud Heldendrung und ich schenken ihr gemeinsam ein Tulpentöpfchen und von Ernst Jünger ‚In Stahlgewittern‘. […] Dann feiern wir einen sehr netten Geburtstag […]. 12 Uhr grosser Alarm […]. 14.30 Uhr mit Fräulein Bruns und Fräulein von Rehekampff sehr hübsche Kaffeetafel mit echtem Kaffee! Wir geniessen. Dann suche ich weiter das schon verzweifelt gesuchte Buch von [Gerhard] Ritter: Machtstaat und Utopie – das ich mit Hilfe von Dr. Blass unter ‘AA I O’ feststelle.“ [34]

Außerhalb des Instituts führten die Frauen ein reges Privatleben, man traf sich zumeist bei „Cörnchen“ Bruns, wozu auch Annelore Schulz’ „Nachbarin“ Martha Krause eingeladen war, mit der sie eine in Institutskreisen bekannte und tolerierte Liebesbeziehung führte.[35] Auch dem Berliner Kulturleben wurde, solange es möglich war, noch gefrönt. So besuchte Annelore Schulz auf Einladung von Bruns’ Tochter Hella – während der Arbeitszeit, aber mit Genehmigung von Curt Blass[36] – im Januar 1944 noch hochkarätig besetzte Opernaufführungen und kurz darauf ein Konzert, ebenfalls während der Arbeitszeit, diesmal auf Einladung von Blass[37].

Instituts- und Schicksalsgemeinschaft: Joachim-Dieter Bloch, Ursula Grunow, Alexander N. Makarov und Hermann Mosler (v.l.n.r.) auf dem Dach des Berliner Schlosses (undatiert).[38]

 

Die Institutsgemeinschaft und ihre schicksalshafte Verbundenheit zeigte sich in gegenseitiger Solidarität im Umgang mit den Kriegsbelastungen. Als bei einem Bombenangriff am 15. Februar 1944 die Wohnung von Ellinor von Puttkamer zerstört und die von Annelore Schulz stark beschädigt wurden, formierte sich ein spontaner „Räumtrupp“ aus den Institutsreferenten Strebel, Mosler, Weiss und Curt Blass sowie einem Kollegen aus dem Auswärtigen Amt, Dr. Müllenhöfer:

„Gegen 12.30 Uhr kommen die beiden Herren [Mosler und Müllenhöfer] wieder und arbeiten nun hintereinander erst die Mauerbrocken hinaus mit Axt und Einreisshaken, dann macht Dr. Mosler mühselig die Eingangstür wieder zum Schliessen […], Herr Müllenhöfer repariert den Kleiderschrank, die Fenster werden verpappt. Den Rest der Mauer zwischen Schlaf- und Wohnzimmer wollen sie stehen lassen, als Schutz – ganz glücklich bin ich nicht darüber. Gegen 15.30 Uhr kommt Dr. Blass mit Herrn Weiss, ich bin gerührt über ihre Hilfsbereitschaft. Dr. Blass nimmt die Gardinen ab“. [39]

Auch um das Schicksal des Berliner Schlosses, zeigten sich Annelore Schulz und ihre Kollegen besorgt, da der Arbeitsplatz für sie hohes Identifikationspotential hatte.[40] Im Mai 1944 wurde das Schloss erstmals durch Bomben getroffen und beschädigt, die im obersten Geschoss befindlichen Institutsräumlichkeiten blieben jedoch bis zum 25. Juni 1944 intakt, als das Dach zerstört wurde und das Institut in den 1. Stock umziehen musste:

„Die neuen Verwüstungen Unter den Linden sehr erschütternd. Und dann das Schloss. Durch unsere geliebte Fensterreihe sieht man in den Himmel! Die blanken Mauern schauen einem schon von weitem entgegen. Unsere ganze Seite ausgebrannt. Dazu Herr Weiss und Herr von Gretschaninow, ersterer verlor sehr viel persönliche Sachen. Endlich Fräulein Bruns gefunden. Dann geht’s schon ans Büchertragen – vormittags und nachmittags trägt die ganze Belegschaft die Kirchenrechtsabteilung in den Keller, allerlei Spass dabei – die Gemeinsamkeit ist nett. Viel mit Fräulein Bruns und Dr. Blass getrauert!“ [41]

Bis zur endgültigen Zerstörung der Institutsräume am 3. Februar 1945 ging der Betrieb im Schloss weiter, ehe er in das Privathaus von Viktor Bruns nach Zehlendorf ausgelagert wurde.

„Splendid Isolation“. Gut Kleisthöhe, März bis Juli 1944

Gut Kleisthöhe, vor 1945[42]

Das letzte Kriegsjahr verbrachte Annelore Schulz vorwiegend auf den beiden Gutshöfen Kleisthöhe und Züsedom, wo sie die ausgelagerte Bibliothek des Instituts betreute. Ihre Aufzeichnungen über das dortige Leben spiegeln eine eigentümliche Mischung aus Endzeiterwartung, Realitätsverdrängung und einem letzten Aufleben jener großbürgerlich-adligen Lebensweise, die zumindest in Brandenburg mit Kriegsende ihr unwiderrufliches Ende finden und die Alexander N. Makarov später als „versunkene Welt“ bezeichnen sollte.[43]

Nachdem im Januar 1944 mit der Bücherauslagerung begonnen worden war, pendelte Annelore Schulz mehrere Monate zwischen Berlin und den Gutshöfen, wo ihre Arbeit darin bestand, die Bücher in den gemieteten Räumen so wieder aufzustellen, dass sie für die Institutsarbeit nutzbar waren. Hierbei wurden die schwersten körperlichen Tragearbeiten von Wehrmachtssoldaten oder durch von Helmut Strebel[44] organisierte sowjetische Kriegsgefangenen übernommen:

„Nach und vor Tisch geplättet – dann sind zum Essen die Herren wieder da: Makarov und Gretschaninow. […] als um 4 Uhr auch schon die drei Transporte ankommen. Die Büchertragerei geht gleich auf den Oberboden los mit Italien, die Russen, wirklich nette und ordentliche Typen, tragen nach oben (als Kette) und stellen sich sehr intelligent an. In wildem Durcheinander wird oben gestapelt, wie soll das je zu ordnen sein, ‘Frankreich’ und ‘Italien’. Nach dem Abendbrot, wo es für alle Erbsensuppe gibt, geht es weiter bis circa 21.30 Uhr. Wir haben sehr viel Spass dabei, lachen viel, Fräulein Auburtin bekam ihre schöne Kommode mit, in die Bibliothek wird noch das Sofa von Prof. Makarov gestellt […]. Dann sitzen wir noch mit Prof. Makarov, Schnucki, Fräulein Auburtin bei Frau Hähn bei Milch mit Sirup gemischt und erfrischen unsere durstigen Kehlen, wollen tanzen, doch es findet sich keine rechte Radiomusik. Gegen 12 Uhr schlafen – Herr von Gretschaninow sortierte noch rastlos ein. Frau von Mörner hatte Schnucki und mir noch Erdbeeren hinstellen lassen – eingezuckert!“ [45]

Auf Gut Kleisthöhe verbrachte Annelore Schulz zunächst einige Arbeitswochen zusammen mit der als Referentin tätigen Angèle Auburtin, der Sekretärin Gertrud Heldendrung („Schnucki“) und dem Referenten Georg von Gretschaninow. Die Institutsangehörigen wohnten in eigenen Zimmern im Gutshaus und waren teilweise auch in das Alltagsleben der Gutsbesitzerfamilie von Mörner integriert („kein Tippen nach Tisch“[46]). Fiel Annelore Schulz der Abschied aus Berlin zunächst schwer, fand sie schnell Gefallen am Landleben, das zumindest zu Beginn vielfach Klassenfahrt-Charakter gehabt zu haben scheint. Annelore Schulz unternahm lange Spaziergänge mit Angèle Auburtin und Georg von Gretschaninow, die Damen wurden regelmäßig zum Nachmittagstee der unlängst verwitweten Gutsherrin in den „großen Salon“ eingeladen, wo Annelore Schulz die „nette Unterhaltung, so wie ich sie aus unseren Kreisen kenne“ genoss.[47] Abends saßen Auburtin und Schulz oft lang zusammen: „Während ich [Socken] stopfe, spielt Fräulein Dr. Auburtin dazu die Laute, singt sehr hübsch dazu und sie erklärt mir noch einiges zum Lautenspiel.“[48] Regen Gebrauch fand auch der Flügel, auf dem Irene Hähn und Alexander N. Makarov in der Mittagspause oder nach Feierabend für die Mitarbeiter „aufs schönste“ spielten.[49] Die Zeit im Frühjahr 1944 auf Gut Kleisthöhe glich, folgt man Annelore Schulz’ Notizen, einer Parallelwelt, oder, wie es ihre Kollegin Irene Hähn ausdrückte, einer „splendid isolation“[50]. Berlin, die Fliegerangriffe, der Krieg an sich, schienen fern. Die Aufstellung der Bücher war überdies zumeist keine tagesfüllende Aufgabe, die viel Freiraum ließ:

„Mit dem Sortieren von ‘GB V’ auf der Terrasse begonnen, den Tag über allein eingeordnet – aber nach dem Kaffee aufgehört! Heiss gewaschen, wieder nett und schmuck gemacht im Dirndl, mit Buch in den Garten gezogen, hinten unter der Kastanie gelesen und geschlafen – der gute Lumpi legt sich neben mich. Nach dem Abendessen mit Prof. Makarov spazieren, ein wunderbarer Abend“ [51]

Für ihren schriftstellernden Vorgesetzten Curt Blass redigierte Annelore Schulz im April 1944 (während der Arbeitszeit) dessen bis heute unveröffentlichte, jedoch „ganz reizend“ geschriebene Autobiographie.[52] Im Juni 1944 erschien Blass’ Gedichtband „Innere Melodie“, den er an die Institutsangehörigen verschenkte.[53]

Tradition Mittagstisch (noch im Berliner Schloss). Victoria Rienäcker, Ruth von Braumüller (spätere Bischof), Charlotte Zowe-Behring, Else Sandgänger, Annelore Schulz und Ellinor Greinert (von oben links), Aufnahme um 1935 [54]

Doch nicht alles löst sich in Wohlgefallen auf: Insbesondere unter den Frauen kam es zu Konflikten und „Hierarchiegerangel“, für Annelore Schulz zumeist mit Angèle Auburtin. Hatten sich die beiden Frauen anfangs gut verstanden, bemühte sich – so sah es Schulz – die Referentin Auburtin zunehmend, eine Grenze zum nicht-wissenschaftlichen weiblichen Personal zu ziehen.[55] Es kam zu regelmäßigem Streit zwischen Auburtin und Schulz, die sich von Auburtin zu „niederen Tätigkeiten“ degradiert sah. Jedoch: „Als gebildete Menschen lassen wir uns aber nichts anmerken bei Tisch.“[56] Vor allem wenn Besuche von Hermann Mosler aus Berlin anstanden, häuften sich Konflikte mit Auburtin, nicht mit Mosler, dessen Autorität Schulz (zwar zähneknirschend) anerkennt: „Mosler ist jetzt Beratender Referent in der Beratungsstelle des OKW geworden – ein mächtiger Mann“[57]. Wenngleich Angèle Auburtin den anderen Frauen in der Institutshierarchie klar „vorgesetzt“ war, schien es in ihr Aufgabenfeld zu fallen, für das Institutspersonal auf Gut Kleisthöhe zu kochen (aber „alles so fade, und zu wenig gekocht“).[58] So oft die beiden Frauen auch aneinander gerieten, so oft versöhnten sie sich auch wieder.[59]

Institutsdirektor Carl Bilfinger (2. von rechts) besucht Gut Kleisthöhe im Juli 1944. Mit Hund Lumpi, Sophie von Gretschaninow (?), Georg von Gretschaninow, unbekannt, Angèle Auburtin, Alexander N. Makarov (v.l.n.r.) [60]

Während Konflikte mit (der) weiblichen Vorgesetzten und teils auch Kolleginnen (Streit um das „beste“ Zimmer, Ärgernis über eine Zimmermitbewohnerin, „die in der Nacht schnauft, redet, schnarcht“[61]) nicht selten waren, wurden männliche Autoritäten von Schulz nicht nur anerkannt, sondern regelrecht verehrt, insbesondere Curt Blass oder Professor Makarov. Als Blass im Oktober 1944 einen Arbeitsbesuch auf den beiden Gutshöfen machte, stürzte sich Annelore Schulz in tagelange Vorbereitungen und empfing ihn aufgeregt mit einem großen Blumenstrauß am Schlossportal. „Zu Tisch gibt es ein halbes Rebhuhn Dr. Blass zu Ehren. Alles sehr nett und feierlich.“ Das gute Verhältnis beider war wechselseitiger Natur. Schulz freute sich, dass „Dr. Blass […] mir eine Anerkennung für die jahrelange Katalogführung ausspricht“, und wenn sie aus Berlin wieder einmal mit einer „schwere[n] Aufgabe“ betraut wurde.[62] Doch nicht immer gab es anspruchsvolle Aufgaben zu bewältigen: „Tagsüber allein geräumt, ‘US’, nachmittags beim Schuster mit einem Schuh von Mosler.“[63]

Zum Sommer 1944 hin wurde der Kontrast des beschaulichen Landlebens zu den militärischen und politischen Ereignissen besonders greifbar. Die Bibliotheks- und Institutsarbeit verlagerte sich mit dem besser werdenden Wetter zusehends auf die Terrasse und in den Wintergarten des Gutshofes, die Frauen pflückten opulente Blumensträuße, allabendliche Spaziergänge durch die Natur wurden unternommen, „wo der Mond wie im Märchen tief und fast rötlichgold zwischen den Pappeln steht“[64]. Die Geschehnisse der Welt drangen von fern durch das Radio, wurden aber noch weitgehend verdrängt.[65] Ab Juli 1944 wurde die Lage infolge des gescheiterten Attentats auf den Führer auch auf Gut Kleisthöhe ernster, die Beschaulichkeit geriet erstmals in Gefahr. Von dem Attentat erfuhren die Institutsmitarbeiter aus dem Radio, wobei lange nicht klar war, dass mit Berthold von Stauffenberg ein Institutskollege beteiligt war:

„Die politischen Ereignisse beschäftigen einen sehr, immer mehr werden wir in die Enge getrieben. Und dazu am Vortage das schwere Attentat auf den Führer im Führerhauptquartier, von dem er (wohl Gesichts[-]) Verletzungen davontrug, viele Menschen seiner Umgebung ums Leben kamen. Am Tage hören wir dann, daß der Täter ein Oberst Graf von Stauffenberg war (ein Bruder unseres Bertholds?)[.] Grosse Erregung deshalb im Institut.“ [66]

Über das weitere Schicksal Stauffenbergs erfuhren die Institutsmitglieder lange nichts. So heißt es am 24. Juli 1944:

„Die Attentatsgeschichte bewegt die Gemüter sehr. Wir fürchten alle, daß unser Graf Berthold Schenk von Stauffenberg mit Familie nicht mehr lebt, für das Institut kann die Angelegenheit die schlimmsten Folgen haben. Frau Hähn erzählte allerlei Beunruhigendes […] – ich lebe jetzt in grösster Besorgnis, daß die Transporte nach Züsedom nicht mehr klappen.“

Die Besorgnis unter den Mitarbeitern stieg, dass das aus politischen Gründen ein „Ende des Instituts“ durch Schließung unmittelbar bevorstehe.[67] Am 27. Juli 1944 schreibt Annelore Schulz:

„Früh hören wir [Socken] stopfend die Rede von Goebbels noch einmal. Schilderung der genauen Tatsachen um das Attentat, Folgerung: Durchkämmung sämtlicher Betriebe auf ihre Kriegswichtigkeit, die Männer an die Front, die Frauen in die Rüstung. Tief beeindruckt von der Rede ordnen wir unser ‘Italien’ weiter auf dem Boden ein. – Trotzdem gesunder Schlaf nach Tisch.“

Am 9. August erfuhren die Institutsangehörigen aus dem Radio, „daß die am Attentat auf den Führer vom 20.7. Beteiligten gehenkt würden“. Stauffenberg wird in Schulz’ Tagebuch anschließend nicht mehr erwähnt. Stattdessen berichtet sie von der Sorge der Mitarbeitenden, dass mit Verschärfung der Kriegslage im Institut ein „10-Stundentag“ inklusive Urlaubssperre eingeführt werden könnte.[68]

„Abends Bridge mit Bismarcks“. Gut Züsedom August 1944 bis März 1945

Schloss Züsedom, vor 1945[69]

Im August 1944 wurde Annelore Schulz allein nach Züsedom versetzt, da der systematische und der alphabetische Katalog, ohne welche der Buchbestand der Bibliothek nicht zu nutzen war, dorthin ausgelagert wurden. In Züsedom wurde Annelore Schulz beinahe als „Haustochter“[70] der Gutsbesitzerfamilie von Arnim aufgenommen. Schulz speiste gemeinsam mit der Familie („Und zu Tisch passiert es mir, daß ich zu spät komme! Habe das 1. Gongen überhört. Schreckliche Peinlichkeit!“[71]), war zum Tee bei der Hausherrin Hermine von Arnim eingeladen („Wie hilft einem überall das Milieu, aus dem man kommt.“[72]) und man spielte abends gemeinschaftlich stundenlang Karten, Schach oder Bridge im Billardzimmer. Allabendlich hörte man gemeinsam den Wehrmachtsbericht, der täglich mehr das Landidyll zerstörte:

„Wir hören noch gemeinsam den Wehrmachtsbericht, sind sehr bedrückt über die grossen Strecken Ostpreussens, die schon in Feindeshand sind, ebenso im Raum vor Aachen. Abends sitzen wir noch gemeinsam gemütlich bei mir bei einem Tässchen Tee.“ [73]

Zum Oktober 1944 wurde der Tätigkeitsbericht für das Kuratorium in Angriff genommen und Schulz musste telefonisch zwischen Berlin und Kleisthöhe Buchbestellungen koordinieren und Fundstellen überprüfen.[74] Im November 1944 fuhr sie im Auftrag von Curt Blass nach Dresden, um dort in verschiedenen Antiquariaten nach Fachliteratur zu suchen.[75] Während im Westen bereits die Alliierten auf deutschem Boden standen und die „Schlacht um Aachen“ begonnen hatte, wurden in Züsedom Adventskränze geflochten und am 25. November der 59. Geburtstag des Gutsherrn mit einem „Galaabend mit Rotwein“ gefeiert.[76] Bis zum zweiten Advent blieb es recht gemütlich. Schulz begleitete die Arnims in den Dorfgottesdienst (Predigt über „das Besitzergreifen in der Adventszeit“): „Dann haben wir es nachmittags und abends so nett im Familienkreis, erst mit Bridge, abends mit Singen und Stricken.“[77] Am 13. Dezember gab es eine „Krisensitzung“ aller „ausgelagerten“ Institutsmitarbeiter auf Gut Kleisthöhe, wo erstmals über einen möglichen „Katastrophenfall“ für das Institut gesprochen wurde. Abgesehen davon blieb die Weihnachtszeit für das Institut ruhig.

Auch der Januar 1945 begann in Züsedom unspektakulär. Die Gutsfamilie veranstaltete, wie seit Jahrhunderten üblich, eine große Treibjagd, abends saß man weiterhin „unter netten und witzigen Erzählungen bis 10 [Uhr]“ beisammen und setzte alle Hoffnungen auf die deutsche „Westoffensive“. Doch je ernster und auswegloser die militärische Lage wurde, umso mehr flüchtete man sich in eine Parallelwelt. Der Beginn der russischen Offensive in Ostpreußen am 12. Januar 1945 ging bei Schulz ganz unter in dem Skandal, dass eine Institutskollegin mit 44 Jahren unehelich schwanger geworden war, „doch der Mann sie aus irgendwelchen Gründen nicht heiraten“ wollte. Am 20. Januar notiert Schulz:

„Herrlich und lange geschlafen. Die Gedanken über ein Wohlleben und ein befriedigendes Arbeitsleben beschäftigen mich sehr. Ich bin alt im Institut geworden – selbst die Sehnsucht nach Ehe und Kindern quält mich auch. Allerlei Post ist zu erledigen […]. Geplättet, abends Bridge.“

Am 21. Januar 1945 verbrachte man den letzten „normalen“ Sonntag auf Gut Züsedom. Annelore Schulz las den Kindern der Familie von Arnim aus dem „Struwwelpeter“ vor, sie strickte mit Frau von Arnim, man spielte Bridge. Doch: „Wie Keulenschläge wirkt der Heeresbericht: Insterburg gefallen, in Oberschlesien scheinen die Russen an der Grenze zu sein. Was soll werden?“

Zwei Tage später erreichten die ersten 29 Flüchtlinge aus Ostpreußen das Dorf. Die Stimmung auf dem Gutshof wurde zunehmend neurotischer. Am 28. Januar spielte Schulz mit Arnims bis spät in die Nacht ganze sechs Stunden Bridge „zur Beruhigung der Nerven“.[78] Am 29. Januar äußerte sie erstmals Fluchtgedanken:

„Es hat sich unserer eine furchtbare Unruhe bemächtigt. Nach Tisch Bücher und Briefe verpackt, um 5 Uhr den Heeresbericht gehört, der nichts Neues bringt. Etwas gestrickt, vor Erregung gezittert – abends Bridge und zur Beruhigung mit Fräulein Fischenbeck eine Flasche Samos aufgemacht.“

Am 1. Februar stellte Curt Blass dem Personal frei, in Züsedom „die Filiale zu schliessen und nach Berlin zurückzukehren“, was angesichts der militärischen Lage wenig attraktiv erschien. Am 2. Februar unternahm Hermann Mosler noch eine letzte Dienstreise von Berlin nach Kleisthöhe, wo er die Institutsangehörigen zu beruhigen versuchte. Am 4. Februar erreichte Züsedom die Nachricht von der Zerstörung des Berliner Schlosses: „Furchtbarer Tagesangriff auf die [Berliner] Innenstadt, das Schloss brennt“. Nur vier Tage später wurden die Kriegshandlungen auch auf Züsedom greifbar: „[A]bends gebridget, bis um 9 Uhr furchtbarer Angriff erfolgt – scheinbar Stettin, das Haus schäbbert von 2 Bomben. 11 Uhr der 2. Angriff, wir sitzen bei einer Petroleumlampe zusammen.“[79] Am Folgetag, 9. Februar 1945, erreichte ein Treck von 300 Personen Züsedom. Insgesamt befanden sich nun 1200 Flüchtlinge in dem 300-Einwohner-Dorf. Im Schloss waren 85 Menschen untergebracht, vor allem mit den Arnims verwandte oder befreundete Gutsbesitzerfamilien (von Loepers, von Bismarcks, von Rosenbergs).[80] Im Rahmen des Möglichen wurde der Institutsbetrieb weitergeführt. Schulz bearbeitete weiterhin eingehende Dienstpost, verzeichnete Buchbestände im Katalog, vor allem spielte man weiter manisch Bridge:

„11 Uhr Kirche, Pfarrer Kindler spricht wieder sehr bewegt. Wir singen die schönen Lieder aus dem Dreißigjährigen Krieg, ‚Wer nur den Lieben Gott lässt walten‘, ‚Befiehl du deine Wege‘ – und zum Schluss ‚Harre, meine Seele‘, selbst Herr von Arnim wischt sich verstohlen eine Träne ab. Nach Tisch im Bett, nachmittags Herrn von Bismarck die Bibliothek gezeigt, wofür er sich sehr interessiert, abends Bridge, auch mit Bismarcks.“ [81]

Curt Blass erging sich in Berlin in einer Mischung aus Resignation und Dienstpflicht, „in der ungeheuren, dumpfen Spannung wegen des Kommenden“[82], während sein Sohn Heinrich ihn verzweifelt davon überzeugen wollte, Berlin in die Schweiz zu seiner Frau zu verlassen – „Das geht natürlich nicht angesichts der Devise: ‚Jeder bleibt auf seinem Posten!‘, die mit Erschiessungen eingeprägt wird.“[83]

Am 26. Februar 1945 schaffte Schulz noch ein Telefonat nach Berlin, „wo nach Dr. Blass […] die Hölle los sein soll mit Angriffen.“ Doch einen Tag später glomm wieder Hoffnung auf: „[D]ie Offensive im Westen im vollen Gange mit Erfolg.“ 600 Menschen kampierten inzwischen auf dem Gelände des Gutshofs. Am 27. Februar brach für mehrere Tage die Postverbindung nach Berlin ab, verzweifelte Telefonversuche nach Berlin blieben erfolglos („Abends Bridge – Dr. Mosler wieder nicht erreicht.“).

Am 5. März war die Lage derart ernst, dass nicht einmal mehr Bridge gespielt werden konnte: „Wir sind alle sehr ergriffen von der Nachricht, daß Hinterpommern eingekreist ist […]. Frau von Arnim meint nun auch, es könne nur noch Tage dauern.“ Zwei Tage später, am 7. März 1945 „kommt ein Offizier der Luftwaffe vom Stabe des General von Hippel als Quartiermacher. Sie benötigen mindestens 30 Räume, auch meine Bücher müssen weichen. – Abends Bridge.“

Am 9. März entschloss Annelore Schulz sich schließlich zur Flucht aus Züsedom, „die Lage hat sich so zugespitzt, die Russen beschiessen Stettin“. Zuvor wurde stundenlang gebügelt, gepackt, letzte Dienstpost an Curt Blass bearbeitet. In einem Wehrmachts-LKW reiste Schulz nachts nach Halle an der Saale, dann mit dem Zug über Dessau nach Baasdorf in Sachsen-Anhalt, wo sie am 10. März auf einem Anwesen bei Bekannten unterkommen konnte. In den folgenden Tagen kamen Schulz’ Pflegemutter mit Hauspersonal und weitere Verwandte nach. Am 19. März bekam sie erste Privat- und Dienstpost aus Züsedom nachgeschickt („Ging ich zu früh von Züsedom fort?“). Am 22. März schrieb sie Curt Blass und fragte „nach seinem Befehl“, der Tage auf sich warten ließ.

Blass, der den Institutsbetrieb seit der Zerstörung des Schlosses in der Villa des verstorbenen Viktor Bruns in Zehlendorf fortführte, zog sich seinerseits in eine Art Parallelwelt in seinem Schlachtenseer Haus zurück, wie er am 15. März 1945 festhielt:

„Und was tut man auch sonst in dieser Zeit? Es hat Alles den heimlichen Charakter des nur Vorläufigen, des ‚Man so tun‘, des ‚Als ob‘, eine gewisse innere Unglaubwürdigkeit oder doch Fragwürdigkeit. So auch meine Lektüre, wenn ich überhaupt dazu komme. Aber es sind dann doch manchmal fast behagliche Stunden: Der Abendangriff ist bestanden, es ist gut gegangen, das Licht brennt auch noch, eine gute Flasche aus Onkel Viktors [Viktor Bruns] Keller steht daneben (ich darf in seine Weinhinterlassenschaft einsteigen, ehe sie sonst verkommt), […] ja, da kann man über einem guten Buch manchmal vergessen, von was man umgeben ist und was einem bevorsteht. Höchstens, dass einen plötzlich das Wundergefühl erfasst, dass alles noch so ist – Ach das abscheuliche ‚Noch‘. Es kann einem alles verleiden.“ [84]

Seine Antwort an Annelore Schulz, die in Baasdorf wie auf glühenden Kohlen saß („Was wird Dr. Blass sagen?“[85]) und am 30. März sogar überlegte, wieder nach Züsedom zurückzukehren oder gar nach Berlin zu fahren, brauchte bis zum 31. März 1945:

„Von Dr. Blass ein sehr erregender Brief: Er erklärt sich mit meiner Handlungsweise [unerlaubte Entfernung vom Dienstort] einverstanden und gibt mir bis auf weiteres Urlaub, hier zu bleiben – selbst das Gehalt soll mir nachgeschickt werden! […] Alle Nachrichten erschüttern mich so, daß ich gar nicht fähig bin, vor Freud etwas zu schreiben. – Allerdings Puttchen [Ellinor von Puttkamer] ist als einzige jetzt in der Ausweichstelle – Mosler im Rheinland, Fräulein von Engel in Heidelberg. Nachmittags ist es für mich ganz österlich, ich mache im Garten die Blumen fürs Fest.“

Am 3. April 1945 schrieb Schulz einen letzten Brief an Curt Blass; ob er jemals ankam, ist nicht bekannt.

Das Institut nach Kriegsende 1945

Für Annelore Schulz endete der Krieg am 15. April 1945, als amerikanische Truppen unblutig Baasdorf besetzten. Curt Blass war am 13. April die Ausreise nach Zürich zu seiner Frau gelungen. Der Institutsbetrieb, der letztlich nur noch aus dem Ordnen und Umräumen von Büchern bestand, wurde noch bis zum 23. April 1945 in Zehlendorf fortgeführt – von den letzten beiden verbliebenen Mitarbeitenden, dem Referenten Joachim-Dieter Bloch und der Bibliothekarin Cornelia Bruns.[86] Am 24. April wurde Zehlendorf weitgehend kampflos von sowjetischen Truppen eingenommen. Bereits am 27. April 1945 wurde durch Cornelia Bruns und Dorothea von Rehekampff der „Betrieb“ in beispielloser Pflichtschuldigkeit wieder aufgenommen:

„Heute früh mit Frl. von Rehekampff ins Institut gegangen, wo es wüst aussah! – am schlimmsten im Keller […] und im Esszimmer, wo die große Sitztruhe und sämtliche Schübe und Schränke durchwühlt und auf den Fußboden geworfen waren – in Viktors Zimmer auch ein Teil seiner Schreibtisch-Schübe […]. Ich diktierte Frl. von Rehekampff den Brief an die Kommandantur, zur Anmeldung unserer Schreibmaschinen (wie in dem überall angeschlagenen Befehl des Stadtkommandanten […] befohlen).“ [87]

Während man in Zehlendorf mühsam versuchte, den Institutsbetrieb am Laufen zu halten, Curt Blass sich ins behagliche Zürich abgesetzt hatte und Annelore Schulz auf einen Gutshof nach Baasdorf geflohen war, wo sie den „Veilchen- und Forsythienschmuck“[88] im Garten bewunderte, geriet am 1. Mai 1945 im nur wenige Kilometer entfernten Potsdam ein 20-jähriger Gefreiter in sowjetische Kriegsgefangenschaft, die er nur knapp überleben sollte. In Ägypten hatte ein anderer junger Soldat zu diesem Zeitpunkt bereits seit zwei Jahren in einem Kriegsgefangenenlager gesessen. Diese Männer, Rudolf Bernhardt und Karl Doehring, sollten 1970 beziehungsweise 1981 das Direktorium des Instituts übernehmen. Für beide waren die Erfahrung von Krieg und Gefangenschaft zeitlebens prägend,[89] wenngleich sie sehr unterschiedliche Umgangsformen hiermit fanden.

Auch für die Angehörigen des KWI waren der Zweite Weltkrieg und die Kriegsniederlage eine bedeutende Zäsur. Sieht man von der Hinrichtung Bertholds von Stauffenberg ab, überlebten zwar mit Ausnahme Joachim-Dieter Blochs, der tragischerweise bei der Befreiung von Berlin von sowjetischen Truppen erschossen wurde, und des Referendars Ferdinand Schlüter, der als Soldat fiel, alle anderen Institutsangehörigen den Krieg.[90] Die materiellen Schäden waren für das Institut indes beträchtlich. Der Zerstörung des Berliner Schlosses waren die nicht evakuierten Bücher zum Opfer gefallen. Schloss Kleisthöhe war in den letzten Kriegstagen ebenfalls niedergebrannt – mit knapp 87.000 ausgelagerten Büchern. Gut Züsedom stand noch, mitsamt der 50.000 dort befindlichen Bücher, die jedoch stark gefährdet waren. Beide Gutsbesitzerfamilien waren enteignet und ihre Ländereien kollektiviert worden, Hans-Karl von Arnim hatte am 29. April 1945 Suizid begangen, seine Frau war in den Westen geflohen. Die obdachlose Gutsherrin Margarete von Mörner musste sich als „Tagelöhnerin“ in einer Bauernkate wohnend über Wasser halten.[91] In das verwüstete Schloss Züsedom waren zahlreiche Flüchtlingsfamilien einquartiert worden, welche die Bücher aufgrund der prekären Verhältnisse als Heizmaterial verwendeten. Im März 1946 gelang es jedoch Annelore Schulz und Direktionssekretärin Ellinor Greinert, die Bücher aus der Sowjetischen Besatzungszone zu retten, womit sie den Grundstein für die Weiterführung des Instituts legten.

***

Der Verfasser dankt Sarah Gebel, Alexandra Kemmerer, Johannes Mikuteit, Karin Oellers-Frahm und Joachim Schwietzke für ihre Anmerkungen zum Text.

[1] Armin von Bogdandy, Philipp Glahé, Alles ganz einfach? Zwei verlorene Weltkriege als roter Faden der Institutsgeschichte, MPIL100.de.

[2] Stefan Oeter, Die Gutachtenpraxis des KWI zum Kriegsvölkerrecht für das Amt Ausland/Abwehr und das OKW, MPIL100.de; ferner: Raphael Schäfer, Humanität als Nicht-Prinzip. Anmerkungen zur Kriegsrechtsvorlesung von Ernst Martin Schmitz aus dem Jahre 1938, MPIL100.de und Rüdiger Hachtmann, Das Kaiser-Wilhelm-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht 1924 bis 1945, MPIL100.de.

[3] Ausnahmen stellen die Autobiographie Karl Doehrings und Rudolf Bernhardts auf Tagebuchaufzeichnungen basierender Bericht über seine Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion dar: Karl Doehring, Von der Weimarer Republik zur Europäischen Union. Erinnerungen, Berlin: wjs 2008, 71–114; Rudolf Bernhardt, Tagebuchaufzeichnungen aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft 1945–1947, hrsg. von Christoph Bernhardt, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2024; Helmut Philipp Aust, Von Moskau über Heidelberg nach Straßburg. Verbindungslinien im Leben und Werk Rudolf Bernhardts?, MPIL100.de.

[4] Siehe hierzu: Karin Oellers-Frahm, Cornelia Bruns. Eine wohlverdiente, wenn auch späte, Würdigung, MPIL100.de und Joachim Schwietzke, Bibliothekar der ersten Stunde: Curt Blass, MPIL100.de.

[5] Annelore Schulz, Die Rückführung unserer Institutsbibliothek aus der Uckermark nach Berlin-Dahlem 1946 nach meinen Tagebuchnotizen (1966). Dieser Bericht wird parallel zu diesem Text auf dem Blog publiziert.

[6] Der Verfasser dankt Dr. Christiane Caemmerer, Susanne Cordahi und Daniela Landau für die Überlassung der fraglichen Unterlagen.

[7] Memorabilien Curt Blass 1936 bis 1940 sowie Korrespondenz Curt und Ulrich Blass Januar bis März 1945, Transkription Ulrich Blass 2001, Privatarchiv Familie Blass/Landau. Für die Zeit vor 1939 sind in Teilen überliefert die Tagebuchaufzeichnungen von Viktor Bruns Frau Marie: Rainer Noltenius (Hrsg.), Mit einem Mann möchte ich nicht tauschen. Ein Zeitgemälde in Tagebüchern und Briefen der Marie Bruns-Bode (1885–1952), Berlin: Gebr. Mann Verlag 2018, zudem: Marie Bruns, Eine „ganz unverhoffte Freude“. Eindrücke aus der Gründungszeit des Instituts 1924–1926, MPIL100.de.

[8] Foto: Mirko Lux.

[9] Cornelia Bruns, Tagebuchbrief, 25. April bis 10. Juni 1945, Transkription Susanne Cordahi, Privatarchiv Familie Cordahi.

[10] VI. Abt., Rep. 1, Nr. KWIauslöffRechtuVölkerrecht III/30, AMPG.

[11] Die Verhaftung des Institutsmitarbeiters Wilhelm Wengler durch die Gestapo im Februar 1944 und dessen anschließende Entlassung werden im Tagebuch hingegen nicht erwähnt. In ähnlicher Weise absent ist die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in Rudolf Bernhardts 1948 angefertigten Bericht über seine Kriegsgefangenschaft, welcher sehr intensiv die Lebensbedingungen in den sowjetischen Lagern schildert, jedoch kaum die „Vorgeschichte“ reflektiert: Bernhardt (Fn. 3).

[12] Foto: MPIL.

[13] Curt Blass, Tagebucheintrag 15. Mai 1940.

[14] Aufgrund des kompilatorischen Charakters der Tagebuchaufzeichnungen sind diese nur unvollständig zugänglich. Ulrich Blass notiert in seiner für die Familie angefertigten Kompilation, dass er sich hauptsächlich auf die Auseinandersetzung seines Vaters mit politischen Tagesereignissen beschränkt habe und andere Themen, insbesondere institutsbezogene, nicht transkribiert habe: Ulrich Blass (Fn. 7), 9.

[15] Curt Blass, Tagebucheintrag 29. September 1938.

[16] Curt Blass, Tagebucheintrag 28. September 1938.

[17] Curt Blass, Tagebucheintrag 30. September 1938.

[18] Curt Blass, Tagebucheintrag 13. November 1938.

[19] Hans-Joachim von Merkatz (1905–1982), war von 1935 bis 1938 Referent am KWI. Von 1956 bis 1957 war er Bundesjustizminister.

[20] Curt Blass, Tagebucheintrag 14. November 1938.

[21] Curt Blass, Tagebucheintrag 1. September 1939.

[22] Curt Blass, Tagebucheintrag 3. September 1939.

[23] Curt Blass, Tagebucheintrag 4. September 1939.

[24] VI. Abt., Rep. 1, Nr. KWIauslöffRechtuVölkerrecht III/43, AMPG.

[25] Curt Blass, Tagebucheintrag 24. Dezember 1939.

[26] Curt Blass, Tagebucheintrag 30. Dezember 1939.

[27] Curt Blass, Tagebucheintrag 15. Mai 1940.

[28] Curt Blass, Tagebucheintrag 15. Mai 1940.

[29] Vgl. Hachtmann (Fn. 2).

[30] Foto: Mirko Lux.

[31] Hinzu kamen zwei weitere kleinere Unterbringungsmöglichkeiten in Neuensund (Uckermark) und Blücherhof (Mecklenburg).

[32] VI. Abt., Rep. 1, Nr. KWIauslöffRechtuVölkerrecht III/8, AMPG.

[33] „Da, am Rathaus, geht die Sirene – in Eile ums Schloss herum, dort im Luftschutzkeller gleich die gesamte Belegschaft getroffen, mit der man nun gleich erzählen kann. So vergeht der lange Alarm schnell. Überall frisch und munter und begeistert erzählt. Doch Dr. Blass und Fräulein Bruns schüttelt es etwas vor der Unfreiheit [im Luftschutzkeller]“: Annelore Schulz, Tagebucheintrag 12. September 1944.

[34] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 10. Februar 1944. Im Sinne des besseren Leseflusses wurden bei der Transkription die zahlreichen von Annelore Schulz verwendeten Abkürzungen ausgeschrieben und auch die Rechtschreibung behutsam angeglichen.

[35] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 5. November 1944. Hiermit war Annelore Schulz auch nicht die Einzige am Institut, die gleichgeschlechtliche Beziehungen unterhielt bzw. sich jedenfalls in dieser Hinsicht gängigen Geschlechterordnungen entzog. Auch von Georg von Gretschaninow war bekannt und toleriert, dass er homosexuell war. Als Angehörige bzw. Sympathisanten des George-Kreises standen Berthold von Stauffenberg und Helmut Strebel zudem in der Georgeschen Tradition der Ästhetisierung (und bei Strebel womöglich auch Auslebung) männlicher Homosexualität. Hierzu siehe auch: Philipp Glahé, Stefan Georges langer Schatten. Die Stauffenberg-Büste am Institut, MPIL100.de.

[36] So am 7. Januar 1944 die Oper „Tiefland“ von Eugen d’Albert in der Staatsoper Unter den Linden (1. Reihe Parkett).

[37] „Um 11 Uhr soll es mit Dr. Blass ins Sinfoniekonzert gehen. Ich freue mich sehr, daß er mich einlud. Prof. Makarov geht auch zur Probe mit in die Staatsoper – die Philharmonie verbrannte ja am 30. mit ab. Wir hören: Concerto grosso D-Moll von Händel, Sinfonie Es-Dur von Mozart (ganz wunderbar) und nun schon zum 3. Mal die 5. Sinfonie E-Moll von Beethoven unter Furtwängler“: Annelore Schulz, Tagebucheintrag 8. Februar 1944.

[38] VI. Abt., Rep. 1, Nr. KWIauslöffRechtuVölkerrecht III/46, AMPG.

[39] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 15. Februar 1944; auch unter den Kolleginnen ist die Solidarität groß: „Fast weinend im Schloss angekommen. Die gute Frau Kühl [?] tröstet mich unterwegs. […] Fräulein von Rehekampff assistiert meinem 2. Frühstück (ich hole mir die Kräfte statt aus dem Schlaf aus dem Essen) und tröstet mich so lieb, voller Hilfsbereitschaft. Wie wohl tut mir die Wärme! –  Noch ein Buch fertig gemacht für Dr. Blass, der sich, glaube ich, freut, daß ich noch meine Pflichten tue“: Annelore Schulz, Tagebucheintrag 18. Februar 1944.

[40] „Schwerer Abschied vom Schloss“: Annelore Schulz, Tagebucheinträge 6. März 1944, 15. Januar 1945.

[41] Annelore Schulz, Tagebucheinträge 26. Juni 1944, 28. Juni 1944.

[42] Foto: vermutlich Annelore Schulz.

[43] Alexander N. Makarov, [Nachruf] Nicolai von Martens, ZaöRV 13 (1950/51), 19–20, 19.

[44] „Allerlei Arbeit mit den jetzt so wild aufgestellten Büchern in „Südamerika“, und dabei sollen zum Sonntag wieder Bücher geschleppt werden – freiwillig von Dr. Blass, Fräulein von Puttkamer, Herrn Weiss und Dr. Mosler – dazu Gefangene durch Herrn Strebel“: Annelore Schulz, Tagebucheintrag 6. Mai 1944, ferner: 30. März 1944.

[45] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 3. Juli 1944.

[46] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 9. März 1944.

[47] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 12. März 1944.

[48] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 12. März 1944.

[49] Annelore Schulz, Tagebucheinträge 16. Mai 1944, 18. Mai 1944, 24. Mai 1944.

[50] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 17. Juli 1944.

[51] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 4. Juli 1944.

[52] Annelore Schulz, Tagebucheinträge 23. April, 25. April 1944.

[53] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 20. Juni 1944; Curt Blass, Innere Melodie. Gedichte, Zürich: Schulthess 1944.

[54] VI. Abt., Rep. 1, Nr. KWIauslöffRechtuVölkerrecht III/33, AMPG.

[55] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 21. Mai 1944.

[56] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 9. Juni 1944.

[57] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 12. Juli 1944.

[58] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 13. Dezember 1944.

[59] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 18. Juni 1944.

[60] VI. Abt., Rep. 1, Nr. KWIauslöffRechtuVölkerrecht III/52, APMG.

[61] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 13. Dezember 1944.

[62] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 6. Oktober 1944, 2. Dezember 1944.

[63] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 12. Juli 1944.

[64] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 7. Juli 1944.

[65] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 6. Juni 1944.

[66] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 21. Juli 1944.

[67] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 26. Juli 1944.

[68] Die meisten Institutsangehörigen fuhren im Rahmen des Möglichen ganz normal in den Urlaub, so Georg von Gretschaninow nach Bad Kissingen oder Sidonie von Engel nach Garmisch-Partenkirchen.

[69] Foto: vermutlich Annelore Schulz.

[70] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 19. November 1944.

[71] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 5. September 1944.

[72] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 1. Oktober 1944.

[73] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 23. Oktober 1944.

[74] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 29. September 1944.

[75] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 9. November 1944.

[76] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 25. November 1944.

[77] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 10. Dezember 1944.

[78] Auch Hermine von Arnim erinnert sich in einem autobiographischen Bericht an die Bridge-Exzesse: „Jeden Abend spielten wir Bridge […], tranken den guten Wein aus und dankten Gott für jeden Tag unter dem eigenen Dach“: Hermine von Arnim, Züsedom, in: Von Arnim’scher Familienverband e. V. (Hrsg.), Beiträge zur Geschichte des Geschlechts von Arnim, 1. Bd., o. O. 1957, 425–440, 437.

[79] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 8. Februar 1945.

[80] Annelore Schulz, Tagebucheinträge 9. Februar 1945, 10. Februar 1945.

[81] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 25. Februar 1945.

[82] Brief von Curt Blass an Ulrich Blass (Fn. 7), datiert 28. Januar 1945.

[83] Brief von Curt Blass an Ulrich Blass (Fn. 7), datiert 10. Februar 1945.

[84] Brief von Curt Blass an Ulrich Blass (Fn. 7), datiert 15. März 1945.

[85] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 27. März 1945.

[86] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 25. April 1945.

[87] Cornelia Bruns, Tagebuchbrief, 25. April bis 10. Juni 1945 (Fn. 9).

[88] Annelore Schulz, Tagebucheintrag 25. März 1945.

[89] Vgl. Fn. 3.

[90] Max Bloch, Dr. Joachim-Dieter Bloch (1906–1945). Ein Juristenleben am Kaiser-Wilhelm-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht, ZaöRV 74 (2014), 873–878, 877.

[91] Vgl. Annelore Schulz, Die Rückführung unserer Institutsbibliothek (Fn. 5).

English

The historical (self-)perception of the Institute is constituted, above all, by the German defeat in both the First and Second World War. The Berlin Kaiser Wilhelm Institute (KWI) had been  founded in 1924 as a “loser’s institution” to provide scholarly and legal expertise aimed at the revision of the Versailles System; and when the Institute was reestablished in Heidelberg in 1949, its focus was once again on the legal and political consequences of the Second World War, the beginning Cold War, and, in connection with that, the decision to support the German West Integration.[1] The Institute’s publications between 1933 and 1944 and Hermann Mosler’s recently discovered expert opinions on the law of war now provide insight into how the Berlin KWI, as a research and advisory body to the High Command of the Wehrmacht and of the Navy, contributed to the scholarly preparation and support of the Second World War.[2] However, little is known about how the Institute’s employees experienced the war and its end, and what influence these individual and collective experiences had on the research institution.[3] This contribution aims to provide this insight into the war years, based on the diaries and personal notes of two Institute members, library director Curt Blass and librarian Annelore Schulz.

Curt Blass (1881–1972) and Annelore Schulz (1906–1999) were among the first members of the Institute, joining in 1926 and 1929 respectively; both played a key role in the establishment of the Institute’s eminent library.[4] Curt Blass had been friends with Institute Director Viktor Bruns since university and was on a first name basis with him. After Ernst Martin Schmitz died in 1942, Blass became Deputy Director of the Institute and would later even temporarily take over its leadership after Viktor Bruns’ death in 1943. Even after Carl Bilfinger, who lived in Heidelberg, took over as the new director in 1944, Blass remained the de facto principal in Berlin. Annelore Schulz worked behind the scenes; she was a central figure in the management of the library. The role she played in the reconstruction of the Institute by saving its book collection in 1946 cannot be overestimated.[5] Thankfully, family members kindly provided war-related personal writings of the two KWI members to the Institute.[6] Here, the written legacy of Annelore Schulz stands out in terms of its scope and completeness: A whole suitcase full of her personal documents has been preserved, including a series of meticulously kept diaries. Due to their scope and wealth of detail, Annelore Schulz’s writings are the focus of this article. They are supplemented by personal notes of Curt Blass, which are only available in fragments.[7]

Writing about the (Un-)Sayable. Diaries from the “Third Reich”

The diaries of Annelore Schulz[8]

The writings of Curt Blass and Annelore Schulz differ in format and degree of privacy. While Annelore Schulz’s diaries are purely private in nature and were clearly not intended to be read by an audience, the diaries of Curt Blass, who was also a writer and a lyricist, suggest, based on their style and the way they report on certain events, that they were intended to be more than quiet self-reflection, but indeed the continuation of family records. This form of writing is based on a style common in upper-class circles at the time: Similarly, the diary entries by Viktor Bruns’ wife Marie about the founding of the Institute, as edited on this blog, were by no means private in nature either, but calligraphically written in large-format books and shown around and read aloud to the family. There are also surviving “diary letters” from Cornelia Bruns, a cousin of Viktor Bruns who worked at the Institute as a librarian, addressed to her “loved ones” which she wrote at the end of the war in 1945 to document her experiences in those days for the family, “hoping one day we will hear from each other again”.[9]

Annelore Schulz in the library, photograph taken around 1935 [10]

Beyond their style and intended audience, the diaries also differ in terms of their primary subject matter and the way they deal with political events: While Curt Blass reflects extensively and critically on National Socialist politics and the war, Annelore Schulz does not make any comment on current political events. Schulz hardly ever mentions National Socialism and never expresses her opinion on it. Even the events of 20 July 1944, including the arrest and execution of her colleague Berthold von Stauffenberg, are mentioned without political commentary, albeit with great personal consternation.[11] The reasons for this lack of political positioning are unclear. Perhaps Annelore Schulz was simply not interested in politics, or she feared that her private notes might fall into the wrong hands and therefore refrained from commenting on current political developments. Curt Blass, however, does not seem to have shared this fear.

“The War is Strangely Faraway.” Curt Blass and the Outbreak of the Second World War

Diary and personal notes of Curt Blass, 1941[12]

“It is terrible to think what is happening at every moment now, while we are sat so very comfortably – for now – in the spectator seats. Time and time again, one must constantly force oneself to push aside all feelings and thoughts about morality and justice: a natural phenomenon; the outbreak of forces that have been building up for centuries. God is at work even in war!” [13]

– Curt Blass, 15 May 1940

The diaries of Curt Blass that survived and have been transcribed and compiled by his son Ulrich paint the picture of a vigilant political observer whose attitude towards political events of the time fluctuates between rejection of Hitler and National Socialism on the one hand, and nationalistic and imperialistic views and open admiration for the military successes of the Wehrmacht on the other hand.[14] Blass’ notes begin with the Sudetenland Crisis of 1938: Blass felt that, in claiming the Sudetenland inhabited by the German-speaking minority of Czechia, Hitler was engaging in an irresponsible game of “vabanque”.[15] At the Institute, the events were followed with great tension via French and Swiss radio stations, as the German ones were not trusted:

“The propaganda in our radio and newspapers is of an outrageous primitiveness, or rather unscrupulousness, counting on the stupidity of the listeners and seeking to stultify them. The effect is a complete loss of trust and a flight to foreign reporting and propaganda.”[16]

When Hitler succeeded in negotiating the cessation of the Sudetenland in talks with Great Britain, France, and Italy – but not even including the Czechs – in exchange for a promise of peace, as stipulated in the Munich Agreement of 29/30 September 1938, Blass was more than relieved:

“A. H. has put the world through an enormous test of nerves, but (above all): he himself has passed it. His ‘fanatical’ will has achieved, by force, what he believed to be right and what now, basically, both friend and foe recognise to be right, reasonable and just. […] Had he not succeeded, he would have been the worst criminal; now that he has succeeded, he is once again, more than ever, the magician. – Miracles still happen.” [17]

However, following the November pogroms of 9/10 November 1938, Blass expressed criticism of the National Socialist persecution of Jews:

“Deadly shame over the latest anti-Semitic riots and measures […]. This people has been turned into a pathetic pawn. […] All this is the cynical, satanic murder of hundreds of thousands who cannot even flee. And what is most outrageous is that it is hidden under a cloak of morality and law, which for some is nothing but sheer mockery; but for others, who revere it as a genuine garment of dignity, or at least try to revere it, the last remnants of moral and legal sentiment must perish. What is becoming of our people?!” [18]

Blass also reports on the reactions and the atmosphere at the Institute in the aftermath of the pogrom and Göring’s imposition of the so-called Judenbuße (Jewish Capital Levy) on 12 November 1938, according to which the Jewish victims themselves had to pay for the damage:

“It is of depressing interest to observe the reaction to the issue of Jews. All of the older ones, who still have a vivid memory of ‘law’ and ‘justice’ having a genuine meaning in the German language […] are equally anguished and outraged and full of shame: secretly, of course, in familiar circles. For the younger ones, statements range from carefree schadenfreude, as if it was all just some drunken joke, to calculations of the material damage to expressions of conformity. – The dear [Hans-Joachim von] Merkatz[19], who is so eager to fall into line, broke our awkward silence at lunch with his sanctimonious profundity: ‘If one can agree with fining them a billion…’. ‘Then what?’, I asked plainly, whereupon he fell awkwardly silent.” [20]

Blass had mixed feelings about the outbreak of the Second World War on 1 September 1939: “War has begun. […] I foresee nothing but misfortune for our people, in victory and in defeat. Nevertheless: take courage! ‘God wills it!’”[21] He drew direct comparisons to the outbreak of the First World War, in which he had served as an officer: “Anyone who witnessed the outbreak of war in 1914 recognizes how very different people felt then, compared to how they feel now. The National Socialist act of our national misfortune is likely to be drawing to a close.”[22] However, Blass’s rejection of this war, which he considered to be “unjust”, in contrast to that of 1914/18, was mixed with sceptical acclaim: “The army’s achievements in Poland are both gruesome and astonishing.”[23]

“God wills it.”, Curt Blass, undated [24]

Blass described Christmas 1939, which he celebrated in his Schlachtensee villa with his family, as somewhat surreal (“The war seems strangely faraway.”). One ate “rich stollen” and drank hot chocolate. “Then [my wife] Hanni sat down at the grand piano and I in my father’s old armchair.” His daughter Cordula also played “quite nicely” on the piano, and his son Utz “delighted me with the first movement of a rather difficult violin concerto by Mozart, which he performed very well, with his cheeks bright red.” Only the tree was a little smaller that year, and dinner was “of course much more modest […] than usual”. “And with the deep sense of gratitude that one can only experience now, during the war, one slips under the blanket to sleep, confident that it will be undisturbed.”[25] But the Christmas spirit did not last long. In the following days, Blass felt “quite lost” and met with his friend and boss Viktor Bruns several times. On 30 December 1939, Blass joined Bruns’ family in the celebration of the Institute Director’s 55th birthday, which was overshadowed, however, by the war and the crimes of warfare:

“A somewhat awkward atmosphere. Bruns was not feeling well, stuck on Poland, from where terrible news had leaked. The cold, silent determination with which one seeks to wipe out a people of 22 million is appalling. Dragon’s teeth are being planted for centuries to come. Pondering the fate of one’s own people, one is unable to speak, or even breathe freely.” [26]

Some of the notes that followed these sombre thoughts were quite euphoric, however: Blass was repeatedly carried away with astonishment over the rapid advance of the Wehrmacht (“For us old trench warriors, this war is a miracle.”[27]). But once again, concern and scruples damped his enthusiasm: Blass marvelled at the dynamic of “the flush of victory that has got a hold of all of us” but he was unable to enjoy due to the “repugnant, undignified, moralising propaganda screaming and boasting in the press and on the radio’” which in turn provoked “outraged rejection” in him.[28]

Blass’s ambivalent attitude towards the war and the “Third Reich” can in many ways be considered representative of the majority at the Institute.[29] Blass, a member of the educated bourgeoisie, rejected Hitler, National Socialism, and the persecution of Jews because of the inherent “primitiveness” and brutality. He did not have much faith in Hitler’s foreign policy and feared that he would carelessly drag Germany into a war of uncertain outcome. Yet, at the same time, the World War veteran exhibits “classically” patriotic, but also imperialistic, thought patterns. Like the KWI as a whole, he had high hopes in the restoration of Germany’s status as a great power via military expansion. In Blass, we can observe the peculiar “simultaneity of the non-simultaneous” that becomes apparent upon closer historical examination, and he is actively aware of it: The fact that his life in Berlin was so untouched by the war and the simultaneous unreality of the situation becomes particularly obvious on Christmas Eve 1939. The war is physically faraway, yet it looms over everything.

The Institute as a Community of Fate in 1944/45. Annelore Schulz and the End of the War

The diaries of Annelore Schulz [30]

The surviving diaries of Annelore Schulz begin in 1944. Her writings portray an Institute in a state of emergency. The war was already having a significant impact on life in Berlin and on the KWI, which had been subjugated to the Oberkommando der Wehrmacht (High Command of the Wehrmacht, OKW) and the Oberkommando der Marine (High Command of the Navy, OKM) since 1939 and advised them on matters of international law. Due to the intensifying Allied air raids on the German capital, it had been decided to relocate most of the Institute’s valuable library and thus distribute the Institute’s operations to various locations: While the research fellows, whose work exempted them from military service, remained in the Berlin Palace with a few secretaries and the library’s core collection on international law (of war), from January 1944 onwards, more than 115,000 books, parliamentary papers, journals, and documents, accompanied by some of the Institute’s staff, were moved to two estates and an unused, vacant inn in Züsedom and Kleisthöhe in the Uckermark region, some 140 kilometres from Berlin.[31] As a librarian, Annelore Schulz played a key role in relocating the library and the catalogues. Between January and July 1944, Schulz commuted between Berlin and Kleisthöhe and Züsedom, before remaining in Züsedom permanently, from August 1944 to March 1945, due to the war situation.

Annelore Schulz at a window at Berlin Palace, photograph taken in 1931 [32]

Schulz’s diaries are dominated by descriptions of the everyday professional and personal life of women during the war. Political events and the work of the Institute itself play hardly any role. Instead, she documents the attempts to maintain a relatively normal life (at the Institute), between bombings and the air-raid shelter.[33] Social events gained particular importance during the war: the frequent “hen parties” with female colleagues and the celebration of birthdays at the Institute served not least to maintain morale:

“Arrived at [Berlin] Palace at 9:30 a.m. Miss [Cornelia] Bruns’ birthday. Maria, Gertrud Heldendrung, and I are gifting her a pot of tulips and Ernst Jünger’s ‘Storm of Steel’. […] Then, we have a very nice birthday celebration […]. At 12, major alarm […]. 2.30 p.m, very nice coffee party together with Miss Bruns and Miss von Rehekampff, with real coffee! We savour it. Then I continue searching for [Gerhard] Ritter’s book Machtstaat und Utopie [English title: The Corrupting Influence of Power] which is desperately missed – with the help of Dr Blass I’m able find it under ‘AA I O’.” [34]

The women led active social lives outside of the Institute as well, coming together most frequently at “Cörnchen” Bruns’ house, were they were also joint by Annelore Schulz’ “neighbour” Martha Krause, who she was in a romantic relationship with. This was both known and tolerated within the Institute’s social circles.[35] One also enjoyed Berlin’s cultural life as long as it went on. In January 1944, upon invitation of Bruns’ daughter Hella and during working hours – but with the permission of Curt Blass[36] – Annelore Schulz attended first-rate opera performances and, shortly afterwards, a concert, also during working hours, and this time at the invitation of Blass.[37]

Colleagues and a community of fate: Joachim-Dieter Bloch, Ursula Grunow, Alexander N. Makarov, and Hermann Mosler (from left to right) on the roof of Berlin Palace (undated) [38]

The tightness of social bonds at the Institute, forged by joint fate, manifested itself in mutual solidarity in dealing with the burdens of war: When Ellinor von Puttkamer’s apartment was destroyed and Annelore Schulz’ severely damaged in a bombing raid on 15 February 1944, a spontaneous “clear-up crew” was formed, consisting of the research fellows Strebel, Mosler, and Weiss as well as Curt Blass and a colleague from the Foreign Office, Dr Müllenhöfer:

“Around 12:30 p.m., the two gentlemen [Mosler and Müllenhöfer] return and start removing the pieces of wall with an axe and a crowbar first, one after another, then Dr Mosler laboriously repairs the front door so that it can be closed again […], Mr Müllenhöfer repairs the wardrobe, and the windows are boarded up with cardboard. They want to leave the rest of the wall between the bedroom and living room, as protection – I’m not entirely happy about that. At around 3.30 p.m., Dr Blass arrives with Mr Weiss. I am touched by their willingness to help. Dr Blass takes down the curtains.”[39]

Annelore Schulz and her colleagues were also concerned about the fate of Berlin Palace, as they identified strongly with their workplace.[40] In May 1944, the palace was hit and damaged by bombs for the first time, but the Institute’s premises on the top floor remained intact until 25 June 1944, when the roof was destroyed and the Institute had to move to the first floor:

“The latest devastation [on] Unter den Linden [boulevard] is staggering. And then the palace. You can see the sky through our beloved window front! The bare walls can be seen from afar. Our entire side is burnt out. What’s more: Mr Weiss and Mr von Gretschaninow – the former lost many personal belongings. Finally found Miss Bruns. And then it’s time to carry books – all morning and afternoon, the entire staff is carrying the canon law department to the basement, having all kinds of fun in the process – the camaraderie is nice. Lots of mourning with Miss Bruns and Dr Blass!” [41]

Until the final destruction of the Institute’s premises on 3 February 1945, operations continued at Berlin Palace, before being relocated to Viktor Bruns’ private home in Zehlendorf.

“Splendid Isolation”. Kleisthöhe Manor, March to July 1944

Kleisthöhe Manor, before 1945 [42]

Annelore Schulz spent the last year of the war mainly at the manor houses of Kleisthöhe and Züsedom, where she looked after the Institute’s relocated library. Her notes on life there reflect a peculiar mixture of apocalyptic expectations, denial of reality and a last resurgence of the upper-class aristocratic lifestyle, which, at least in Brandenburg, came to an irrevocable end after the war and which Alexander N. Makarov would later describe as a  “world gone by”. [43]

After the relocation of the books had begun in January 1944, Annelore Schulz spent several months commuting between Berlin and the manor houses, where her job was to put up the books in the rented rooms so that they could be used for the Institute’s work. Most of the heavy carrying was done by Wehrmacht soldiers or Soviet prisoners of war organised by Helmut Strebel[44]:

“Feeling spent […] – then the gentlemen are back for lunch: Makarov and Gretschaninow. […] The three transports arrive at 4 p.m. Immediately, the carrying of books to the attic begins with ‘Italy’; the Russians, really nice and tidy guys, carry upstairs (in a chain) and go about it very intelligently. Up there, everything is stacked up in a complete muddle – how will it ever be sorted? – ‘France’ and ‘Italy’. After supper, where everyone is served pea soup, we continue until around 9.30 p.m. We have a lot of fun, laugh a lot, Miss Auburtin was able to have her beautiful chest of drawers delivered, and Prof. Makarov’s sofa is placed in the library as well […]. Then, we sit with Professor Makarov, Schnucki, Miss Auburtin at Mrs Hähn’s, drinking milk mixed with syrup and refreshing our thirsty throats. We want to dance but can’t find the right music on the radio. We go to sleep around midnight – Mr von Gretschaninow is still sorting restlessly. Mrs von Mörner had somebody bring strawberries for Schnucki and me – in sugar!” [45]

Annelore Schulz spent the first few work weeks at Kleisthöhe Manor with research fellow Angèle Auburtin, secretary Gertrud Heldendrung (“Schnucki”), and research fellow Georg von Gretschaninow. The Institute members had their own rooms in the manor house and took part in the everyday life of its owners, the von Mörner family, to some degree (“no typing after dinner”[46]). Despite having left Berlin with a heavy heart, Annelore Schulz quickly took a liking to life in the countryside, which, at least in the beginning, seems to have felt a bit like school trip. She went on long walks with Angèle Auburtin and Georg von Gretschaninow, and the ladies were frequently invited to afternoon tea with the recently widowed Lady of the manor in the “grand salon”, where Annelore Schulz enjoyed the “pleasant conversation, just as I know it from our own circles”.[47] Auburtin and Schulz often spent long evenings together: “While I’m darning [socks], Dr Auburtin plays the lute, sings very beautifully and explains a few things about playing the lute to me.” [48] The grand piano was also used extensively, with Irene Hähn and Alexander N. Makarov playing “wonderfully” for the staff during their lunch break or after work.[49] According to Annelore Schulz’ notes, the time spent at the Kleisthöhe Manor in the spring of 1944 felt like a different world or, as her colleague Irene Hähn put it, a “splendid isolation”.[50] Berlin, the air raids, the war itself, seemed far away. Moreover, arranging the books was not usually a task that took up the whole day, leaving plenty of free time:

“Started organising ‘GB V’ out on the terrace, spent the day sorting in [the books] on my own – but finished at coffee time! Washed with hot water, dressed up again, nice and beautifully in my dirndl, went to the garden with a book, read and slept under the chestnut tree in the back – dear Lumpi lay down next to me. Went on a walk with Professor Makarov after supper, a wonderful evening” [51]

In April 1944 (during working hours), Annelore Schulz edited Curt Blass’ “very charming” autobiography, which remains unpublished to this day. [52] Blass did however publish a collection of poems titled Innere Melodie (“Inner Melody”) in June 1944, which he gifted to several members of the Institute.[53]

Communal lunch: a tradition (pictured here back at Berlin Palace). Victoria Rienäcker, Ruth von Braumüller (later Bishop), Charlotte Zowe-Behring, Else Sandgänger, Annelore Schulz, and Ellinor Greinert (from top left), photo taken around 1935 [54]

But it was not all sunshine: conflicts and “hierarchical squabbles” arose, particularly among the female staff, mostly between Annelore Schulz and Angèle Auburtin. Although the two women had got on well at first, Schulz felt that Auburtin, as a research fellow, was increasingly trying to distance herself from the non-academic female staff. [55] There were frequent arguments between Auburtin and Schulz, who felt that Auburtin was relegating her to “menial tasks”; “As educated people, we don’t let it show at dinner, however”.[56] When Hermann Mosler was due to visit from Berlin, tensions ran especially high – with Auburtin, not with Mosler himself, whose authority Schulz (albeit grudgingly) recognised: “Mosler is now an Advisory Consultant in the OKW’s Advisory Office – a powerful man”.[57] Although Angèle Auburtin was clearly “superior” to the other women in the Institute’s hierarchy, it seems to have fallen within her remit to cook for the Institute staff at Kleisthöhe Manor (but “everything’s so bland and undercooked”).[58] Yet, as often as the two women clashed, they always reconciled.[59]

Institute Director Carl Bilfinger (second from right) visiting Kleisthöhe Manor in July 1944. With: dog Lumpi, Sophie von Gretschaninow (?), Georg von Gretschaninow, unknown, Angèle Auburtin, and Alexander N. Makarov (from left to right) [60]

While conflicts with her female superior, and sometimes also with her female colleagues (arguments over the “best” room, annoyance about a roommate “who snores, talks and wheezes at night” [61]), were not uncommon, Schulz not only recognized but downright revered male authority figures, especially Curt Blass and Professor Makarov. When Blass decided to pay a visit to the two manor houses in October 1944, Annelore Schulz spent days nervously preparing and excitedly welcomed him with a large bouquet of flowers at the estate’s gate: “We are having a half partridge for dinner tonight, in honour of Dr Blass. Everything is very nice and festive.” The good relationship between the two was mutual; Schulz was delighted that “Dr Blass […] expressed his appreciation for my years of catalogue management” and when she was once again entrusted with a “difficult task” from Berlin.[62] But it was not always that there were such prestigious jobs to do for her: “Spent the day organising on my own, ‘US‘, in the afternoon: at the cobbler’s with one of Mosler’s shoes.”[63]

Come summer 1944, the contrast between tranquil country life and military and political events became particularly palpable: As the weather improved, the work of the library and the Institute increasingly shifted to the terrace and conservatory of the manor house, the women created opulent flower bouquets, and every evening one would go on walks through nature, “where the moon shines deep and almost reddish-golden between the poplars, as in a fairy tale.”[64] One heard of world events, happening far away, via the radio, but they were mostly ignored.[65] From July 1944 onwards, the situation got more serious, even at Kleisthöhe Manor, as a result of the failed assassination of the Führer, and the tranquillity was endangered for the first time. The Institute staff heard of the assassination attempt on the radio, but it took a while for them to learn that, with Berthold von Stauffenberg, a colleague of theirs had been involved:

“One is very preoccupied with political events; more and more, we are being driven into a corner. On top of all that, yesterday, there was the serious assassination attempt on the Führer at the Führer Headquarters, in which he suffered injuries (supposedly of the face) and many of those close to him were killed. Then, today, we hear that the perpetrator was an Oberst Graf von Stauffenberg (a brother of our Berthold?)[.] Great upset at the Institute because of this.” [66]

For a long time, the Institute staff knew nothing about Stauffenberg’s fate. On 24 July 1944, Schulz wrote:

“The assassination thing is on our minds constantly. We all fear that our Graf Berthold Schenk von Stauffenberg and his family are no longer alive; the matter could have dire consequences for the Institute. Mrs Hähn told us all sorts of concerning things […] – I am now extremely worried that the transports to Züsedom will no longer be able to happen.”

The staff grew increasingly concerned that the “end of the Institute” through termination for political reasons was imminent.[67] On 27 July 1944, Schulz noted:

“Early in the morning, while darning [socks], we listen to Goebbels’ speech once again. Description of the exact facts of the assassination attempt; consequence: examination of the relevance to the war effort of all institutions; the men to the front, the women to the arms industry. Deeply affected by the speech, we continue to sort our ‘Italy‘ in the attic. Nevertheless, we sleep soundly after dinner.”

On 9 August, the Institute’s staff learned from the radio “that those involved in the assassination attempt on the Führer on 20 July will be hanged”. After that, Stauffenberg is never mentioned again in Schulz’s diary. Instead, she reports on the staff’s concern that, with the war situation worsening, a “10-hour workday” including a ban on time off could be introduced at the Institute.[68]

‘Bridge with the Bismarcks in the evening.’ Züsedom Manor August 1944 to March 1945

Züsedom Manor, before 1945 [69]

In August 1944, as the systematic and alphabetical catalogues, without which the library’s book collection could not be used, were moved to Züsedom, Annelore Schulz was transferred there along with them, and on her own. In Züsedom, she was welcomed almost like a “daughter of the house”[70] by the von Arnim family, who owned the manor. Schulz dined with the family (“And I find myself arriving late to dinner! I missed the first gong. A terrible embarrassment!”[71]), was invited to tea by the Lady of the house, Hermine von Arnim (“How helpful one’s upbringing is, everywhere”[72]), and spent the evenings playing cards, chess, or bridge with the family in the billiard room for hours on end. Every night, one listened to the Wehrmachtsbericht (Wehrmacht communiqué) on the radio, which was eating away at the countryside tranquillity more and more every day:

“We listen to the Wehrmacht communiqué together and are very depressed about the large swaths of East Prussia already in the hands of the enemy, as well as the area near Aachen. In the evening, we sit together comfortably in my room, having a cup of tea.”[73]

As October 1944 approached, work began on the activity report for the board of trustees, and Schulz had to coordinate book orders between Berlin and Kleisthöhe and check references over the telephone.[74] In November 1944, Curt Blass ordered her to travel to Dresden to search for scholarly literature in various antiquarian bookshops.[75] While out West, Allied forces had set foot on German soil and the “Battle of Aachen” had begun, in Züsedom, one was weaving Advent wreaths and celebrated the 59th birthday of the Lord of the Manor on 25 November with a “gala evening with red wine”.[76] Things remained quite cosy until the second Advent Sunday. Schulz accompanied the Arnim family to the village church service (hearing a sermon on “possessiveness during Advent”): “Then we have such nice time among the family, during the afternoon and evening, first playing bridge, then singing and knitting in the evening.”[77] On 13 December, there was a “crisis meeting” of all “relocated” Institute employees at Kleisthöhe Manor, at which, for the first time, the possibility of a “worst case” for the Institute was discussed. Apart from that, the Institute had another peaceful Christmas season.

Things remained quiet in Züsedom well into January 1945. The landowner family organized a large hunt, as had been customary for centuries, and one continued to spend the evenings siting together sharing “pleasant and amusing stories until 10 p.m.” and placed high hopes on the German “Western Offensive”. But the more serious and hopeless the military situation got, the more one took refuge in a kind of parallel universe. For Annelore Schulz, the beginning of the Russian offensive in East Prussia on 12 January 1945 was completely overshadowed by a scandal at the Institute: a 44-year-old colleague had fallen pregnant out of wedlock, “but for some reason the man does not want to marry her”. On 20 January, Schulz notes:

“Slept wonderfully and long. I am very preoccupied with thoughts of a good life and a satisfying career. I have grown old at the Institute – even the longing for marriage and children torments me. All kinds of correspondence to deal with […]. Spent; bridge in the evening.”

21 January 1945 was the last “normal” Sunday at Züsedom Manor. Annelore Schulz read the classical German children’s book Struwwelpeter to the Arnim children, knitted together with Mrs von Arnim, and the family played bridge. But: “News from the army hit us like a blow: Insterburg has fallen, and in Upper Silesia the Russians seem to have reached the border. What will happen?”

Two days later, the first 29 refugees from East Prussia reached the village. The mood in the manor house grew increasingly neurotic. On 28 January, Annelore Schulz and the Arnims played bridge late into the night, for a total of six hours, “to calm the nerves”.[78] On 29 January, Schulz expressed thoughts of fleeing for the first time:

“A terrible restlessness has taken hold of us. After dinner, we packed up books and letters, at 5 p.m. , we listened to the army report, which contained nothing new. Did some knitting, trembling with nervousness – in the evening, we played bridge and opened a bottle of Samos [sweet wine] with Miss Fischenbeck to calm our nerves.”

On 1 February, Curt Blass left it to the staff to decide whether they wanted to “close down the branch in Züsedom and return to Berlin”, which hardly seemed an attractive option, given the military situation. On 2 February, Hermann Mosler made one last trip in official capacity from Berlin to Kleisthöhe, to try and reassure the Institute’s staff. On 4 February, news of the destruction of Berlin Palace reached Züsedom: “Terrible daytime attack on the [Berlin] city centre, the palace is burning”. Just four days later, the hostilities finally became palpable in Züsedom as well: “Played bridge in the evening, terrible attack that went on until 9 p.m. – apparently [on] Stettin, the house is shaking from 2 bombs. 11 p.m., the second attack, we sit together by a petroleum lamp.”[79] The following day, 9 February 1945, a trek of 300 people reached Züsedom. There were now a total of 1,200 refugees in the village of formerly 300 inhabitants. 85 people were housed in the castle, mainly landowning families that were related to or friends with the von Arnims (von Loepers, von Bismarcks, von Rosenbergs).[80] The Institute carried on its work, insofar as it was possible. Schulz continued to process incoming official mail and document book holdings in the catalogue, but above all, one continued to manically play bridge:

“11 a.m.: church, Pastor Kindler is speaking with great emotion again. We sing the beautiful songs from the Thirty Years’ War: “He Who Allows Dear God to Rule”, “Commit Thy Way” – and finally “Wait on God, and Trust Him”, even Mr von Arnim is quietly wiping away a tear. After lunch, I lie in bed; in the afternoon, I show Mr von Bismark around the library which he is very interested in; in the evening, we play bridge, also with the Bismarcks.” [81]

Curt Blass was torn between resignation and duty in Berlin, feeling “the tremendous, dull tension of what is to come”[82], while his son Heinrich desperately tried to convince him to leave Berlin for Switzerland to join his wife – “Of course, that’s not possible, because the motto is: ‘Everyone stays at their post!’ and it is enforced with executions.”[83]

On 26 February 1945, Schulz managed to make a phone call to Berlin, “where, according to Dr Blass, […] hell is breaking loose with attacks.” Nevertheless, the next day, there was a spark of hope again: “The offensive in the West is in full swing and successful.” Meanwhile, 600 people were camping on the estate grounds. On 27 February, postal connections to Berlin were cut off for several days, and desperate attempts to telephone into Berlin were unsuccessful (“Bridge in the evening – I still can’t reach Dr Mosler”).

By 5 March, the situation was so serious that one could not even play bridge anymore: “We are all deeply affected by the news that Eastern Pomerania has been surrounded […]. Mrs von Arnim now agrees that it can only be a matter of days.” Two days later, on 7 March 1945, “one of General von Hippel’s Luftwaffe officers arrives as quartermaster. They need at least 30 rooms, and so my books must go. – Bridge in the evening.”

On 9 March, Annelore Schulz finally decided to flee Züsedom, “the situation is escalating, the Russians are shelling Stettin”. Hours were spent ironing, packing and finishing up the last official mail to Curt Blass. At night, Schulz boarded a Wehrmacht truck which took her to Halle an der Saale from where she travelled by train via Dessau to Baasdorf in Saxony-Anhalt, where she was able to find accommodation at the estate of acquaintances of hers on 10 March. In the following days, Schulz was joint by her foster mother, who brought along her domestic staff, and other relatives. On 19 March, she received the first batch of private and official mail forwarded from Züsedom (“Did I leave Züsedom too early?”). On 22 March, she wrote to Curt Blass asking for “his orders”, which were long in coming.

Meanwhile, Blass, who, since Berlin Palace had been destroyed, was keeping the Institute going at the villa of the late Viktor Bruns in Zehlendorf, was withdrawing into a kind of parallel universe of his own in his house on Schlachtensee, as he wrote on 15 March 1945:

“And what else is there to do at this time? Everything has the underhanded character of being only temporary, of “pretending”, of “as if”, a certain inner incredibility or at least doubtfulness. This also applies to my reading, if I get around to it at all. But still, sometimes these hours are almost pleasant: The evening attack has passed, it has been survived, and the light is still on, a good bottle from Uncle Viktor’s [Viktor Bruns] cellar is standing next to it (I am allowed to help myself to the wine he left, ere it goes to waste), […] yes, sometimes, over a good book, one can forget what is all around and what lies ahead. At most, one is suddenly wondering how it can be that things are still like this – oh, that abominable ‘still’. It spoils everything.” [84]

His reply to Annelore Schulz, who was sitting on pins and needles in Baasdorf (“What is Dr Blass going to say?”’[85]) and, on 30 March, considered returning to Züsedom or even going to Berlin, took until 31 March 1945 to arrive:

“A very exciting letter from Dr Blass: he agrees with my actions [unauthorised absence from post] and is giving me leave to stay here until further notice – even my salary is to be forwarded to me! […] All this news is so thrilling, I am too happy to write anything. – However, Puttchen [Ellinor von Puttkamer] is now the only one at the relocation site – Mosler in the Rhineland, Miss von Engel in Heidelberg. In the afternoon, I am feeling the Easter spirit while I am in the garden, arranging the flowers for the holiday.”

On 3 April 1945, Schulz wrote a final letter to Curt Blass; it is not known whether it ever arrived.

The Institute After the End of the War in 1945

For Annelore Schulz, the war ended on 15 April 1945, when American troops occupied Baasdorf without bloodshed. Curt Blass had managed to leave Germany for Zurich to join his wife on 13 April. The Institute’s operations, which ultimately only consisted merely of organising and rearranging books, continued in Zehlendorf until 23 April 1945 – carried out by the last two remaining employees, research fellow Joachim-Dieter Bloch and librarian Cornelia Bruns.[86] On 24 April, Zehlendorf was taken by Soviet troops without much of a fight. And as early as 27 April 1945, Cornelia Bruns and Dorothea von Rehekampff resumed “operations” with unmatched dedication:

“This morning, Miss von Rehekampff and I went to the Institute and witnessed a scene of devastation! – the worst part was the basement […] and the dining room, where the large seat chest and all the drawers and cupboards had been ransacked and thrown onto the floor – in Viktor’s room, some of his desk drawers as well […]. I dictated the letter to the Kommandatura to Miss von Rehekampff, in order to get our typewriters registered (as ordered in the city commandant’s order posted everywhere).” [87]

While the Institute was on the verge of collapse, Curt Blass had retreated to the comfortable city of Zurich and Annelore Schulz had fled to a manor house in Baasdorf, where she was admiring the “adornments of violets and forsythias”[88] in the garden, on 1 May 1945, just a few kilometres away in Potsdam, a 20-year-old private was taken into Soviet captivity, which he would barely survive. In Egypt, another young soldier had already been kept in a prisoner-of-war camp for two years at that point. These men, Rudolf Bernhardt and Karl Doehring, were to take over the directorship of the Institute in 1970 and 1981, respectively. For both of them, the experience of war and captivity had a lasting impact on their lives,[89] although they dealt with it in very different ways.

The Second World War and Germany’s defeat also marked a significant turning point for the KWI staff. Apart from the execution of Berthold von Stauffenberg, all other members of the Institute had survived the war, with the exception of Joachim-Dieter Bloch, who was tragically shot by Soviet troops during the liberation of Berlin, and Ferdinand Schlüter, who was killed in action as a soldier.[90] The material damage to the Institute was considerable, however. The books that had not been evacuated fell victim to the destruction of Berlin Palace. Kleisthöhe Manor also burned down in the last days of the war – along with almost 87,000 relocated books. Züsedom Manor had been ravaged, but was still standing, along with the 50,000 books stored there, but they were in grave danger. Its owners, like those of Kleisthöhe Manor, had been expropriated and their land collectivised. Hans-Karl von Arnim had committed suicide on 29 April 1945, and his wife had fled to the West. The former Lady of Kleisthöhe Manor, Margarete von Mörner, was now homeless and reduced to working odd jobs and living in a farm cabin.[91] Numerous refugee families were housed in Züsedom Manor where, due to the precarious conditions, they burned the books for heating. In March 1946, however, Annelore Schulz and executive secretary Ellinor Greinert embarked on a mission to retrieve the books from the Soviet occupation zone, thus laying the foundation for the re-establishment of the Institute.

***

The author would like to thank Sarah Gebel, Alexandra Kemmerer, Johannes Mikuteit, Karin Oellers-Frahm, and Joachim Schwietzke for their helpful annotations to the text.

[1] Armin von Bogdandy, Philipp Glahé, Two Defeats in Two World Wars as a Red Thread in the Institute’s History, MPIL100.de.

[2] Stefan Oeter, The KWI’s Expert Opinions on the Law of War for the National Socialist Foreign Office, the Abwehr, and the Wehrmacht, MPIL100.de; furthermore: Raphael Schäfer, Humanity as a Non-Principle. Reflections on Ernst Martin Schmitz’s 1938 Lecture on the Law of War, MPIL100.de und Rüdiger Hachtmann, The Kaiser Wilhelm Institute for Comparative Public Law and International Law 1924 to 1945, MPIL100.de.

[3] Notable exceptions are Karl Doehring’s autobiography and Rudolf Bernhardts diary of his time as a Soviet prisoner of war: Karl Doehring, Von der Weimarer Republik zur Europäischen Union. Erinnerungen, Berlin: wjs 2008, 71–114; Rudolf Bernhardt, Tagebuchaufzeichnungen aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft 1945–1947, edited by Christoph Bernhardt, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2024; Helmut Philipp Aust, Von Moskau über Heidelberg nach Straßburg. Verbindungslinien im Leben und Werk Rudolf Bernhardts?, MPIL100.de.

[4] Cf.: Karin Oellers-Frahm, Cornelia Bruns. A Well-Deserved, Albeit Belated, Tribute, MPIL100.de and Joachim Schwietzke, Bibliothekar der ersten Stunde: Curt Blass, MPIL100.de.

[5] Annelore Schulz, Die Rückführung unserer Institutsbibliothek aus der Uckermark nach Berlin-Dahlem 1946 nach meinen Tagebuchnotizen (1966). This report on the return of the Institute library to Berlin will be published on this blog shortly.

[6] The author would like to thank Dr Christiane Caemmerer, Susanne Cordahi, and Daniela Landau for providing these materials.

[7] Memorabilia Curt Blass 1936 to 1940 and correspondence between Curt and Ulrich Blass, January to March 1945, transcription by Ulrich Blass 2001, Private Archive of the Blass/Landau family; diary entries of Viktor Bruns’ wife Marie from the time before 1939 have survived in part: Rainer Noltenius (ed.), Mit einem Mann möchte ich nicht tauschen. Ein Zeitgemälde in Tagebüchern und Briefen der Marie Bruns-Bode (1885–1952), Berlin: Gebr. Mann Verlag 2018; furthermore: Marie Bruns, A “Completely Unexpected Joy”. Impressions from the Time of the Institute’s Founding 1924-1926, MPIL100.de.

[8] Photo: Mirko Lux.

[9] Cornelia Bruns, diary letter 25 April – 10 June 1945, transcription by Susanne Cordahi, Private Archive of the Cordahi family.

[10] VI. Abt., Rep. 1, Nr. KWIauslöffRechtuVölkerrecht III/30, AMPG.

[11] The arrest of Institute employee Wilhelm Wengler by the Gestapo in February 1944 and his subsequent dismissal are not mentioned in the diary, however. Similarly, there is no discussion of National Socialism in Rudolf Bernhardt’s 1948 report on his captivity as a prisoner of war, which describes the living conditions in the Soviet camps in great detail but hardly reflects on the author’s previous life and views: Bernhardt (fn. 3).

[12] Photo: MPIL.

[13] Curt Blass, diary entry of 15 May 1940.

[14] Due to the compilatory nature of the materials, the diary is only partially accessible. In his compilation, produced originally for familial use, Ulrich Blass notes that he focused on his father’s discussions of current political events and did not transcribe passages on other topics, especially those related to the Institute: Ulrich Blass (fn. 7), 9.

[15] Curt Blass, diary entry of 29 September 1938.

[16] Curt Blass, diary entry of 28 September 1938.

[17] Curt Blass, diary entry of 30 September 1938.

[18] Curt Blass, diary entry of 13 November 1938.

[19] Hans-Joachim von Merkatz (1905–1982) was a research fellow at the KWI from 1935 to 1938. He later went on to be Federal Minister of Justice between 1956 to 1957.

[20] Curt Blass, diary entry of 14 November 1938.

[21] Curt Blass, diary entry of 1 September 1939.

[22] Curt Blass, diary entry of 3 September 1939.

[23] Curt Blass, diary entry of 4 September 1939.

[24] VI. Abt., Rep. 1, Nr. KWIauslöffRechtuVölkerrecht III/43, AMPG.

[25] Curt Blass, diary entry of 24 December 1939.

[26] Curt Blass, diary entry of 30 December 1939.

[27] Curt Blass, diary entry of 15 May 1940.

[28] Curt Blass, diary entry of 15 May 1940.

[29] Cf.: Hachtmann (fn. 2).

[30] Photo: Mirko Lux.

[31] There were also two small additional storage locations in Neuensund (Uckermark) and Blücherhof (Mecklenburg).

[32] VI. Abt., Rep. 1, Nr. KWIauslöffRechtuVölkerrecht III/8, AMPG.

[33] “There, at the town hall, the siren is sounding – one hurries around the castle, meets the entire staff in the air-raid shelter and gets to talking, which helps pass the long alarm. Fresh, lively and enthusiastic talk all around, only Dr Blass and Miss Bruns are somewhat shaky due to the lack of freedom [in the air-raid shelter]”: Annelore Schulz, diary entry of 12 September 1944.

[34] Annelore Schulz, diary entry of 10 February 1944. To improve readability, the numerous abbreviations used by Annelore Schulz have been spelled out in the transcription and the spelling has been carefully standardised.

[35] Annelore Schulz, diary entry of 5 November 1944. Annelore Schulz war not the only Institute employee who had homosexual relations or evaded traditional gender roles in this regard. Georg von Gretschaninow’s homosexuality was known and tolerated at the Institute as well. Furthermore, Berthold von Stauffenberg, as a member, and Helmut Strebel, as a sympathiser, of the George Circle, were in contact with the Georgian tradition of the aestheticization (and, in the case of Strebel, perhaps also practice) of male homosexuality, see on this: Philipp Glahé, The Long Shadow of Stefan George. The Stauffenberg Bust at the Institute, MPIL100.de.

[36] For example, on 7 January 1944, Eugen d’Albert’s opera Tiefland at the Staatsoper Unter den Linden (Berlin State Opera), where they had front row seats.

[37] “At 11 a.m., Dr Blass and I are going to the symphony concert. I am very pleased he invited me. Prof. Makarov is also joining us […] to go to the State Opera – after all, the Philharmonic Hall burned down on the 30th. We will hear: Concerto grosso in D minor by Händel, Symphony in E flat major by Mozart (absolutely wonderful) and, for the third time now, Beethoven’s Symphony No. 5 in E minor conducted by Furtwängler”: Annelore Schulz, diary entry of 8 February 1944.

[38] VI. Abt., Rep. 1, Nr. KWIauslöffRechtuVölkerrecht III/46, AMPG.

[39] Annelore Schulz, diary entry of 15 February 1944; there was also great solidarity among the female staff: “I arrived at Berlin Palace on the verge of tears. Lovely Mrs Kühl [?] comforted me on the way. […] Miss von Rehekampff assists me with my second breakfast (I get strength from food instead of sleep) and comforts me so kindly, full of helpfulness. How soothing the warmth is! –  Finished another book for Dr Blass, who, I believe, is pleased that I am still doing my duties.”: Annelore Schulz, diary entry of 18 February 1944.

[40] “leaving Berlin Palace with a heavy heart”: Annelore Schulz, diary entries of 6 March 1944, 15 January 1945.

[41] Annelore Schulz, diary entries of 26 June 1944, 28 June 1944.

[42] Photo: presumably Annelore Schulz.

[43] Alexander N. Makarov, [Obituary for] Nicolai von Martens, HJIL13 (1950/51), 19–20, 19.

[44] Annelore Schulz, diary entry of 3 July 1944.

[45] Annelore Schulz, diary entry of 3 July 1944.

[46] Annelore Schulz, diary entry of 9 March 1944.

[47] Annelore Schulz, diary entry of 12 March 1944.

[48] Annelore Schulz, diary entry of 12 March 1944.

[49] Annelore Schulz, diary entries of 16 May 1944, 18 May 1944, 24 May 1944.

[50] Annelore Schulz, diary entry of 17 July 1944.

[51] Annelore Schulz, diary entry of 4 July 1944.

[52] Annelore Schulz, diary entries of 23 April 1944, 25 April 1944.

[53] Annelore Schulz, diary entry of 20 June 1944; Curt Blass, Innere Melodie. Gedichte, Zurich: Schulthess 1944.

[54] VI. Abt., Rep. 1, Nr. KWIauslöffRechtuVölkerrecht III/33, AMPG.

[55] Annelore Schulz, diary entry of 21 May 1944.

[56] Annelore Schulz, diary entry of 9 June 1944.

[57] Annelore Schulz, diary entry of 12 July 1944.

[58] Annelore Schulz, diary entry of 13 December 1944.

[59] Annelore Schulz, diary entry of 18 June 1944.

[60] VI. Abt., Rep. 1, Nr. KWIauslöffRechtuVölkerrecht III/52, APMG.

[61] Annelore Schulz, diary entry of 13 December 1944.

[62] Annelore Schulz, diary entry of 6 October 1944, 2 December 1944.

[63] Annelore Schulz, diary entry of 12 July 1944.

[64] Annelore Schulz, diary entry of 7 July 1944.

[65] Annelore Schulz, diary entry of 6 June 1944.

[66] Annelore Schulz, diary entry of 21 July 1944.

[67] Annelore Schulz, diary entry of 26 July 1944.

[68] Most members of the Institute went on holiday more or less like normal, e.g. Georg von Gretschaninow to Bad Kissingen or Sidonie von Engel to Garmisch-Partenkirchen.

[69] Photo: presumably Annelore Schulz.

[70] Annelore Schulz, diary entry of 19 November 1944.

[71] Annelore Schulz, diary entry of 5 September 1944.

[72] Annelore Schulz, diary entry of 1 October 1944.

[73] Annelore Schulz, diary entry of 23 October 1944.

[74] Annelore Schulz, diary entry of 29 September 1944.

[75] Annelore Schulz, diary entry of 9 November 1944.

[76] Annelore Schulz, diary entry of 25 November 1944.

[77] Annelore Schulz, diary entry of 10 December 1944.

[78] Hermine von Arnim also recalls the bridge excesses in an autobiographical account: “Every night we played bridge […], finished the good wine and thanked God for every day under our own roof”: Hermine von Arnim, Züsedom, in: Von Arnim’scher Familienverband e. V. (ed.), Beiträge zur Geschichte des Geschlechts von Arnim, Vol 1., 1957, 425–440, 437.

[79] Annelore Schulz, diary entry of 8 February 1945.

[80] Annelore Schulz, diary entry of 9 February 1945, 10 February 1945.

[81] Annelore Schulz, diary entry of 25 February 1945.

[82] Letter from Curt Blass to Ulrich Blass (fn. 7), dated 28 January 1945.

[83] Letter from Curt Blass to Ulrich Blass (fn. 7), dated 10 February 1945.

[84] Letter from Curt Blass to Ulrich Blass (fn. 7), dated 15 March 1945.

[85] Annelore Schulz, diary entry of 27 March 1945.

[86] Annelore Schulz, diary entry of 25 April 1945.

[87] Cornelia Bruns, diary letter 25 April – 10 June 1945 (fn. 9).

[88] Annelore Schulz, diary entry of 25 March 1945.

[89] Cf. fn. 3.

[90] Max Bloch, Dr. Joachim-Dieter Bloch (1906–1945). Ein Juristenleben am Kaiser-Wilhelm-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht, HJIL 74 (2014), 873–878, 877.

[91] Cf. Annelore Schulz, Die Rückführung unserer Institutsbibliothek (fn. 5).

Eine Frage der Klasse. Die Sekretärinnen des Instituts 1924–1997

A Question of Class. The Institute’s Secretaries 1924–1997

Deutsch

2023 erschien Birgit Kolboskes Studie Hierarchien. Das Unbehagen der Geschlechter mit dem Harnack-Prinzip, entstanden innerhalb des Forschungsprogrammes „Geschichte der Max-Planck-Gesellschaft“.[1] Kolboske untersucht darin die „Rolle der Frau“ in der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) für den Zeitraum von 1948 bis 1998. Hierbei nimmt sie zwei Personengruppen in den Blick: die Wissenschaftlerinnen und die Sekretärinnen. Letztere stellen die historisch größte weibliche Berufsgruppe der Forschungsgemeinschaft dar, darüber hinaus steht das Berufsbild der Sekretärin für Kolboske „exemplarisch für Geschlechterhierarchie“ und könne als „Inbegriff eines traditionalen Herrschaftsverhältnisses“ innerhalb der MPG aufgefasst werden.[2] Während die Forscherinnen zunehmend im Blick des wissenschaftshistorischen Interesses stehen, ist, um mit Kolboske zu sprechen, die „Arbeitssituation des nichtwissenschaftlichen Personals in der deutschen Forschungslandschaft […] bislang weitgehend eine Terra incognita.“[3]

In Auseinandersetzung mit Kolboskes Studie möchte dieser Blogbeitrag die Situation der Sekretärinnen des Berliner Kaiser-Wilhelm-Instituts für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht (KWI) untersuchen und zudem einen Blick auf das nicht-wissenschaftliche weibliche Personal am Heidelberger MPIL bis in die 1990er Jahre wagen. Dies geschieht anhand von Personalakten von 21 weiblichen Angestellten für die Jahre von 1939 bis 1943 und persönlichen Zeugnissen. Da sich Kolboskes Studie auf die Max-Planck-Gesellschaft beschränkt und die Kontinuitäten aus der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft weitgehend außer Acht lässt, können die für das KWI für Völkerrecht überlieferten Dokumente nicht nur neue Einsichten in die Sozial- und Bildungsgeschichte des weiblichen technischen Personals und in die weibliche Selbstwahrnehmung an diesem Institut vermitteln, sondern auch mikrohistorische Einsichten von exemplarischer Bedeutung für die Wissenschaftsgeschichte der KWG/MPG insgesamt erschließen.[4] Hierbei soll insbesondere der Frage nachgegangen werden, ob das, was Kolboske als „archaische, genderbasierte Top-down Struktur“[5], die das Geschlechterverhältnis in der MPG charakterisiert habe, in gleicher Weise für die Frauen des Völkerrechtsinstituts galt.

„Ein gewisser gesellschaftlicher Dünkel“. Das weibliche Personal am KWI

„Gemeinsamer Sonnabend“ der Institutsmitarbeiterinnen, September 1933: stehend: Kätchen Rommert, Cornelia Bruns, Luise Grubener, Irmgard von Lepel, unbekannt, Gertrud Heldendrung; sitzend: Angèle Auburtin und Annelore Schulz (v.l.n.r.)[6]

Birgit Kolboske bezeichnet das Berufsfeld der Sekretärin in ihrer Studie als „berufliche Sackgasse“, die von „Monotonie und Alltag“, mangelnder Anerkennung, fehlenden Aufstiegschancen und repetitiver Schreibarbeit geprägt gewesen sei.[7] „Sie bleiben im Großbetrieb, was sie in der Familie waren, Objekte“, zitiert sie Theodor Adorno.[8] Und in der Tat hatte das Berufsfeld der Sekretärin im Zuge der Industrialisierung und Professionalisierung des Büro- und Verwaltungswesens stark expandiert. Da technisch-administrative Büroarbeiten wie Stenografieren und Schreibmaschineschreiben als typische „Frauenberufe“ galten, hatte sich die Zahl weiblicher Angestellter allein im kaufmännischen Bereich zwischen 1907 und 1925 verdreifacht, es kam zu einem regelrechten „Sekretärinnenboom“.[9] Der Beruf der „Sekretärin“ war bis 1941 jedoch kaum reguliert, es gab keine standardisierte Ausbildung. Die nötigen Fähigkeiten wurden zumeist in privaten Schulen oder Abendkursen vermittelt.[10] Auch wenn Kolboskes Studie die berufliche Situation des weiblichen technischen Personals in der KWG leider nicht untersucht, lassen die Dokumente für das KWI für Völkerrecht darauf schließen, dass die oben skizzierte „berufliche Sackgasse“ für das Institut nicht galt. Vor allem die gute Ausbildung und die soziale Herkunft des weiblichen Personals lassen das Institut als einen privilegierten Arbeitsort mit ungewöhnlichen Freiräumen erscheinen.

Über die Zusammensetzung des (männlichen) wissenschaftlichen Personals am KWI für Völkerrecht schrieb Ingo Hueck, diese sei „vergleichbar mit der am Auswärtigen Amt: Adlige Herkunft, bürgerliche Tradition und ein gewisser gesellschaftlicher Dünkel dominierten.“[11] Entsprechend dem restriktiven Zugang zu universitärer Bildung Anfang des 20. Jahrhunderts und den hohen fachlichen und fremdsprachlichen Anforderungen, die die Arbeit am Institut stellte, gehörten die Wissenschaftler des KWI den gehobenen Kreisen der Gesellschaft an.[12] Gründungsdirektor Viktor Bruns, der aus dem schwäbischen Großbürgertum stammte, bevorzugte in seiner Personalpolitik einerseits bewusst Männer, die seinem eigenen Herkunftsprofil entsprachen. Andererseits führten der Mangel an kompetentem Personal und der politische Druck, unter dem das KWI als Rechtsberatungseinrichtung für die Reichsregierung in der Auseinandersetzung um die Folgen des Versailler Vertrages stand, zu unkonventionellen Personalentscheidungen. So holte Bruns auch Männer mit in seinem Milieu als wenig gesellschaftsfähig angesehenen politischen Haltungen (Sozialdemokraten wie Hermann Heller oder später Carlo Schmid) oder Frauen als Wissenschaftlerinnen in sein Institut, sogar wenn sie wie Marguerite Wolff, Dorothea von Renvers oder Ellinor von Puttkamer (und zunächst auch Angèle Auburtin) über keine formell abgeschlossene juristische Ausbildung verfügten. Auch wenn in den ersten 20 Jahren des Instituts insgesamt fünf Frauen als Wissenschaftlerinnen arbeiteten, war der weitaus überwiegende Teil des weiblichen Personals im nicht-wissenschaftlichen technischen Bereich tätig.[13] Dennoch gelten auch für sie viele der für das männliche Personal gemachten Feststellungen hinsichtlich der sozialen Herkunft, des Ausbildungsgrades und des Bewusstseins für die „deutsche Sache“, die ein gemeinsam geteiltes, elitäres wissenschaftliches und soziales Standesbewusstsein schufen.

In den historischen Dokumentenbeständen des heutigen Max-Planck-Instituts wurden Stammkarten von 21 weiblichen Angestellten für den Zeitraum 1939 bis 1943 überliefert, hinzu kommen die Personalakten von neun Frauen, die zwischen 1936 und 1942 im Institut als Sekretärinnen tätig waren.[14] Trotz ihrer kriegsbedingten Unvollständigkeit geben die Unterlagen einen tieferen Einblick in die Sozial- und Bildungsgeschichte der Frauen des KWI. Einige Akten enthalten detaillierte Lebensläufe und „Ariernachweise“, die die „rassische“, aber auch soziale Herkunft der Familien bis zur Großelterngeneration dokumentieren. In den Personalakten werden zwischen 1939 und 1943 zwei Frauen als Wissenschaftlerinnen geführt, Angèle Auburtin als Referentin und Ellinor von Puttkamer als wissenschaftliche Assistentin (Doktorandin). Die angegebenen Berufe der Frauen des nichtwissenschaftlichen Bereichs sind Sekretärin (13)[15], Stenotypistin (3)[16] und Bibliothekarin (2).[17] Die in den Stammkarten aufgeführten Berufsbezeichnungen spiegeln jedoch nur bedingt die genaue Tätigkeit der Frauen wider, da sie oftmals nicht trennscharf verwendet werden beziehungsweise mehrfache und wechselnde Bezeichnungen vorkommen.[18] Das Monatsgehalt der Sekretärinnen lag zwischen 320 RM und 510 RM (Direktionssekretärin), ein Referent oder eine Referentin verdiente, je nach Erfahrungsstufe, zwischen 500 RM und 800 RM. Da das monatliche Durchschnittsgehalt 1940 bei knapp 180 RM lag, kann man die Bezahlung der Sekretärinnen als überdurchschnittlich ansehen.[19]

Ironie oder Feudalismus? Die Mitarbeiterinnen Lise Rapp, Annelore Schulz und Gertrud Heldendrung führen 1935 anlässlich des 50. Geburtstages von Viktor und Marie Bruns einen Einakter im Biedermeierzimmer der Villa Bruns auf.[20]

Betrachtet man die Altersverteilung der Frauen am Institut, so fällt auf, dass diese recht homogen ist: Sieben Frauen waren zwischen 1890 und 1899 geboren, zwölf zwischen 1903 und 1916, die beiden jüngsten 1918 und 1921. Die generationelle Struktur der weiblichen Beschäftigten spiegelt die gestiegenen Bildungs- und Arbeitsmarktchancen für Frauen wider. In den 1920er Jahren hatten sich der Zugang zur allgemeinen Hochschulreife wie auch zum universitären Studium für Frauen erweitert. Der Beruf der Sekretärin wurde in der Regel Frauen aus dem mittleren und unteren Bürgertum ergriffen.[21] Obwohl (verheiratete) Frauen des gehobenen Bürgertums aus Standesgründen eigentlich nicht arbeiteten, zwangen die wirtschaftlichen und demographischen Verwerfungen des Ersten Weltkriegs, unverheiratet gebliebene und gut ausgebildete Töchter aus „gutem Hause“, vermehrt für ihren Lebensunterhalt selbst aufzukommen.[22] Die 21 am KWI tätigen Frauen entstammten allesamt den obersten Schichten des Bürgertums (15) beziehungsweise dem Adel (6). Als Berufe der Väter wurden in den Personalakten angegeben: Architekt, Geheimer Rat, Gutsbesitzer, Justizverwaltungsrat, Kaufmann, Lehrer, Ministerialdirektor, Oberingenieur, Organist sowie Rechtsanwalt und Notar.[23]

Nach dem Dienstende am Portal des Berliner Schlosses: Jutta Selling, Unbekannt, Annelore Schulz, Zowe-Behring, Gertrud Heldendrung (v.l.n.r.), Aufnahme 1931[24]

Die eigene Erwerbsarbeit erfolgte jedoch nicht ausschließlich aus Geldnot, sondern schuf finanzielle und soziale Unabhängigkeit, die – zumal in Berlin – nicht selten im Idealbild der „neuen Frau“ kulminierte. Dies mag ein Erklärungsansatz dafür sein, dass 17 der 21 am KWI beschäftigten Frauen ledig waren, zwei geschieden (eine von ihnen alleinerziehend und später Mutter eines zweiten, unehelichen Kindes) und lediglich zwei verheiratet, von denen eine das Institut nach der Eheschließung verließ. Dass das Institut beziehungsweise Berlin als Arbeitsort eine emanzipatorische Wirkung und Anziehung hatten, wird dadurch angedeutet, dass knapp die Hälfte der Frauen aus der ostdeutschen Peripherie stammten (Posen, Schlesien, Pommern, Ostpreußen: 8) beziehungsweise Baltendeutsche (3) waren, was oft mit Mehrsprachigkeit (Russisch/Polnisch/Deutsch) einherging.[25] Ohnehin waren die Fremdsprachenkenntnisse sehr gut, da fließende Beherrschung von Französisch und Englisch Grundvoraussetzung für die Beschäftigung am Institut war. Zwei Frauen waren des Spanischen mächtig (eine der beiden, Irene Hähn, hatte als Verwaltungssekretärin und Buchhalterin drei Jahre in Madrid, ein Jahr in Paris und ein Jahr in London gearbeitet), eine andere Sekretärin war Polnisch-Übersetzerin bei Ullstein gewesen. Die meisten Frauen hatten bereits Berufserfahrung, als sie sich am KWI bewarben. In Bezug auf Kompetenz und soziale Herkunft unterschied sich das weibliche Büropersonal des KWI somit deutlich vom Gros der Sekretärinnen gleicher Zeit.

Frauen und ihre Arbeit am KWI in Selbstzeugnissen

Haben Sie eigentlich gelesen, was Schopenhauer über die Weiber gesagt hat?“ „Ach, wissen Sie, wenn ein Mann so viel Worte machen muss, um seine Überlegenheit zu beweisen, ist das das beste Zeichen, dass er sich nicht ganz sicher fühlt.“[26

Greifbar wird das weibliche Selbstverständnis am Institut durch die vorwiegend von den Institutsmitarbeiterinnen angefertigte Spaßfestschrift von 1934.[27] Sie enthält Gedichte, Sketche und selbstgezeichnete Karikaturen, die das Institutsleben und seine Protagonistinnen und Protagonisten aus dezidiert weiblicher Perspektive schildern. Hierbei werden gleichermaßen zeitgeistgemäße geschlechterstereotype Rollenbilder und Hierarchien reproduziert wie auch satirisch hinterfragt. So wird beispielsweise von einer namentlich nicht genannten „Samariterin“ berichtet (vermutlich die Direktionssekretärin Ellinor Greinert), deren Aufopferungsbereitschaft gleichermaßen anerkennend wie ironisch zu Protokoll gegeben wird. Als Hüterin des Instituts-Arzneischrankes für sämtliche medizinischen Interventionen von Migräne bis Messerschnitte in den Finger zuständig, nimmt sie auf sich selbst keine Rücksicht, wenn es der Dienst am „hohen Chef“ (Viktor Bruns) verlangt. Als dieser kurz vor Antritt einer bedeutenden Auslandsreise am Bahnhof bemerkt, dass er seinen Reisepass vergessen hat, wird die „Samariterin“ im Institut

„telefonisch benachrichtigt, rast nach Zehlendorf [zu Bruns‘ Privathaus], um ihn zu holen. Da fehlt der Schlüssel zu der Glastür des Schreibtischschranks, hinter der er ruht! Ohne Besinnen und ungeachtet der damit verbundenen Lebensgefahr durchschlägt die tapfere Frau die Scheibe mit ihrer Hand, ergreift das Dokument und kann es gerade noch mit verbundener Hand in den abfahrenden Zug reichen!“[28]

Ebenfalls „typisch weibliches“ Sozialverhalten wie der „Hang zu herdenweisem Kaffeegenuss“ unter weiblichen Angestellten wird zum Gegenstand der ironischen Selbstbespiegelung oder die Widrigkeiten der „weiblichsten“ aller Bürotätigkeiten, dem Tippen:

Cornelia Bruns, Der Tippfehlerteufel [29]

Auch die Machtverhältnisse zwischen Chef und Sekretärin karikiert die Festschrift, wie der Cartoon „Das Gewitter“ zum Ausdruck bringt. Die mitunter eingeschränkten sozialen Fähigkeiten (Jähzorn, Ungeduld, Besserwisserei) bestimmter männlicher Führungskräfte (Asche Graf Mandelsloh, Herbert Kier) finden relativ unverblümten Eingang in die Festschrift.[30] Wenngleich auch männliche Institutsangehörige unter Hierarchien oder Charakterzügen von Vorgesetzten zu leiden hatten, sind kritische Äußerungen hierzu nur selten dokumentiert, da die beruflichen Abhängigkeiten und Loyalitäten in diesem Zusammenhang stärker gewesen sein mögen.[31]

„Das Gewitter“[32]

Neben den Beiträgen der Festschrift sind die Erinnerungen an die Frauen des KWI in Fotografien im Archiv der MPG überliefert. Die Bilder zeigen vor allem selbstbewusste junge Frauen, teils modisch im „Flapper“-Stil in gerade geschnittenen Kleidern, teils sogar mit Krawatte. Sie dokumentieren ausschließlich die weibliche Arbeits- und Lebenswelt am Institut und zeigen Sekretärinnen und Bibliothekarinnen an ihren Arbeitsplätzen im Berliner Schloss, beim Vorbereiten des Institutsmittagstisches, bei Betriebsausflügen, Feiern und Kaffeekränzchen. In auffälligem Gegensatz hierzu fehlt eine fotografische Dokumentation männlicher Arbeitswelt, die praktisch überhaupt nicht in Bildern überliefert ist.[33] Die Bilder aus KWI-Zeiten legen aufgrund ihres Gegenstandes und der aus ihnen sprechenden Intimität beziehungsweise Vertrautheit mit den Abgebildeten nahe, dass sie von einer Frau angefertigt worden sind. Zudem zeigt sich in der Institutsüberlieferung „nach innen“ eine „gegenderte“ Arbeitsteilung, die auch später für die Überlieferung des Institutslebens in Heidelberg von Bedeutung ist: Für Soziales waren (und sind) Frauen zuständig. Die Vorbereitung und Ausrichtung von nicht-wissenschaftsbezogenen Institutsfeierlichkeiten (Geburtstage, Jubiläen etc.) und deren Festhalten in Foto-Alben, Grußkarten und Rundbriefen war (und ist) „Damensache“.[34]

Sekretärinnen als „Brokerinnen“ zwischen Beruf und häuslicher Sphäre

„Typische“ Frauen-Arbeit: Hausmeister-Gattin Anna Kretschmer (links) mit Hilfskräften bei der Essenszubereitung, Aufnahme um 1935 [35]

Wenngleich es am Institut hierarchische und stellungsbezogene Unterschiede zwischen Männern und Frauen gab, wurden diese an vielen Stellen durch eine geteilte soziale Herkunft und gemeinsamen großbürgerlichen Habitus nivelliert. Gerade unter den weiblichen Beschäftigten gab es eine Art semi-privaten Raum, der zwischen Männern und Frauen bestehende berufliche Rangunterschiede gewissermaßen „transzendierte“. Aus dem Institutskontext lassen sich beispielsweise enge und teils freundschaftliche, Verhältnisse zwischen Viktor Bruns‘ Ehefrau und Töchtern mit einigen KWI-Mitarbeiterinnen rekonstruieren. Während die Bruns-Töchter vorwiegend mit gleichaltrigen jungen Frauen aus dem Institut verkehrten, um ins Theater oder in die Oper zu gehen[36], bestand die Verbindung zwischen den „Chef-Gattinnen“ (Marie Bruns oder Hanni Blass, der Frau des Bibliotheksdirektors) und einigen Institutsmitarbeiterinnen auf halb-beruflicher, halb-privater Ebene. Mitarbeiterinnen wie die Direktionssekretärin Ellinor Greinert oder die Bibliothekarin Annelore Schulz können quasi als „Brokerinnen“ zwischen Institut und häuslicher Sphäre der Direktorenfrauen betrachtet werden, welche am beruflichen Leben ihres Mannes teilhaben wollten und diesen Zugang nur durch dessen Angestellte erhalten konnten. Als „Zwischenwelt-Figur“ per se kann im Institutskontext Cornelia Bruns gelten, die als Cousine 3. Grades von Viktor Bruns als „Tante Cörnchen“ gleichermaßen zur Familie gehörte, und zugleich als Bibliothekarin im Institut arbeitete.

Ellinor Greinert, Zeichnung Marie Bruns, undatiert [37]

Insbesondere zwischen Marie Bruns und Ellinor Greinert existierte ein enges Verhältnis, das sich auf Freundschaft beider Frauen gründete, jedoch auch auf geteilte „Care-Arbeit“ für den herzkranken Viktor Bruns. Zeitweise lebte Ellinor Greinert auch mit Familie Bruns zusammen, da Viktor Bruns aufgrund seiner Herzprobleme zum Teil nur von zu Hause aus arbeiten konnte.[38] Die „Samariterin“ Greinert begleitete Bruns auch auf internationale Dienstreisen, wo sie für die Abwicklung seiner dienstlichen Korrespondenz und das nächtliche Reinschreiben seiner Plädoyers (auf Französisch) zuständig war und zugleich eine Art „Geheimkorrespondenz“ mit der in Berlin weilenden und um die Gesundheit ihres Mannes besorgte Ehefrau führte.[39]

„Ein echtes Handschuhsheimer Kind“. Weibliches Personal am Heidelberger MPI (1954-1997)

Brigitte Bopp/Moll, Sekretärin Vorzimmer Prof. Bernhardt, Dorothee Bender, Schreibdienst, Gerda Wallenwein und Hilde Vaupel, beide Verwaltung (v.l.n.r.) [40]

Mit der Neu- beziehungsweise Wiedergründung des Instituts in Heidelberg 1949 gingen starke Änderungen der Personalstruktur einher. Der Großteil der technischen (weiblichen) Belegschaft des alten KWI wurde nicht in das neue Institut übernommen. Mit den Kriegswirren und der unklaren (finanziellen) Situation der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, deren Fortführung bis 1948 unklar blieb, hatten sich die meisten Institutsangehörigen notgedrungen andere Tätigkeiten suchen müssen beziehungsweise waren von der KWG gekündigt worden. Zudem war das Institut seit der Zerstörung seiner Räumlichkeiten im Berliner Schloss 1945 auf verschiedene Standorte in Berlin und in Heidelberg, dem Wohnort des Nachfolgers Viktor Bruns‘ im Direktorenamt, Carl Bilfinger, verteilt. Bis 1960 existierte in Berlin eine Außenstelle des Instituts, während in Heidelberg 1954 ein neuer Hauptstandort gebaut worden war. In der kleinen Berliner Stelle blieb ein Teil der Belegschaft bis zu ihrer Auflösung weiterhin tätig (so die Bibliothekarinnen Annelore Schulz, Cornelia Bruns und die Sekretärin Gertrud Heldendrung). Ellinor Greinert wechselte als Direktionssekretärin nach Heidelberg, wo sie 1955 in den Ruhestand ging. Mit der Auflösung der Berliner Stelle wechselten bis 1960 sukzessive die Mitarbeiterinnen Annelore Schulz, Irmgard von Lepel und Cornelia Bruns ebenfalls nach Heidelberg. Auch das wissenschaftliche Personal wurde in Heidelberg neu rekrutiert, sodass auf personeller Ebene in vielerlei Hinsicht ein Neuanfang erfolgte. Ein deutlicher Bruch ist hinsichtlich der Beschäftigung weiblichen wissenschaftlichen Personals erkennbar. Mit Ausnahme der später in der Bibliothek tätigen Mila von Hippel kam mit Karin Oellers-Frahm erst 1970 wieder eine Referentin an das Institut.

Insbesondere das technische Personal setzte sich fortan aus der lokalen Heidelberger Bevölkerung (hier vor allem aus dem Stadtteil Handschuhsheim, in dessen Nachbarschaft sich das Institut befindet) zusammen, was mit einer deutlichen „Verbürgerlichung“ des Instituts einherging. Anders als noch zu Berliner Zeiten fand die Rekrutierung neuer Mitarbeiter unter großer Konkurrenz um qualifiziertes Verwaltungspersonal im Kontext des raschen Wiederaufbaus statt. Stellen wurden vielfach durch Mund-zu-Mund-Propaganda besetzt und enge Verwandtschaftsverhältnisse unter den Mitarbeitenden waren keine Seltenheit. Auch hier wurden vom Institut häufig unkonventionelle Schritte gewagt und nicht-wissenschaftliche Positionen vielfach mit Personen ohne die formell erforderlichen Qualifikationen besetzt. Die Rekrutierungspolitik unter Hermann Mosler folgte stattdessen pragmatischen Erwägungen: Man nahm, wen man bekam, und wer sich als fähig erwies, wurde „on the job“ angelernt beziehungsweise arbeitete sich eigenständig ein. So war beispielsweise der Posten der Verwaltungsleitung von 1959 bis 1997 ausschließlich von Frauen besetzt, die weder studiert noch eine berufliche Fachausbildung in der Verwaltung absolviert hatten, was dem Institut in der MPG eine Sonderstellung einräumte.[41]

Das Direktoren-Vorzimmer. Brigitte Bopp/Moll (links) und Ursula Wedder, 1986 [42]

Deutlich wird die Heidelberger Personalpolitik am Karriereweg der Verwaltungsleiterin Margarethe Noll (1931-2023). Die Heidelberger Gärtnerstochter aus „sehr einfachen Verhältnissen“ hatte eine Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin und Dolmetscherin absolviert und sich 1953 auf Anraten Ihres Onkels auf eine Sekretariatsstelle am Institut beworben. Aus Nolls Lebensbericht, der auf diesem Blog veröffentlicht wurde, spricht eine deutliche Fremdheit bezüglich der alten großbürgerlichen Institutswelt, wie sie bis 1954 noch durch Carl Bilfinger verkörpert wurde, in dessen Villa im Philosophenweg das MPIL zunächst untergebracht war. Das geräumige Haus und Bilfingers Sammlung „Alter Meister“ wirkten einschüchternd auf die 22-Jährige, die Direktionssekretärin Ellinor Greinert, die „mit einem ostpreußischen Akzent“ sprach, und die „Gebräuche“ am Institut wie aus einer anderen Welt:

„Immer wieder erzählte sie mir Begebenheiten aus der Berliner Zeit […]. Sie hat mich aber auch beeindruckt durch ihre Haltung. Sie ermahnte uns junge Mädchen, als wir bei einer Einladung des Direktors emsig helfen wollten: ‚Bitte, meine Damen, zu einer Zeit bitte nur eine Dame aufstehen. Sonst entsteht zu viel Unruhe.‘ Als Professor Bilfinger vor der Feier seines 75. Geburtstages fragte: ‚Was werden die Damen tragen?‘, gab sie zur Antwort: ‚Herr Professor, wir werden Sie durch unsere Kleidung zu ehren wissen.‘“[43]

Obgleich es Margarethe Noll an einer Verwaltungsausbildung mangelte, machte sie schnell Karriere im Institut. Bereits im ersten Jahr übernahm Noll die Buchhaltung und war, neben gelegentlicher Betreuung der Kinder des Institutsdirektors, für den 300.000 DM umfassenden Etat für den Neubau des Institutsgebäudes zuständig. Wenngleich nicht mit dem großbürgerlichen Milieu vertraut, hatte Noll als Protokollführerin der Kuratoriumssitzungen als Nicht-Akademikerin regelmäßigen persönlichen Umgang mit Professoren, Richtern des Bundesverfassungsgerichts, Nobelpreisträgern und Industriemanagern („‘Normale‘ Menschen kommen da nicht hin.“). Margarethe Noll schien sich in allen in sie gesetzten Erwartungen erfolgreich behauptet zu haben: 1959 wurde sie zur Verwaltungsleiterin ernannt, bis sie 1964 nach der Familiengründung aus dem Institut ausschied. In Nolls Fußstapfen trat ihre von ihr selbst 1959 für das Institut angeworbene Cousine Gerda Wallenwein. Auch sie war – in den Worten Karl Doehrings – „ein echtes Handschuhsheimer Kind“.[44] Nach dem Besuch der Höheren Handelsschule war sie zunächst in der Zeitschriftenabteilung der Bibliothek angestellt gewesen, ehe sie 1966 in die Verwaltung wechselte, deren Leitung sie bis 1997 übernahm und den bis auf 1 Millionen DM angestiegenen Etat betreute.[45] Wenngleich auch Gerda Wallenwein „frauentypische“ soziale Aufgaben mitübernahm (so geht auf sie die komplette Dokumentierung des Institutssoziallebens zurück, welches durch Gerda Wallenwein in umfangreichen Fotoalben und Aktenordnern über Jahrzehnte festgehalten wurde), zeugten Gehaltseingruppierung und Verantwortungsbereich von der offiziellen Anerkennung ihrer Arbeitsleistung durch das Institut.[46]

Alles in einem Abwasch. Gerda Wallenwein, Brigitte Moll und Ursula Wedder (v.l.n.r) in der Teeküche, 1986 [47]

Bis in die 1990er Jahre hinein änderte sich an der Rekrutierungspolitik des Institutspersonals wenig. Im wissenschaftlichen Bereich dominierten weiterhin männliche Forscher, das technische Personal in Bibliothek, Verwaltung und Direktorenvorzimmer wurde vorwiegend von Frauen gestellt. Nicht nur in der Verwaltung dominierten (und dominieren) weibliche Angestellte, in vordigitalen Zeiten wurden sämtliche Schreib- und Redaktionsaufgaben bei der Erstellung wissenschaftlicher Publikationen oder von Gutachten ausschließlich von Frauen übernommen. In den 1990er Jahren begann die „klassische Sekretärin“ aus dem Institut zu verschwinden, wurde durch Diktiergerät und Computer ersetzt. Berufe in Verwaltung und Bibliothek wurden zunehmend professionalisiert und Neueinstellungen an formale Ausbildungsanforderungen geknüpft. Viele Schreib- und Redaktionstätigkeiten verschwanden im Zuge der Digitalisierung und werden von den Forschenden selbst übernommen. Zugleich wurden innerinstitutionelle Karrierewege damit „festgefügter“ und Aufstiegsmöglichkeiten, wie sie sich für Margarete Noll oder Gerda Wallenwein eröffneten, sind längst nicht mehr möglich.

Fazit

Blickt man auf die Geschichte der Sekretärinnen beziehungsweise des weiblichen technischen Personals am KWI und MPI für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht, so zeigt sich ein komplexes Bild aus zeitgeisttypischen Geschlechterrollen und beruflichen Hierarchien wie auch innerinstitutionellen Freiheiten. Am Berliner KWI existierten entsprechend der damaligen patriarchalen und noch keineswegs demokratisierten Gesellschaftsordnung und dem Harnack-Prinzip deutlich gegenderte Hierarchien. Diese wurden aber an einigen Stellen, insbesondere über die soziale Herkunft und die überdurchschnittliche Ausbildung des weiblichen Personals relativiert. Die überlieferten Akten und Ego-Dokumente von Institutsmitarbeiterinnen erwecken gar den Anschein, dass das Institut für das weibliche Personal im Rahmen des damals Möglichen Freiheiten bot, die über das seinerzeit Übliche hinausgingen.

Die soziale Zusammensetzung des (weiblichen) technischen Personals am Heidelberger MPIL unterschied sich weitestgehend vom groß- und bildungsbürgerlichen Milieu des Berliner KWI. Die Angestellten des MPIL rekrutierten sich vornehmlich aus Heidelberg selbst, hier zumeist aus dem „einfachen“ (Klein-) Bürgertum. Hohe Erwartungen an formelle Vorausbildungen wurden hierbei kaum gestellt, vielmehr musste sich das technische Personal durch eigene Kompetenz und „learning on the job“ praktisch behaupten, wodurch zugleich unübliche Karrierewege und berufliche Aufstiege innerhalb der Institutsverwaltung möglich wurden. Die von Birgit Kolboske beschriebene „Objektifizierung“ und Berufssackgasse für Sekretärinnen lassen die aufgefundenen Unterlagen für das Institut als zumindest für den Zeitraum bis in die 1990er Jahre als fraglich erscheinen.

***

Der Verfasser dankt Sarah Gebel, Alexandra Kemmerer, Johannes Mikuteit, Karin Oellers-Frahm, Joachim Schwietzke und Gerda Wallenwein für ihre hilfreichen Anmerkungen zum Text.

[1] Birgit Kolboske, Hierarchien. Das Unbehagen der Geschlechter mit dem Harnack-Prinzip. Frauen in der Max-Planck-Gesellschaft, Studien zur Geschichte der Max-Planck-Gesellschaft Bd. 7, Göttingen: Vandenhoek & Rupprecht 2023.

[2] Kobolske (Fn. 1), 16.

[3] Kobolske (Fn. 2), 21.

[4] Die unlängst erschienene Studie von Juliane Scholz, Sozialgeschichte der Max-Planck-Gesellschaft. Personalentwicklung, Karrieren und Arbeitsbedingungen 19482005, Studien zur Geschichte der Max-Planck-Gesellschaft Bd. 7, Göttingen: Vandenhoek & Rupprecht 2025, befasst sich leider ebenso nicht mit den sozialen Kontinuitäten aus der Zeit der KWG.

[5] Kolboske (Fn. 1), 16.

[6] VI. Abt., Rep. 1, Nr. KWIauslöffRechtuVölkerrecht III/20, AMPG.

[7] Kolboske (Fn. 1), 40; 41.

[8] Kolboske (Fn. 1), 40.

[9] Kolboske (Fn. 1), 42; 46.

[10] Kolboske (Fn. 1), 52.

[11] Ingo Hueck, Die deutsche Völkerrechtswissenschaft im Nationalsozialismus. Das Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht, das Hamburger Institut für Auswärtige Politik und das Kieler Institut für Internationales Recht, in: Doris Kaufmann (Hrsg.), Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus. Bestandaufnahme und Perspektiven der Forschung, Bd. 2, Göttingen: Wallstein 2000, 490528, 510.

[12] Armin von Bogdandy/Philipp Glahé, Alles ganz einfach? Zwei verlorene Weltkriege als roter Faden der Institutsgeschichte, MPIL100.de.

[13] Zur Gruppe der Wissenschaftlerinnen am KWI und zur Biographie von Angèle Auburtin sind derzeit separate Beiträge von Alexandra Kemmerer in Arbeit. Zur Rolle der Frau in der Völkerrechtswissenschaft allgemein, siehe: Janne Nijman, Marked Absences: Locating Gender and Race in International Legal History, in: EJIL 31 (2020), 10251050; Immi Tallgren (Hrsg.), Portraits of Women in International Law: New Names and Forgotten Faces?, Oxford: Oxford University Press, 2023.

[14] Ordner “Personalakten Berlin AKo“, „Personalakten Berlin KrZ“ sowie „Stammkarten Berlin“, MPIL. Hinzu kommen Personalakten und Stammkarten von (ausschließlich) weiblichen Reinigungskräften und Küchenpersonal, die in diesem Beitrag nicht untersucht werden.

[15] Lilli Draugelattes/Abele, Sidonie von Engel, Ursula Weinrich/Grunow, Luise Grubener, Maria Heldendrung, Bärbel Lenczyk/Steinbrück, Elisabeth Rapp, Dorothea von Rehekampff, Else Sandgänger, Ingrid Stehn und Charlotte Zowe.

[16] Elisabeth von Bernstorff, Ingeborg von Engel und Irene Haehn/Hähn.

[17] Annelore Schulz und Ursula von Pflugk. Von Cornelia Bruns ist keine Akte überliefert, obgleich auch sie als Bibliothekarin bzw. Übersetzerin am Institut tätig war.

[18] Einige Frauen sind sowohl als Sekretärin als auch als Stenotypistin geführt, z.T. wechseln die Berufsbezeichnungen, wie im Falle Ellinor von Puttkamers, die zuerst als Sekretärin angestellt war und dann in die Wissenschaft wechselte. Hinzu kommt die Berufsbezeichnung der Fremdsprachenkorrespondentin, die ebenfalls nicht einheitlich geführt wird.

[19] Vgl. Durchschnittsentgelt in Euro/DM/RM, Anlage zum SGB, Sechstes Buch, BGBl I 2002, 869870; Das durchschnittliche Monatsgehalt variierte bei Angestellten 1938 zwischen knapp 170 und 585 RM, vgl.: O.V., Das deutsche Volkseinkommen 1938, in: Statistisches Reichsamt (Hrsg.), Wirtschaft und Statistik 19 (1939),  705708, 707.

[20] VI. Abt., Rep. 1, Nr. KWIauslöffRechtuVölkerrecht III/21, AMPG.

[21] Kolboske (Fn. 1), 50.

[22] Kolboske (Fn. 1), 50.

[23] Die angegebenen Berufe der Großväter deuten auf etwas mehr soziale Mobilität hin und umfassen neben gehobenen Berufen wie Gutsbesitzer, Rechtsanwalt, gräflicher Hauslehrer, Polizeipräsident, Geheimer Regierungsrat und Arzt, Hotelbesitzer, Bankier, Lehrer und Organist auch Bäckermeister, Schiffbauer, Baumeister, Bauunternehmer, Maschinenmeister, Landwirt und Weichensteller.

[24] VI. Abt., Rep. 1, Nr. KWIauslöffRechtuVölkerrecht III/6, AMPG.

[25] Es ist anzunehmen, dass die Baltendeutschen, wie auch die drei „Institutsrussen“ Nikolai N. Makarov, Nikolai von Martens und Georg von Gretschaninow, infolge der Oktoberrevolution 1917 ins Deutsche Reich immigrierten.

[26] „Konversation in der Mittagspause“, Zeichnung: unbekannt, in: Cornelia Bruns/M. Petrich/Liese Rapp (Hrsg.), Spaß-Festschrift Institutsjubiläum 1934, unveröffentlichtes Typoskript. Vom Verfasser zu erkennen sind: Lise Rapp (links) und Charlotte Behring (2.v.l.). Auch die anderen beiden Frauen werden Institutsangehörige gewesen sein.

[27] Bruns/Petrich/Rapp (Fn. 26).

[28] Bruns/Petrich/Rapp (Fn. 26), 6.

[29] In: Bruns/Petrich/Rapp (Fn. 26), 5.

[30] Vgl.: „Der gute Ton in allen Lebenslagen“ und „Umgang mit Autoren“, in: Bruns/Petrich/Rapp (Fn. 26), 5.

[31] So berichtet Hermann Mosler in kleiner Runde anlässlich des 70-jährigen Institutsjubiläums 1995 von der „Strenge“ und „starken Anspannung“, die insbesondere vom stellvertretenden Institutsdirektor Ernst Martin Schmitz ausgegangen sei: „Was im Institut erwartet wurde, wurde mir beim Antrittsbesuch bei Ernst Martin Schmitz klar. Über dem Sofa in seinem Dienstzimmer hing der Holzschnitt eines Boxers, der im Begriff war, dem zu Boden gehenden Gegner den K.O.-Kinnhaken zu versetzen“: Hermann Mosler, 70 Jahre Kaiser-Wilhelm/Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht 19251995, unveröffentlichtes Typoskript, 1617.

[32] Zeichnung: unbekannt, in: Bruns/Petrich/Rapp (Fn. 26), 16.

[33] Die Ausnahme stellen einige Pressefotos von Viktor Bruns und eine Aufnahme eines Arbeitstreffens des Referenten Joachim-Dieter Bloch mit Angehörigen der Luftwaffe dar, wie im Beitrag von Stefan Oeter verwendet.

[34] Sämtliche Begebenheiten der Institutsgeschichte, die das Institut als soziales Gefüge nach innen dokumentieren, wurden für das Heidelberger MPIL von den 1950er Jahren bis in die 1990er Jahre von den damaligen Verwaltungsleiterinnen Margarethe Noll und Gerda Wallenwein angelegt. Dokumentiert wurden somit v.a. von Frauen organisierte soziale Events (Geburtstagsfeiern, Dienstjubiläen, Verabschiedungen in den Ruhestand, Betriebsausflüge, Weihnachtsfeiern). Auch die komplette fotografische Dokumentation des Instituts geht auf von Gerda Wallenwein angelegte Alben zurück.

[35] VI. Abt., Rep. 1, Nr. KWIauslöffRechtuVölkerrecht III/32, AMPG.

[36] Annelore Schulz, Tagebuchaufzeichnung 7. Januar 1944, Bestand MPIL.

[37] Quelle: Privatarchiv Rainer Noltenius.

[38] Als Bruns 1931 das Deutsche Reich vor dem StIGH im Streit um die deutsch-österreichische Zollunion vertreten sollte „streikte seine Gesundheit, so dass er sich in der Universität einfach krankmeldete und Fräulein Greinert die dem Plädoyer vorausgehende Denkschrift zuhause diktierte. Er saß dann meist mit ihr im Garten, gönnte sich eine Nachmittagsruhe mit halbstündigem bis stündigem Schlaf und machte abends bei Zeiten Schluss“: Rainer Noltenius (Hrsg.), Mit einem Mann möchte ich nicht tauschen. Ein Zeitgemälde in Tagebüchern und Briefen der Marie Bruns-Bode (18851952), Berlin: Gebr. Mann Verlag 2018, 122.

[39] Neben der Übermittlung privater Informationen, berichtet Greinert vom Leben auf Reisen, etwa während Bruns´ Vertretung der freien Stadt Danzig vor dem StIGH 1932: „Am Freitagabend hatte Ihr Herr Gemahl Stauffenberg, Frl. Klaaßen und mich ins Royal eingeladen. Wir waren alle sehr vergnügt, tranken Sekt und hatten viel Spaß an dem märchenhaften Essen. Ob es Leute gibt, die täglich solche Menüs aufzunehmen im Stande sind?“, Noltenius (Fn. 39), 126; ferner: Noltenius (Fn. 39), 123. Die teilweise extreme Arbeitsbelastung und Übernahme von „Care“-Arbeit betraf jedoch ebenso das männliche Institutspersonal. So berichtet Hermann Mosler 1995: „Der Institutsalltag […] dauerte bis zu 12 Stunden. Beinahe hätte ich meine eigene Hochzeit verpaßt, weil ich den Nachtzug nach Köln nicht erreicht hatte. […]. Die Ansprüche an die Mitarbeit waren hoch, die Anforderungen zur akribischen Beweisführung unerbittlich. Die menschliche Atmosphäre war klar und vertrauensvoll“: Mosler (Fn. 31), 16; Carlo Schmid musste als Referent und Assistent von Erich Kaufmann, des Prozessvertreters im Schiedsgerichtsprozess um die Liquidation der deutschen „Continental-Gesellschaft“ 1929, welcher plötzlich erkrankte, nächtelang kalte Umschläge machen, während Kaufmann bis zur Erschöpfung an seinem Plädoyer arbeitete: Petra Weber, Carlo Schmid (18961979): eine Biographie, München: Suhrkamp 1996, 66.

[40] Foto: MPIL.

[41] Auskunft Gerda Wallenweins im Gespräch mit dem Verfasser, 3. Oktober 2025.

[42] Foto: MPIL.

[43] Margarete Noll, Zwei Welten. Von der Gärtnerstochter zur Verwaltungsleiterin, MPIL100.de.

[44] Karl Doehring, Chronik des Max-Planck-Instituts für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht, in: Archiv der MPG (Hrsg.), Dahlemer Archivgespräche 12 (2006), 273277, 275; persönliches Gespräch Gerda Wallenweins mit dem Verfasser, 3. Oktober 2025.

[45] Auskunft Gerda Wallenweins im Gespräch mit dem Verfasser, 3. Oktober 2025.

[46] Das Amt der Verwaltungsleiterin sei seinerzeit die höchstdotierte Stelle des technischen Dienstes im Institut gewesen: Aussage Gerda Wallenweins im Gespräch mit dem Verfasser, 3. Oktober 2025.

[47] Foto: MPIL.

English

In 2023, Birgit Kolboske’s study Hierarchien. Das Unbehagen der Geschlechter mit dem Harnack-Prinzip (English title: Hierarchies. The Max Planck Society in Gender Trouble) was published as part of the research programme ‘History of the Max Planck Society’.[1] In it, Kolboske examines the “role of women” within the Max Planck Society (Max-Planck-Gesellschaft, MPG) for the period from 1948 to 1998. Specifically, she focuses on two groups: female researchers and female secretaries. While the latter represent the historically largest group of women within the institution, Kolboske considers the occupation of secretary to be “a prime example of gender hierarchy” and epitomizing “traditional relations of domination” within the MPG.[2] While recent history of science research has increasingly focused on female researchers, the “working situation of non-academic staff amid the German research landscape has as yet largely been terra incognita”, to quote Kolboske.[3]

In response to Kolboske’s study, this contribution aims to examine the situation of secretaries at the Kaiser Wilhelm Institute for Comparative Public Law and International Law (KWI) in Berlin and also take a look at the non-academic female staff at the MPIL in Heidelberg up to the 1990s. This is done on the basis of employee records of 21 female employees for the years 1939 to 1943 and personal testimonies. Since Kolboske’s study is limited to the Max Planck Society and rarely takes into account continuities from the Kaiser Wilhelm Society (Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, KWG), the documents preserved from the KWI for International Law can not only provide new insights into the social and educational history of female technical staff and into female self-perception at this institute, but also reveal micro-historical insights of exemplary significance for the history of science at the KWG/MPG as a whole.[4] In particular, it will be explored whether what Kolboske describes as a “archaic, gender-based top-down structure”[5] that characterised gender relations within the MPG equally applied to the women at the Institute for International Law.

“A Certain Pride of Place”. Female Staff at the KWI

“Saturday Outing” of the Institute’s female employees, September 1933: standing: Kätchen Rommert, Cornelia Bruns, Luise Grubener, Irmgard von Lepel, unknown, Gertrud Heldendrung; seated: Angèle Auburtin and Annelore Schulz (from left to right) [6]

In her study, Birgit Kolboske describes the profession of secretary as a “professional dead end” characterised by “monotony” and routine, a lack of recognition, a lack of opportunities for advancement and repetitive paperwork.[7] “They remain in the large firm what they were in the family: objects,” she quotes Theodor Adorno.[8] And indeed, the profession of secretary had expanded greatly in the course of the industrialisation and professionalisation of office and administrative work. Since technical and administrative office work such as typing and stenography were considered typical “women’s jobs”, the number of female employees in the commercial sector alone tripled between 1907 and 1925, leading to a veritable “secretarial boom”.[9] However, the profession of “secretary” was hardly regulated until 1941, and there was no standardised training. The necessary skills were mostly taught in private schools or evening classes.[10] Although Kolboske’s study unfortunately does not examine the professional situation of female technical staff at the KWG, the documents for the KWI for International Law suggest that the “professional dead end” outlined above did not apply to the Institute. Above all, the good education and social background of the female staff make the Institute appear to have been a privileged place to work with unusual freedom.

Ingo Hueck wrote that the composition of the (male) academic staff at the KWI for international law was “comparable to that at the Foreign Office: aristocratic origins, bourgeois tradition and a certain pride of place dominated.”[11] In line with the restrictive access to university education at the beginning of the 20th century and the high academic and foreign language requirements posed by the work of the Institute, researchers at the KWI belonged to the upper echelons of society.[12] Founding director Viktor Bruns, who came from a bourgeois Swabian family, deliberately favoured men who matched his own background in his hiring policy. On the other hand, the lack of competent personnel and the political pressure under which the KWI was operating in providing legal advisory for the Reich government in dealing the consequences of the Treaty of Versailles led to unconventional hiring decisions: Bruns turned to recruiting men with political views considered hardy socially acceptable within his own milieu (social democrats such as Hermann Heller and later Carlo Schmid) and hiring women as researchers, even if they, like Marguerite Wolff, Dorothea von Renvers, Ellinor von Puttkamer (and initially also Angèle Auburtin) had no formal legal training. Although a total of five women were employed as researchers in the first 20 years of the Institute, the vast majority of female staff worked in non-scientific, technical areas.[13] Nevertheless, many of the observations made about the male staff with regard to social background, level of education, and firm commitment to German national interest, which created a shared, elitist academic and social pride of place, also apply to them.

The collection of historical documents at today’s Max Planck Institute contain log cards for 21 female employees for the period from 1939 to 1943, as well as employee records of nine women who worked as secretaries at the Institute between 1936 and 1942.[14] Despite their incompleteness due to the war, the documents provide a deeper insight into the social and educational history of the women at the KWI. Some files contain detailed CVs and “Aryan certificates” documenting the ‘racial’ but also social origins of the families back to the grandparents’ generation. Between 1939 and 1943, two women are listed in the employee records as researchers: Angèle Auburtin as a research fellow and Ellinor von Puttkamer as a research assistant (doctoral candidate). The occupations listed for women in non-scientific fields are secretary (13)[15], stenographer (3)[16] and librarian (2).[17] However, the job titles listed in the log cards only reflect the women’s actual activities to a limited extent, as they are often not used in a precise manner or multiple and changing job titles are listed.[18] The monthly salary of secretaries ranged from 320 RM to 510 RM (executive secretary), while a research fellow earned between 500 RM and 800 RM, depending on their level of experience. Since the average monthly salary in 1940 was just under 180 RM, the secretaries’ pay can be considered above average.[19]

Irony or feudalism? Employees Lise Rapp, Annelore Schulz, and Gertrud Heldendrung perform a one-act play in the Biedermeier room of the Bruns family villa, on the occasion of Viktor and Marie Bruns’ 50th birthday in 1935.[20]

Regarding the age distribution of women at the Institute, it is striking that it is quite homogeneous: seven women were born between 1890 and 1899, twelve between 1903 and 1916, and the two youngest in 1918 and 1921. The generational structure of female employees reflects the increased educational and labour market opportunities for women. In the 1920s, access to general higher education and universities had expanded for women. The profession of secretary was usually taken up by women from the bourgeois and professional classes.[21] While (married) women from bourgeois families typically did not work for reasons of societal etiquette, the economic and demographic upheavals of the First World War increasingly forced unmarried and well-educated daughters of wealthy families to earn their own living.[22] The 21 women working at the KWI all came from the upper echelons of bourgeois society (15) or nobility (6). Their fathers’ professions were listed in the employee records as: architect, privy councillor, estate owner, judicial administrator, merchant, teacher, ministerial director, chief engineer, organist, and solicitor and notary.[23]

After work, at the portal of Berlin Palace: Jutta Selling, unknown, Annelore Schulz, Zowe-Behring, Gertrud Heldendrung (from left to right), photograph taken in 1931 [24]

However, women taking up employment was not solely motivated by financial hardship, but also created financial and social independence, which – especially in Berlin – often culminated in the ideal of the “new woman”. This may explain why 17 of the 21 women employed at the KWI were single, two were divorced (one of them a single mother and later the mother of a second, illegitimate child) and only two were married, one of whom left the Institute after getting married. The fact that the Institute, and Berlin more generally, as a place of work had an emancipatory effect and appeal can be gauged by the fact that almost half of the women came from the East German periphery (Posen, Silesia, Pomerania, East Prussia: 8) or were Baltic Germans (3), which often went hand in hand with multilingualism (Russian/Polish/German).[25] Foreign language skills were very prevalent generally, as fluency in French and English was a basic requirement for employment at the Institute. Two women were proficient in Spanish (one of them, Irene Hähn, had worked as an administrative secretary and bookkeeper for three years in Madrid, one year in Paris and one year in London), another secretary had been a Polish translator at Ullstein. Most of the women already had professional experience when they applied to the KWI. In terms of competence and social background, the female office staff at the KWI thus differed significantly from the majority of secretaries at the time.

Women’s Work at the KWI in Self-Testimonies

“Have you read what Schopenhauer said about women?” – “Oh, you know, when a man has to use so many words to prove his superiority, that’s the foremost sign of him not feeling entirely confident.” [26]

A humorous commemorative bulletin from 1934, which was mainly produced by the Institute’s female employees, makes their self-image tangible:[27] It contains poems, sketches and hand-drawn caricatures that depict life at the Institute and its protagonists from a decidedly female perspective. In these, it both reproduces gender-stereotypical roles and hierarchies of the time and, at the same time, questions them satirically. For example, it tells the story of an unnamed ‘Good Samaritan’ (presumably the executive secretary Ellinor Greinert), whose willingness to make sacrifices is described in a manner that is both appreciative and ironic. As the guardian of the Institute’s medicine cabinet, responsible for all medical interventions from migraines to knife cuts in the finger, she shows no consideration for herself when the service of the “high boss” (Viktor Bruns) demands it. When he notices, at the train station, shortly before embarking on an important trip abroad, that he has forgotten his passport, the “Good Samaritan” of the Institute

“notified by telephone, rushes to Zehlendorf [to Bruns’ private residence] to retrieve it. Yet, the key to the glass door of the desk cabinet behind which it is resting is missing! Without hesitation and disregarding the danger to her life, the brave woman smashes the glass with her hand, grabs the document and just so manages to pass it, with her bandaged hand, into the departing train!” [28]

Other forms of “typically female” social behaviour, such as the “tendency to drink coffee in packs” among female employees, become the subject of ironic self-reflection as well, as do the adversities of the “most feminine” of all office tasks, typing:

Cornelia Bruns, Der Tippfehlerteufel [“The Typo Devil”] [29]

The commemorative bulletin also caricatures the power relations between boss and secretary, as expressed in the cartoon Das Gewitter (“The Thunderstorm”). The sometimes limited social skills (irritability, impatience, know-it-all attitude) of certain male higher-ups (Asche Graf Mandelsloh, Herbert Kier) are mentioned in the typoscript in a relatively blunt manner.[30] Although male members of the Institute also suffered from hierarchies or certain character traits of their superiors, critical comments on this are rarely documented, as professional dependencies and loyalties may have been stronger in this context.[31]

Das Gewitter (“The Thunderstorm”)[32]

In addition to the contributions to the bulletin, memories of the women of the KWI have been preserved in photographs in the Archives of the Max Planck Society. The pictures mainly show self-confident young women, some dressed fashionably in straight cut “flapper” style dresses, some even wearing ties. They document exclusively the female working and living environment at the Institute and show secretaries and librarians at their workplaces in the Berlin Palace, preparing the Institute’s lunch table, on company outings, at celebrations and coffee parties. In striking contrast to this, there is a lack of photographic documentation of the male working environment, which is practically non-existent in pictures.[33] Due to their subject matter and the intimacy and familiarity with the subjects they convey, the pictures from the KWI era suggest that they were taken by a woman. In addition, the Institute’s histography reveals an internal division of labour along gender lines, which was later continued at the Heidelberg Institute: Women were (and are) responsible for social matters. The preparation and organisation of non-academic Institute celebrations (birthdays, anniversaries, et cetera) and their commemoration in photo albums, greeting cards, and round letters was (and is) “women’s work”.[34]

Secretaries as “Brokers” Between Professional and Home Life

“Typical” women’s work: janitor’s wife Anna Kretschmer (left) with assistants during meal preparation, photo taken around 1935[35]

Although there were hierarchical and position-related differences between men and women at the Institute, these were, in large part, levelled out by a shared social background and habitus. Among the female employees in particular, there was a kind of semi-private space that “transcended” the professional differences in rank between men and women. It is possible to reconstruct from the context of the Institute, for example, close and sometimes friendly relationships between Viktor Bruns’ wife and daughters and some of the KWI employees. While the Bruns daughters mainly socialised with young women of the same age from the Institute to visit the theatre or the opera,[36] the relationship between the “boss’s wives” (Marie Bruns and Hanni Blass, the wife of the library director) and some of the Institute’s female employees was of a semi-professional, semi-private nature. Employees, such as the executive secretary Ellinor Greinert or the librarian Annelore Schulz can be regarded as ‘brokers’ between the Institute and the domestic sphere of the directors’ wives, who wanted access to their husbands’ professional lives and could only get it through their employees. The “intermediate figure” per se in the Institute context is Cornelia Bruns, Viktor Bruns’ third cousin, who was a part of the family as “Aunt Cörnchen” and at the same time worked at the Institute as a librarian.

Ellinor Greinert, drawing by Marie Bruns, undated [37]

Marie Bruns and Ellinor Greinert in particular had a close relationship, based on the personal friendship between the two women, but also on their shared “care work” for Viktor Bruns, who suffered from heart disease. Ellinor Greinert even lived with the Bruns family for some time, when Viktor Bruns was only able to work from home due to his heart problems.[38] Greinert, the “Good Samaritan”, also accompanied Bruns on international work trips, where she was responsible for handling his official correspondence and transcribing his pleadings (in French) at night, while at the same time conducting a kind of “secret correspondence” with his wife, who, back in Berlin, was concerned about her husband’s health.[39]

“A True Child of Handschuhsheim”. Female Staff at the Heidelberg MPIL (1954–1997)

Brigitte Bopp/Moll, secretary in Prof. Bernhardt’s anteroom, Dorothee Bender, typist, Gerda Wallenwein and Hilde Vaupel, both from the administrative department (from left to right) [40]

The re-establishment of the Institute in Heidelberg in 1949 was accompanied by significant changes in the staff composition. The majority of the technical (female) staff of the old KWI did not transfer to the new Institute. Due to the turmoil of war and the uncertain (financial) situation of the Kaiser Wilhelm Society, the continuation of which remained unclear until 1948, most of the Institute’s employees had been forced to seek other employment or had been dismissed. In addition, since the destruction of its premises in Berlin Palace in 1945, the Institute had been spread out across various locations in Berlin and Heidelberg, the place of residence of Viktor Bruns’ successor as director, Carl Bilfinger. Until 1960, a branch of the Institute remained in Berlin, while a new main location had been built in Heidelberg in 1954. Some of the staff remained at the small Berlin office until it was closed down (including librarians Annelore Schulz and Cornelia Bruns and secretary Gertrud Heldendrung). Ellinor Greinert, as an executive secretary, transferred to Heidelberg, where she retired in 1955. With the termination of the Berlin office, employees Annelore Schulz, Irmgard von Lepel, and Cornelia Bruns also gradually moved to Heidelberg by 1960. New research staff was recruited in Heidelberg as well, so that in many respects a new beginning took place at the personnel level. A clear break can be seen with regard to the employment of female research staff: With the exception of Mila von Hippel, who later worked in the library, it was not until 1970 that, with Karin Oellers-Frahm, another female research fellow would join the Institute.

From then on, the technical staff in particular was made up of local Heidelberg residents (mainly from the Handschuhsheim district, in the neighbourhood of which the Institute is located), which made the Institute significantly “more working-class”. Unlike in Berlin, the recruitment of new staff took place in the context of rapid reconstruction and fierce competition for qualified administrative personnel. Positions were often filled through word of mouth, and close family ties among employees were not uncommon. Here, again, the Institute often took unconventional steps and filled non-academic positions with people who did not necessarily fulfil the respective formal requirements. Instead, Hermann Mosler’s recruitment policy was based on pragmatic considerations: he took whoever he could get, and those who proved capable were either trained on the job or trained themselves. The position of head of administration at the MPIL, for example, was held exclusively by women who had neither studied at university nor completed any professional training in the field of administration, from 1959 onwards until 1997 – a unique situation within the MPG.[41]

The director’s anteroom. Brigitte Bopp/Moll (left) and Ursula Wedder, 1986[42]

The new recruitment policy in Heidelberg is exemplified by the career path of the former head of the administration Margarethe Noll (1931–2023). The daughter of a Heidelberg gardener from a “very modest background” had trained as a foreign language secretary and interpreter and, on the advice of her uncle, applied for a secretarial position at the Institute in 1953. Noll’s life story, published on this blog, shows a sense of alienation from the old upper-class world of the Institute, as embodied until 1954 by Carl Bilfinger, in whose villa at the Heidelberg Philosophenweg the MPIL was initially housed. The spacious house and Bilfinger’s collection of “Old Masters” intimidated the 22-year-old, as did the executive secretary Ellinor Greinert, who spoke “with an East Prussian accent”, and the “customs” at the Institute, which seemed to her like something from another world:

“She would often tell me stories from Berlin times […] But she also impressed me with her attitude. She admonished us young girls when we were eager to help at a dinner at the director’s house: ‘Please, ladies, only one lady should get up at a time. There will be too much commotion otherwise.’ When, before the celebration of his 75th birthday, Professor Bilfinger asked: ‘What will the ladies be wearing?’, she replied: ‘Professor, we will know what to wear to honour you on the occasion.’”[43]

Although Margarethe Noll lacked administrative training, she quickly rose through the ranks at the Institute. Within her first year, Noll took over the bookkeeping and, in addition to occasionally looking after the Institute director’s children, was responsible for the 300,000 DM budget for the construction of the new Institute building. Despite never having studied at university and being unfamiliar with the upper-class milieu, as the minute-taker for the board of trustees’ meetings, Noll had regular personal contact with professors, judges of the Federal Constitutional Court, Nobel Prize winners and business executives (“’Normal’ people don’t get to be there.”). Margarethe Noll seems to have successfully lived up to all the expectations placed on her: in 1959, she was appointed head of the administration, a position she held until leaving the Institute in 1964 after starting a family. Noll’s cousin Gerda Wallenwein, whom she herself had recruited for the Institute in 1959, followed in her footsteps. She too was, in Karl Doehring’s words, ‘a true child of Handschuhsheim.’[44] After receiving business training at vocational school, she was initially employed in the library’s periodicals department before moving to the administrative department in 1966, where she took over as head of administration in 1997 and managed a budget that had grown to one million DM.[45] Although Gerda Wallenwein also took on social tasks “typical for women” (she documented the entire social life of the Institute in the form of extensive photo albums and file folders spanning decades), her salary and area of responsibility testified to the Institute’s official recognition of her work.[46]

Awash with work. Gerda Wallenwein, Brigitte Moll and Ursula Wedder (from left to right) in the tea kitchen, 1986[47]

Until the 1990s, little changed in the recruitment policy of the Institute. Male researchers continued to dominate the academic department, while the technical staff in the library, the administrative department and the director’s anteroom were predominantly women. Not only did female employees dominate (and continue to dominate) within the administration, in the pre-digital era, all typing and editing tasks involved in the production of scientific publications or expert reports were carried out exclusively by women. In the 1990s, the “classic secretary” began to disappear from the Institute, replaced by dictation machines and computers. Jobs in the administrative department and the library were professionalized, and new hires had to meet formal training requirements. A lot of writing and editing work disappeared with digitalisation and is now done by the researchers themselves. At the same time, career paths within the Institute became more “fixed”, and opportunities for advancement like those that opened up for Margarete Noll or Gerda Wallenwein are now no longer possible.

Conclusions

Looking back at the history of female secretaries and technical staff at the Kaiser Wilhelm and Max Planck Institute for Comparative Public Law and International Law, a complex picture emerges, featuring gender roles typical of the zeitgeist and professional hierarchies as well as inner-institutional freedoms. Gendered hierarchies existed at the Berlin KWI, in line with the patriarchal and by no means democratised social order of the time and the Harnack principle. However, these were levelled in some areas, particularly due to the privileged social background and above-average education of female staff. The surviving documents and self-testimonies of female Institute employees even give the impression that the Institute offered female staff freedoms that went beyond what was customary at the time, within the limits of what was possible.

The social composition of the (female) technical staff at the MPIL in Heidelberg differed greatly from the bourgeois milieu of the KWI in Berlin. The employees of the MPIL were recruited primarily from Heidelberg itself, mostly from the “modest” (lower) middle classes. High expectations of formal prior training were hardly ever set; rather, technical staff had to prove themselves in practice through their own competence and “learning on the job”, which at the same time made unusual career paths and professional advancement within the Institute’s administration possible. In light of the documents discovered, Birgit Kolboske’s interpretation of secretaries being subject to “objectification” and falling into a professional dead end appears highly questionable, at least for the period up to the 1990s.

***

The author would like to thank Sarah Gebel, Alexandra Kemmerer, Johannes Mikuteit, Karin Oellers-Frahm, Joachim Schwietzke, and Gerda Wallenwein for their helpful comments on the text.

[1] Birgit Kolboske, Hierarchies. The Max Planck Society in Gender Trouble, Studien zur Geschichte der Max-Planck-Gesellschaft/Studies on the History of the Max Planck Society Vol. 7, Göttingen: Vandenhoek & Rupprecht 2024.

[2] Kobolske (fn. 1), 16.

[3] Kobolske (fn. 1), 21.

[4] The recently published study Juliane Scholz, Sozialgeschichte der Max-Planck-Gesellschaft. Personalentwicklung, Karrieren und Arbeitsbedingungen 19482005, Studien zur Geschichte der Max-Planck-Gesellschaft/Studies on the History of the Max Planck Society Vol. 6, Göttingen: Vandenhoek & Rupprecht 2025, unfortunately does not deal with the social continuities from KWG times either.

[5] Kobolske (fn. 1), 16.

[6] VI. Abt., Rep. 1, Nr. KWIauslöffRechtuVölkerrecht III/20, Archives of the Max Planck Society.

[7] Kobolske (fn. 1), 40; 41.

[8] Kobolske (fn. 1), 40.

[9] Kobolske (fn. 1), 42; 46.

[10] Kobolske (fn. 1), 52.

[11] Ingo Hueck, Die deutsche Völkerrechtswissenschaft im Nationalsozialismus. Das Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht, das Hamburger Institut für Auswärtige Politik und das Kieler Institut für Internationales Recht, in: Doris Kaufmann (ed.), Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus. Bestandaufnahme und Perspektiven der Forschung, Vol. 2, Göttingen: Wallstein 2000, 490528, 510.

[12] Armin von Bogdandy/Philipp Glahé, Two Defeats in Two World Wars as a Red Thread in the Institute’s History, MPIL100.de.

[13] Separate contributions on the group of female scientists at the KWI and on Angèle Auburtin’s biography by Alexandra Kemmerer will be published soon. On the role of women in public international law scholarship more broadly, see: Janne Nijman, Marked Absences: Locating Gender and Race in International Legal History, in: EJIL 31 (2020), 10251050; Immi Tallgren (ed.), Portraits of Women in International Law: New Names and Forgotten Faces?, Oxford: Oxford University Press, 2023.

[14] Folders “Personalakten [Employee Records] Berlin AKo“, „ Personalakten [Employee Records] Berlin KrZ“, and „Stammkarten [Log Cards] Berlin“, MPIL. There are also employee records and log cards of the (exclusively) female cleaning and kitchen staff, which are not part of the scope of this contribution.

[15] Lilli Draugelattes/Abele, Sidonie von Engel, Ursula Weinrich/Grunow, Luise Grubener, Maria Heldendrung, Bärbel Lenczyk/Steinbrück, Elisabeth Rapp, Dorothea von Rehekampff, Else Sandgänger, Ingrid Stehn, and Charlotte Zowe.

[16] Elisabeth von Bernstorff, Ingeborg von Engel, and Irene Haehn/Hähn.

[17] Annelore Schulz and Ursula von Pflugk. No file on Cornelia Bruns has been discovered, even though she worked at the Institute as a librarian and translator.

[18] Some women are listed both as secretaries and as stenographers, and in some cases their job titles change, as in the case of Ellinor von Puttkamer, who was first employed as a secretary and later transferred to the academic department. There is also the job title of foreign language correspondent, which is not used consistently either.

[19] Cp. Durchschnittsentgelt in Euro/DM/RM, Anlage zum SGB, Sechstes Buch, BGBl I 2002, 869870; the average monthly salary of employed workers in 1938 varied between just below 170 and 585 RM, cp.: Das deutsche Volkseinkommen 1938, in: Statistisches Reichsamt (ed.), Wirtschaft und Statistik 19 (1939),  705708, 707.

[20] VI. Abt., Rep. 1, Nr. KWIauslöffRechtuVölkerrecht III/21, Archives of the Max Planck Society.

[21] Kobolske (fn. 1), 50.

[22] Kobolske (fn. 1), 50.

[23] The occupations listed for the grandfathers indicate a slightly higher degree of social mobility as they include, in addition to very high-status positions such as estate owner, solicitor, count’s tutor, police chief, privy councillor and doctor, hotel owner, banker, teacher, and organist, occupations like master baker, shipbuilder, master builder, building contractor, master machinist, farmer and signalman.

[24] VI. Abt., Rep. 1, Nr. KWIauslöffRechtuVölkerrecht III/6, Archives of the Max Planck Society.

[25] Most likely, these Baltic Germans, like the three “Institute-Russians” Nikolai N. Makarov, Nikolai von Martens, and Georg von Gretschaninow, had immigrated to the German Reich following the 1917 October Revolution.

[26] „Konversation in der Mittagspause“ [“Conversation during Lunch Break”], Sketch: unknown artist, in: Cornelia Bruns/M. Petrich/Liese Rapp (eds.), Spaß-Festschrift Institutsjubiläum 1934 [humorous commemorative bulletin of the Institute’s anniversary 1934], unpublished typoscript. Identifiable by the author are: Lise Rapp (left) and Charlotte Behring (2nd from left). Presumably the other women were members of the Institute as well.

[27] Bruns/Petrich/Rapp (fn. 26).

[28] Bruns/Petrich/Rapp (fn. 26), 6.

[29] Bruns/Petrich/Rapp (fn. 26), 5.

[30] Cp.: „Der gute Ton in allen Lebenslagen“ and „Umgang mit Autoren“, in: Bruns/Petrich/Rapp (fn. 26), 5.

[31] In a similar vain, during an intimate celebration of the Institute’s 70th anniversary in 1995, Hermann Mosler spoke about the “seriousness” and “intense tension” that emanated in particular from the deputy director of the Institute, Ernst Martin Schmitz: “What was expected at the Institute became clear to me during my inaugural visit to Ernst Martin Schmitz. Above the sofa in his office hung a woodcut of a boxer about to deliver a knockout punch to his opponent falling to the ground.”: Hermann Mosler, 70 Jahre Kaiser-Wilhelm/Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht 19251995, unpublished typoscript, 1617.

[32] Sketch: unknown artist, in: Bruns/Petrich/Rapp (fn. 26), 16.

[33] A few press photos of Viktor Bruns and a photograph of a meeting between research fellow Joachim-Dieter Bloch and members of the Luftwaffe, as used in Stefan Oeter’s contribution, constitute rare exceptions.

[34] All events in the Institute’s history that document its internal social structure were recorded for the Heidelberg MPIL from the 1950s to the 1990s by the then administrative directors Margarethe Noll and Gerda Wallenwein. The documentation thus mainly covers social events organised by women (birthday parties, service anniversaries, retirement parties, company outings, Christmas parties). The entire photographic documentation of the Institute also goes back to albums created by Gerda Wallenwein.

[35] VI. Abt., Rep. 1, Nr. KWIauslöffRechtuVölkerrecht III/32, Archives of the Max Planck Society.

[36] Annelore Schulz, Diary Entry of 7 January 1944, MPIL Archive.

[37] Source: Private Archive of Rainer Noltenius.

[38] When Bruns was supposed to represent the German Reich before the PCIJ in the dispute over the Austro-German Customs Union in 1931, “his health failed, so he simply reported sick to the university and dictated the memorandum preceding the pleading to Miss Greinert at home. He usually sat down with her in the garden, allowed himself an afternoon rest with half an hour to an hour of sleep, and finished up at a reasonable hour at night”: Rainer Noltenius (ed.), Mit einem Mann möchte ich nicht tauschen. Ein Zeitgemälde in Tagebüchern und Briefen der Marie Bruns-Bode (1885–1952), Berlin: Gebr. Mann Verlag 2018, 122.

[39] In addition to conveying private information, Greinert reports on life while travelling, for example during Bruns’ representation of the Free City of Danzig before the PCIJ in 1932: “On Friday evening, your husband took Stauffenberg, Miss Klaaßen, and me to the Royal. We were all very cheerful, drank sparkling wine, and took great joy in the marvellous meal. One wonders: Are there people able to stomach such menus every day?”: Noltenius (fn. 38), 126; also: Noltenius (fn. 38), 123. However, the sometimes-extreme workload and assumption of “care” work also affected the male staff of the Institute, as reported, for example, by Hermann Mosler in 1995: “A typical day at the Institute […] lasted up to 12 hours. I almost missed my own wedding because I didn’t make the night train to Cologne. […]. The demands on contributions were high, the requirements for meticulous reasoning were relentless. The interpersonal atmosphere was open and trusting”: Mosler (fn. 31), 16; Carlo Schmid, then an advisor and assistant to Erich Kaufmann, the German representative in the arbitration proceedings concerning the liquidation of the German Continental-Gesellschaft of 1929, who had suddenly fallen ill, spent several nights preparing cold compresses for Kaufmann who worked on his pleading to the point of exhaustion.

[40] Photo: MPIL.

[41] Information provided by Gerda Wallenwein in a personal conversation with the author, 3 October 2025.

[42] Photo: MPIL.

[43] Margarete Noll, Between Two Worlds. From a Gardener’s Daughter to Head of Administration, MPIL100.de.

[44] Karl Doehring, Chronik des Max-Planck-Instituts für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht, in: Archives of the Max Planck Society (ed.), Dahlemer Archivgespräche 12 (2006), 273277, 275; information provided by Gerda Wallenwein in a personal conversation with the author, 3 October 2025.

[45] Information provided by Gerda Wallenwein in a personal conversation with the author, 3 October 2025.

[46] The position of head of administration used to be the highest-paying position within the Institute’s technical department: information provided by Gerda Wallenwein in a personal conversation with the author, 3 October 2025.

[47] Photo: MPIL.

Die Gutachtenpraxis des KWI zum Kriegsvölkerrecht für das Amt Ausland/Abwehr und das OKW

The KWI's Expert Opinions on the Law of War for the National Socialist Foreign Office, the Abwehr, and the Wehrmacht

Deutsch

Fortführung des Krieges mit anderen Mitteln?

Das Kriegsvölkerrecht wurde in der Zwischenkriegszeit noch als ein zentraler Baustein der völkerrechtlichen Regelungsarchitektur wahrgenommen, galt doch Krieg zu diesem Zeitpunkt noch als normales Mittel der Politik zur Durchsetzung ihrer Ziele – trotz aller Bemühungen, den Rückgriff auf den Krieg als Mittel der Interessendurchsetzung rechtlich einzuhegen, gipfelnd im Briand-Kellogg-Pakt von 1928. Der Stellenwert, den die Rechtsfragen des Krieges zu dieser Zeit noch einnahmen, lässt sich unschwer ermessen, blickt man auf das führende (englischsprachige) Lehrbuch des Völkerrechts dieser Zeit, das International Law von Lassa Oppenheim. Ab der vierten Auflage von 1926 war es im Stoffumfang so angeschwollen, dass es in zwei Bände aufgeteilt werden musste – und einer der beiden Bände war ausschließlich den Fragen von „Disputes, War and Neutrality“ gewidmet.[1] Eine ähnliche Stoffdisposition mit großem Anteil der Rechtsfragen des Krieges zeigt sich auch in anderen Lehrbüchern der Zeit – und das, was wir heute Friedenssicherungsrecht nennen, war noch recht wenig entwickelt, es ging dabei im Kern also um die klassischen Fragen des Kriegsvölkerrechts.

Politisch-institutioneller Kontext

Dementsprechend waren Fragen des Kriegsvölkerrechts von Anbeginn an in der Forschung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht (KWI) behandelt worden. Dies erfuhr 1934 eine deutliche Stärkung – Viktor Bruns etablierte im Institut eine eigene Abteilung für Kriegsvölkerrecht, die ihm in der Funktion als Vorsitzender des Ausschusses für Völkerrecht der „Akademie für Deutsches Recht“ zuarbeiten sollte und ein zentrales Forum für die Diskussionen über eine angestrebte künftige Umgestaltung des Völkerrechts im Geiste des Nationalsozialismus darstellte. Leiter dieser kriegsrechtlichen Abteilung wurde 1935 Berthold Graf Schenk von Stauffenberg, der als wissenschaftliches Mitglied des KWI auch – neben Bruns, Ernst Schmitz und Carl Bilfinger – Mitglied im Ausschuss für Kriegsrecht der „Akademie für Deutsches Recht“ wurde, ab Kriegsbeginn dann als Marinestabsrichter abgeordnet als Völkerrechtsberater zum Oberkommando der Marine.[2]

Der Historiker Andreas Toppe beschreibt in seinem Buch „Militär und Kriegsvölkerrecht“ das Wirken von Bruns in diesem Kontext mit den Worten:

 „Der Leiter des Instituts für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht, Prof. Viktor Bruns, war gewiß kein Nationalsozialist. Auch konnte er nicht als ‚Grenzgänger‘ betrachtet werden […]. Doch konnte er als Vertreter jener Richtung begriffen werden, ‚die mit rechtlichen Argumenten eine kräftige deutsche Revisionspolitik zu unterstützen suchte‘. Sein Kampf gegen Versailles und seine ‚Entlarvung‘ des Völkerbundes als politische Interessengemeinschaft mündeten allerdings zwangsläufig in eine Diktion, die der Überwindung des Positivismus Vorschub leistete und damit nach 1933 einer nationalsozialistischen Sprachregelung gefährlich nahe kommen mußte.“[3]

Viktor Bruns hatte nach 1933 bewusst eine Strategie der intensiven Vernetzung hinein in die innersten Zirkel der neuen nationalsozialistischen Elite gefahren.[4] Diese enge Vernetzung mit den Führungszirkeln des neuen Regimes hatte für das KWI, dessen Mitarbeiter und die Modalitäten der völkerrechtswissenschaftlichen Arbeit im Institut eine wichtige Abschirmungsfunktion, es versetzte das Institut in die Lage, wie Michael Stolleis schreibt, eine „Art Schutzraum für Internationalität und Information” zu garantieren.[5] Diese Strategie des Direktors Bruns begründete – für die Zeitumstände eher ungewöhnlich – recht hohe Freiheitsgrade nach innen. Man kann dies sehr deutlich in den internen Papieren des Instituts und auch in den gutachterlichen Stellungnahmen sehen. Diese lassen wenig Anpassungsdruck an die gängige Diktion nationalsozialistischer Völkerrechtler und das ‚“konkrete Ordnungsdenken“ à la Carl Schmitt erkennen – von dieser “raunenden“ Diktion hielt man sich eher fern. Der sichere Weg für die Wissenschaftler am Institut war ganz offensichtlich der Rückzug auf eine zurückgenommene Sprache (und Methodik) im Stil des klassischen Völkerrechtspositivismus. Die Analyse des erhaltenen Vorlesungsmanuskripts von Ernst Schmitz, dem stellvertretenen Direktor des KWI, für eine Vorlesungsreihe zum Kriegsvölkerrecht an der Berliner Universität 1938, die auf diesem Blog von Raphael Schäfer veröffentlicht wurde, bestätigt diesen Befund. Schmitz habe in seinem Duktus – so resümiert Schäfer – in der Kontinuität der „traditionellen preußisch-deutschen Schule des Kriegsrechts“ gestanden und habe gezielt Anklänge an die nationalsozialistische Diktion vermieden. Es fehle „an der dem Denken der geistig-politischen Epoche gemäßen Sprache“.

Dieser Grundbefund schlägt sich im Stil der kriegsvölkerrechtlichen Gutachten der Kriegsjahre nieder, die durchgängig in einem trocken-nüchternen, klassisch rechtspositivistischen Ton gehalten sind, unter Vermeidung des (stark ideologisch geprägten) Jargons dezidiert nationalsozialistischer Völkerrechtslehre. Zu deren Einschätzung sollte man den institutionellen Kontext kennen, in dem diese entstanden sind. Mit Blick auf den sich anbahnenden Krieg hatte Viktor Bruns, unter Vermittlung des mit ihm befreundeten Admiral Gladisch, Kontakt zum Amt Ausland/Abwehr aufgenommen, der Militärgeheimdiensteinrichtung der Wehrmacht unter Führung von Admiral Canaris.[6] Mit der Angliederung der Abteilung Ausland an die Abwehr 1938 zählte zu den Aufgaben des Amtes, neben der Unterrichtung über die militärische Lage im Ausland, die Bearbeitung der „völker- rechtlichen Fragen der Kriegführung” (unter Hinzuziehung der Wehrmachtrechtsabteilung). Für diese Aufgabe verfügte das Amt in der Abteilung Ausland über eine eigene Gruppe für völkerrechtliche Fragen, mit fünf Referaten für Fragen des Kriegsvölkerrechts.[7] Der (durchaus ansehnliche) Personalbestand reichte aber mit Ausbruch des Krieges nicht mehr aus, und so einigte man sich im August 1939 mit dem Amt Ausland/Abwehr auf eine institutionalisierte Zusammenarbeit, die das KWI für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht zu einer Art wissenschaftlichem Dienstleister des Amtes Ausland/Abwehr machte – ein für das KWI nicht unwichtiger Schritt, da man damit das wissenschaftliche Kernpersonal unabkömmlich stellen und so vor dem Einzug in die Wehrmacht schützen konnte. Als Vertreter des Instituts wurde dessen stellvertretender Direktor Ernst Schmitz in die Völkerrechtsgruppe der Abteilung Ausland entsandt. Nach dessen plötzlichem Tod im Januar 1942 trat Wilhelm Wengler an seine Stelle, im Januar 1944 dann Hermann Mosler.[8] Das Institut war damit, wenn auch in einer beratenden Funktion, direkter Teil der Kriegsanstrengungen geworden, allerdings angegliedert an eine dem Oberkommando der Wehrmacht (OKW) unterstehende Einrichtung, die wenig ideologisch geprägt war und manchen Regimekritikern Unterschlupf bot (man denke an den Fall von Helmuth James Graf von Moltke, der im Zuge der Mobilisierung 1939 in die Völkerrechtsgruppe der Abteilung Ausland geraten war).

Gutachten und Berichte des KWI zu Fragen des Kriegsrechts

Die Archivarbeiten von Philipp Glahé haben nun eine ganze Serie dieser für das Amt Ausland/Abwehr – und indirekt das OKW) – erstellten Gutachten und Berichte zutage gefördert.  Zum Teil verdanken wir den Zugang zu den Dokumenten den Recherchen im politischen Archiv des Auswärtigen Amtes,[9] zum Teil entstammen diese aber auch dem Institutsarchiv. Bei den Fundstücken aus dem Politischen Archiv des Ministeriums lassen die Deckblätter sehr gut die verschlungenen institutionellen Kontexte erkennen, wie das nachfolgende Deckblatt eines Berichtes über die landesrechtliche Praxis zum Seekriegsrecht (Prisenrecht) aus dem Jahr 1940 zeigt.

Gutachten zum Prisenrecht, 1940

Zum Teil handelt es sich aber auch um Fundstücke aus den Handakten von Hermann Mosler, die Mosler selbst 1997, wohl im Lichte seiner baldigen Emeritierung, dem Institut übergeben hat. Dabei geht es um Durchschläge der erstellten Gutachten, die keinerlei institutionelle Kontexte erkennen lassen, deren Handlungskontexte wir nur aus den allgemeinen Rahmenbedingungen erschließen können, in die die gutachterliche Tätigkeit für das OKW eingebettet war.

Die gutachterlichen Stellungnahmen sind, den Arbeitsbedingungen entsprechend, von unterschiedlichem Umfang und Gewicht, behandeln zum Teil auch sehr spezielle Themen, die aus der Praxis der Wehrmachtseinheiten und -dienststellen erwachsen sind. Die im Rahmen der Archivarbeiten erstellte Liste der vorhandenen Gutachten des KWI für das Amt Ausland/Abwehr und das OKW deckt Themen von sehr unterschiedlicher Spezialisierungstiefe ab, zum Teil sehr spezifischen, ja nachgerade kleinteiligen Sonderproblemen gewidmet, deren Herkunft aus der Truppenpraxis der Gutachtenfrage anzusehen ist. Es finden sich dort Themen wie:

  • Art. 52 und 53 der Haager Landkriegsordnung (HLKO)
  • Neutrale Staatsangehörige in der Wehrmacht kriegsführender Staaten
  • Art. 14 des V. Haager Abkommens vom 18.10.1907
  • Rückführung entlassener Kriegsgefangener in die Kriegsgefangenschaft
  • Beurteilung der Verwendung von Phosphorbrandbomben
  • Seenotflugzeuge
  • Sanitätspersonal und militärische Hilfsdienste
  • Kennzeichnung der Luftabwehrhelfer/Kennzeichnung im Luftkrieg
  • Flugzeugbesatzungen der Luftstreitkräfte des De-Gaulle-Komitees an der Ostfront
  • Eheschließung belgischer Kriegsgefangener
  • Strafverfolgung gegen Kriegsgefangene durch die zivilen Strafgerichte
  • Schrotgewehre und -munition, Zulässigkeit für Wachmannschaften

Diese Gutachten sind bewusst nüchtern gehalten und breiten im Kern vor allem das einschlägige Normenmaterial aus und erläutern dessen Implikationen dann für die nicht völkerrechtlich vorgebildeten Militärstäbe. Daneben finden sich im Archivmaterial aber auch eine Reihe von Gutachten zu Fragen des Wirtschaftskriegs, des Prisenrechts und der Stellung Neutraler, ferner einige Gutachten zu eher grundsätzlichen Fragen (meist aus der Feder von Hermann Mosler) wie:

  • Abgrenzung zwischen Land- und Seekriegsrecht
  • Widerstand in den besetzten Gebieten
  • Geschützte Städte

Sieht man sich diese gutachterlichen Stellungnahmen exemplarisch näher an, so zeigt sich ein dezidiert sachlicher Ton. Herausgegriffen sei etwa das Gutachten zum Verhältnis von Art. 52 und 53 HLKO und allgemein zu den Befugnissen der Besatzungsmacht, Privateigentum der Bewohner der besetzten Gebiete für die Zwecke der Besatzungsarmee zu requirieren.[10] Das Gutachten entfaltet zunächst den Normtext der fraglichen Bestimmungen, rekonstruiert – im Sinne einer historischen Auslegung – den Entstehungskontext der Bestimmungen, mit einem besonderen Augenmerk auf den einschlägigen Debatten der Haager Friedenskonferenzen von 1899 und 1907, und zieht auch eine Reihe prominenter Stimmen aus dem englisch- und französischsprachigen Schrifttum zur Auslegung heran, um dann – mit Blick auf Ziel und Zweck der Bestimmungen – zu einer eher restriktiven Auslegung der Bestimmungen zu gelangen, die die Grenzen der Requisitionsbefugnis der Besatzungsmacht betont.

Ein weiteres Gutachten mit allgemeiner Thematik ist die Ausarbeitung zum Thema der geschützten Städte.[11] Hier wird im einleitenden Teil herausgearbeitet, dass die bestehenden Normen des Kriegsvölkerrechts zum Schutz der Zivilbevölkerung und ziviler Objekte nicht ausreichen, um größere Städte vor Bombardierungen und Kampfhandlungen zu bewahren. Selbst wenn gezielt alle Truppenteile und militärischen Einrichtungen verlegt beziehungsweise aufgelöst worden sind, einschließlich der militärisch relevanten Regierungs- und Verwaltungsstellen, bleiben immer noch erhebliche Restrisiken – was nicht zuletzt mit den Unklarheiten der Kategorie der „militärischen Ziele“ zusammenhängt. Besteht wirklich ein ernsthaftes Interesse daran, eine Stadt intakt in die Hände des Gegners fallen zu lassen, um die dort gelegenen Kulturgüter wie die Bevölkerung der Stadt zu schonen, so bedarf es letztlich spezieller Vereinbarungen mit der gegnerischen Konfliktpartei. Aufbauend auf einer sorgfältigen Rekonstruktion der jüngeren Staatenpraxis zur Frage der geschützten Städte werden die konkreten Voraussetzungen einer solchen Schutzvereinbarung herausgearbeitet. Geschrieben in einer relativ späten Phase des Krieges, handelte es sich mit Blick auf die bevorstehende Schlussphase des Krieges um eine hochgradig wichtige Fragestellung – was so aber natürlich angesichts der nationalsozialistischen „Endsieg“-Propaganda nicht gesagt beziehungsweise geschrieben werden konnte.

Von erheblicher Relevanz für die Praxis der deutschen Besatzungstruppen war eine gutachterliche Stellungnahme zu einem besonders heiklen Punkt der Besatzungspraxis, das Gutachten zu „Widerstand in besetzten Gebieten“.[12] Heikel ist dieses Thema, da im Gefolge der alten „Franktireurs“-Debatte hier von Preußen und dann dem Deutschen Reich schon immer eine recht rigide Position vertreten wurde, die überaus harsche Gegenmaßnahmen zuließ, während zugleich die Kodifikation der HLKO das Problem nur sehr unzureichend regelte. In der Praxis führte dies zu einem sehr harten und blutigen Vorgehen der deutschen Besatzungstruppen gegen Widerstandsbewegungen. Hermann Mosler weist in dem Gutachten mit sehr differenzierter Argumentation die These zurück, der „Heimatstaat“ begehe mit der Aufstachelung zum Widerstand und der Förderung von Widerstandsaktionen ein völkerrechtliches Delikt. Dem Staat, dem das Gebiet territorial im Völkerrecht weiter zugeordnet sei, stehe im Grundsatz durchaus das Recht zu, den bewaffneten Kampf gegen die Besetzung fortzusetzen. Für die Bevölkerung des besetzten Gebietes, die sich in den bewaffneten Widerstand einbringe, stelle die Teilnahme an Handlungen des Widerstands allerdings einen „Risikoakt“ dar, denn die handelnden Individuen seien völkerrechtlich kaum geschützt, schon gar nicht durch den Kombattantenstatus, aber auch sonst gebe es kaum Schutzvorkehrungen für in den Widerstand involvierte Individuen. Was bei diesen Ausführungen völlig ausgespart bleibt – weil wohl auch nicht durch den Gutachtenauftrag abgedeckt – sind die besonders heiklen Problematiken der strafrechtlichen Verfolgung wegen „Freischärlerei“ und des „Kriegsverrats“ nach dem deutschen Militärstrafgesetzbuch. Ob Bewohner besetzter Gebiete, deren primäre (auch rechtlich geforderte) Loyalität ihrer Staatsangehörigkeit gilt, wirklich mit Widerstandsakten „Verrat“ gegenüber der Besatzungsmacht begehen können, ist durchaus problematisch.[13]

An diesem Beispiel zeigen sich dann auch die Grenzen der geschilderten Gutachtenpraxis. Die gutachterlichen Stellungnahmen waren in der Regel durch die Gutachtenaufträge thematisch sehr eng eingegrenzt und waren damit kein Ort kritischer Reflexion der Praxis deutscher Kriegführung und der Praktiken militärischer Besetzung in weiten Teilen Ostmittel- und Osteuropas – soweit eine kritische Reflexion im institutionellen Kontext eines totalitären Regimes im Kriegszustand überhaupt denkbar gewesen wäre. Was die Gutachten durch ihren trocken-nüchternen, dezidiert völkerrechtspositivistischen Ton jedoch leisteten, war eine Versachlichung der Debatte – und eine Mahnung daran, dass Kriegführung nicht im rechtlichen Vakuum stattfindet, sondern etablierten Regeln des Kriegsvölkerrechts unterliegt.

Wirkungen?

Was aus den Akten in der Regel kaum zu rekonstruieren ist,  ist die Wirkung dieser Gutachten. Ob überhaupt, und welche, Auswirkungen die Gutachten für die militärische Praxis hatten, wissen wir in der Regel nicht. Eine seriöse Impact-Analyse ist angesichts des fragmentarischen Archivmaterials kaum zu leisten. Schon die Reaktionen, die die über das Amt Ausland/Abwehr an das OKW geleiteten Gutachten dort auslösten, sind im Regelfall nicht ernsthaft zu rekonstruieren, von den Wirkungen auf die Truppenpraxis ganz zu schweigen.

Es handelte sich, schon vom institutionellen Kontext her, durchgängig um Beratungspapiere für die militärische Führung, an die sie allerdings nur unter Durchlaufen mehrerer institutioneller Filter gelangten. Schon in der Wehrmachtsabteilung des OKW, Gruppe III, Referat Völkerrecht/Wehrrecht unter dem Geheimen Kriegsrat Dr. Maximilian Wagner, stießen diese Papiere üblicherweise auf ein gehöriges Maß an Skepsis, war der noch im preußischen Kriegsministerium der Kaiserzeit sozialisierte Gruppenleiter doch ein Militärjurist in der Tradition der preußischen Militärjustiz, mit starker Skepsis gegenüber dem Völkerrecht.[14] Nur in Einzelfällen lassen sich die Wirkungen derartiger Gutachten halbwegs rekonstruieren. Eines dieser Beispiele ist die in dem Dokumentenband von Ger van Roon zu Helmuth James Graf von Moltke dokumentierte Vortragsnotiz für Admiral Canaris zur Fesselung von Kriegsgefangenen, die im Rahmen der Tätigkeit von Graf Moltke in der Gruppe VI des Amtes Ausland/Abwehr entstanden ist.[15] In Reaktion auf Praktiken der Militärs, Kriegsgefangene aus den Streitkräften der Alliierten in Ketten zu legen, wies Moltke darauf hin, dies sei nicht nur kriegsvölkerrechtlich problematisch, sondern schade auch politisch den Interessen des Reiches, da man sich im Kriegsgefangenenrecht in einem Bereich unmittelbar wirksamer Reziprozitäten bewege, wo zu erwarten sei, dass eine Repressalie dann von der Gegenseite wiederum mit Repressalien beantwortet werde. Im Ergebnis sei diese Maßnahme kontraproduktiv für deutsche Interessen – ein Argument, das ersichtlich Gehör fand.[16]

Nicht durchgängig gab es allerdings derartige Kontexte unmittelbarer Reziprozität, die auch hartleibige Militärs zum Nachdenken über die Folgen des eigenen Tuns zwang. In der Regel war, vor allem im Kontext des Rechts der militärische Besetzung, keine direkte Problemfolge für die Wehrmacht und die (häufig zivilen) Besatzungsbehörden zu erwarten, was dazu geführt haben dürfe, dass die Botschaften der Gutachten ungehört verhallten – Befolgung des Völkerrechts um seiner selbst willen war keine traditionelle Tugend deutscher Streitkräfte, und schon gar nicht der, unter der Dominanz der Partei stehenden, Besatzungsverwaltungen. Gleichwohl handelt es sich bei den noch auffindbaren Gutachten um ernsthafte Bemühungen, das OKW an die völkerrechtlichen Schranken zu erinnern, denen Kriegführung eigentlich unterliegt. Schon das war unter den obwaltenden Umständen nicht gering zu achten, und stellt keine „Fortführung des Krieges mit rechtlichen Mitteln“ dar, sondern ist eher, im Gegenteil, Ausfluss des klassischen Bestrebens der „gentle civilizer“  und eines den Gedanken der Aufklärung verhafteten Völkerrechts, die Brutalitäten des Krieges rechtlich einzuhegen. Mehr war unter den Umständen eines mit ideologischer Härte geführten „totalen Krieges“ wohl kaum zu leisten.

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[1] Lassa Oppenheim, International Law, Bd. 2: Disputes, War and Neutrality, 4. Ausg., London: Longmans, Green and Co 1926.

[2] Zu den Ambivalenzen in dessen Haltung zum Nationalsozialismus, siehe: Philipp Glahé, Völkerrecht im Widerstand? Berthold von Stauffenberg in der Erinnerungskultur des Instituts, MPIL100.de.

[3] Andreas Toppe, Militär und Kriegsvölkerrecht: Rechtsnorm, Fachdiskurs und Kriegspraxis in Deutschland 1899–1940, München: Oldenbourg 2008, 208.

[4] Näher: Toppe (Fn. 3), 210.

[5] Michael Stolleis, Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland, Bd. 3: Staats- und

Verwaltungsrechtswissenschaft in Republik und Diktatur 1914–1945, München: C.H. Beck 1999, 395f.

[6] Toppe (Fn. 32), 193.

[7] Toppe (Fn. 3), 191–193.

[8] Toppe (Fn. 3), 193.

[9] PA AA, R 4698.

[10] Hermann Mosler, [Gutachten zu] „Art. 52 und 53 der Haager Landkriegsordnung“, MPIL-Archiv.

[11] Hermann Mosler, [Gutachten zu] „Geschützte Städte“, MPIL-Archiv.

[12] Hermann Mosler, [Gutachten zu] „Widerstand in besetzten Gebieten“, MPIL-Archiv.

[13] Vgl., zur darüber im Ausschuss für Völkerrecht geführten Debatte, näher: Toppe (Fn. 3), 406 ff.

[14] Vgl.: Toppe (Fn. 3), 189.

[15] Vgl. dazu: Helmuth James Graf von Moltke, Völkerrecht im Dienste der Menschen, herausgegeben von Ger van Roon, Berlin: Siedler 1986, 269 f.; 274.

[16] Vgl.: von Moltke (Fn. 14), 25.

English

A Continuation of War by Other Means?

In the interwar period, international humanitarian law was still perceived as a central component of the regulatory architecture of international law, as war was still considered a standard means of politics — despite all jurisprudential efforts to restrict the use of war as a means of asserting interests, culminating in the Briand-Kellogg Pact of 1928. The importance that legal issues relating to war still had can be gauged by looking at the leading (English-language) textbook on international law of the time, Lassa Oppenheim’s International Law. By the fourth edition, published in 1926, the scope of the material had grown so much that it had to be divided into two volumes — one of which was devoted exclusively to questions of “Disputes, War and Neutrality”.[1] A similar arrangement of material, with a large proportion devoted to legal issues of war, can also be found in other textbooks of the time — and since what is called peacekeeping today was still in its infancy, the focus was essentially on the traditional issues of the international law of war.

Political and Institutional Context

Accordingly, questions of the international law of war had always been addressed in the research of the Kaiser Wilhelm Institute for Comparative Public Law and International Law (KWI). Yet, this subject was brought to the forefront in 1934, when Viktor Bruns established a separate department for the law of war at the Institute, which was to assist him in his role as chairman of the Committee for International Law of the “Academy for German Law” and served as a central forum for discussions on the envisaged future restructuring of international law in the spirit of National Socialism. In 1935, Berthold Graf Schenk von Stauffenberg was appointed head of the law of war department. As a scientific member of the KWI, he also went on to become a member of the Committee for the Law of War of the “Academy for German Law”, alongside Bruns, Ernst Schmitz, and Carl Bilfinger. From the beginning of the war, he was seconded as a naval staff judge to the High Command of the Navy as an advisor on international law.[2]

In his book Militär und Kriegsvölkerrecht (“Military and International Law of War”), historian Andreas Toppe describes Bruns’ work in this context with the following words:

“The director of the Institute for Comparative Public Law and International Law, Professor Viktor Bruns, was certainly not a National Socialist. Nor could he be considered “on the edge” […]. But he could be understood as a representative of the school of thought ‘that sought to support, with jurisprudential arguments, a vigorous revisionist policy of Germany’. His struggle against Versailles and his “unmasking” of the League of Nations as a political interest group, however, inevitably led to a diction that promoted the overcoming of legal positivism and thus, by its nature, came dangerously close to the language imposed by the National Socialists after 1933.”[3]

After 1933, Viktor Bruns had indeed deliberately pursued a strategy of intensive networking with the innermost circles of the new National Socialist elite.[4] This close connection with the leadership circles of the new regime had an important protective function for the KWI, its employees, and the modalities of international law research at the Institute. As Michael Stolleis writes, it enabled the Institute to guarantee a “kind of safe haven for internationality and information”.[5] Director Bruns’ strategy resulted in a relatively high degree of internal freedom, which was rather unusual, considering the general environment at the time. This is illustrated very clearly by the Institute’s internal documents and also in the expert opinions of this era. These reveal little pressure to conform to the common diction of National Socialist international law scholars and the “konkretes Ordnungsdenken” (roughly: “theory of factual order”) à la Carl Schmitt — the Institute tended to steer clear of this ‘murmuring’ diction. The safe path for the scholars at the Institute was quite obviously to retreat to a restrained language (and methodology) in the style of classical international law positivism. The analysis of a surviving lecture manuscript by Ernst Schmitz, then deputy director of the KWI, for a series of lectures on the law of war at the University of Berlin in 1938, published on this blog by Raphael Schäfer, confirms this finding: Schmitz’s style was in line with the “traditional Prussian-German school of the law of war” and deliberately avoided echoing National Socialist diction, Schäfer finds; it lacks any “language characteristic of the intellectual and political mindset of the era”.

This general finding is reflected in the style of the expert opinions on international law produced during the war years, which are all kept in a sober and classic legal positivist tone, avoiding the (strongly ideological) jargon of National Socialist international law doctrine. To assess these opinions, one should be familiar with the institutional context in which they were written. Anticipating the nearing of war, Viktor Bruns had, through the mediation of his friend Admiral Gladisch, contacted the Amt Ausland/Abwehr, the military intelligence service of the Wehrmacht under the leadership of Admiral Canaris.[6] With the incorporation of the department Ausland (Foreign Countries) to the Abwehr (Counterintelligence) in 1938, the office’s tasks included, in addition to providing information on the military situation abroad, dealing with “international law issues of warfare” (with the involvement of the Wehrmacht‘s legal department). For this task, the Office’s Ausland-division had its own group for international law issues, with five departments for questions of the law of war.[7] The (considerable) number of staff was, however, no longer sufficient once war had broken out, and so an agreement on institutionalised cooperation was made between the Amt Ausland/Abwehr and the KWI in August 1939, which made the Institute a kind of scientific service provider for the ministry. This step was not insignificant for the KWI, as it meant that the core scientific staff could be declared indispensable and thus protected from conscription into the Wehrmacht. The Institute’s deputy director, Ernst Schmitz, was sent to the international law group of the Ausland-division as the Institute’s representative. After his sudden death in January 1942, Wilhelm Wengler took his place, followed by Hermann Mosler in January 1944.[8] The Institute had thus become a direct part of the war effort, albeit in an advisory capacity and affiliated with an institution subordinate to the Oberkommando der Wehrmacht (High Command of the Wehrmacht) that was not particularly ideological and offered refuge to some critics of the regime (one may consider, for example, the case of Helmuth James Graf von Moltke, who had ended up in the international law group of the Ausland-division in the course of the mobilisation of 1939).

The KWI’s Expert Opinions and Reports on Questions of the Law of War

The recent archival work of Philipp Glahé has brought to light a whole series of these expert opinions and reports prepared for the Amt Ausland/Abwehr, and indirectly the High Command of the Wehrmacht. In part, access to these documents is owed to research in the Politisches Archiv (Political Archive) of the Foreign Office,[9] while others were discovered in the Institute’s own archives. In the case of the finds from the ministry’s Political Archive, their respective front pages provide a fascinating insight into the complex institutional contexts from which they stem, as exemplified by the following front page of a report on the practice of maritime law (prize law) on the sub-federal level from 1940.

Expert opinion on prize law, 1940

Some of the finds, however, come from Hermann Mosler’s personal collection of files, which he handed over to the Institute in 1995, likely in view of his imminent retirement. These are copies of expert opinions prepared during the same period, which however contain no indication of their institutional context. Here, we must resort to reconstructing the context from the general conditions in which the preparation of expert opinions for the High Command of the Wehrmacht was embedded.

The list of recovered KWI expert opinions for the Amt Ausland/Abwehr and the Wehrmacht, compiled as part of the archival work, covers topics of very different degrees of specialisation. Some reports are devoted to very specific and technical questions, which can easily be identified as having emerged from the concrete situation of active troops. Topics include:

  • Articles 52 and 53 of the Fourth Hague Convention of 1907
  • Nationals of neutral states in the army of belligerent states
  • Article 14 of the Fifth Hague Convention of 1907
  • Return of released prisoners of war to captivity
  • Assessment of the use of phosphorus incendiary bombs
  • Sea rescue aircraft
  • Medical personnel and military auxiliary services
  • Identification of air defence assistants / identification in air warfare
  • Aircraft crews of the Airforce of the French National Committee (“De Gaulle Committee”) on the Eastern Front
  • Marriages of Belgian prisoners of war
  • Criminal prosecution of prisoners of war by civil criminal courts
  • Shotguns and lead shot, admissibility for guard units

These expert opinions are purposely kept in a sober tone. They essentially outline the relevant legal norms and explain their implications for military staff not trained in international law. In addition, however, the archive material contains a number of reports on issues of economic warfare, prize law, and the position of neutral states, as well as some expert opinions on more fundamental issues (mostly penned by Hermann Mosler), such as:

  • Distinction between the law of war on land and the law of maritime warfare
  • Resistance in occupied territories
  • Protected cities

A closer look at these expert opinions reveals a decidedly objective tone. One example is the expert opinion on the relationship between Articles 52 and 53 of the Fourth Hague Convention of 1907 and, more generally, on the legal ability of the occupying power to requisition the private property of the inhabitants of the occupied territories for the purposes of the occupying army:[10]  The expert opinion first lays out the text of the relevant norms; then it reconstructs — in the sense of a historical interpretation — the context in which the provisions were created, with particular attention to the relevant debates at the Hague Peace Conferences of 1899 and 1907. It further draws on a number of prominent voices in international law scholarship, including from English- and French-language literature, and finally arrives — with a view to the telos of the provisions — at a rather restrictive interpretation of the norms in question, emphasising the limits of the occupying power’s legal ability of requisition.

Another report of a more general nature is that on protected cities.[11] In its introductory section it is argued that existing norms for the protection of civilians and civilian objects are insufficient to protect larger cities from bombing and combat operations. Even if all military units and facilities, including military-related government and administrative offices, had been relocated or disbanded, there were still considerable residual risks  — not least due to the lack of clarity of the category of ‘military targets’. Therefore, if there was a genuine interest in letting a city fall into the hands of the enemy intact — in order to spare cultural monuments or the city’s population — ultimately, special agreements with the opposing party to the conflict were required. The report goes on to outline the specific requirements for such a protection agreement, based on a careful reconstruction of recent state practice on the issue of protected cities. This document, written at a relatively late stage of the war, dealt with an issue of utmost importance, in view of its impending final phase — which, in the face of  National Socialist Endsieg-propaganda, could of course not be communicated openly.

Of considerable relevance for the real-life conduct of the German occupying forces was an expert opinion on a particularly sensitive issue: the Report on Resistance in Occupied Territories.[12] The issue was so sensitive because Prussia and then the German Reich, in the tradition of the much older debate on Francs-tireurs, had always taken a rather rigid position, allowing for extremely harsh countermeasures, while, at the same time, the codified rules of the Hague Conventions were sparse and unable to solve the issue comprehensively. In practice, this led to a very tough and bloody treatment of resistance movements by the German occupying forces. In his expert opinion, Hermann Mosler develops a very nuanced argument and ultimately rejects the thesis that the “home state” breaches international law by inciting resistance or promoting acts of resistance. The state to which the territory continues to be assigned under international law is, in principle, entitled to continue the armed struggle against the occupation, he contends. Mosler also holds, however, that participation in acts of resistance constitutes a “risky act” for the population of the occupied, since the individuals involved enjoy hardly any protections under international law — certainly not those of combatant status — and there are few other safeguards for persons involved in the resistance. The report fails to discuss — probably because they were not covered by the inquiry made to the Institute — the particularly difficult issues of criminal prosecution for Freischärlerei  (guerrilla warfare) and Kriegsverrat (military treason) under the German Militärstrafgesetzbuch (Military Penal Code). Whether residents of occupied territories, whose primary (and legally required) loyalty is to their nationality, can really be held criminally responsible for committing “treason” against the occupying power through acts of resistance is highly dubious.[13]

This example highlights the limitations of role the KWI played by delivering expert opinions. They were elaborations on the usually very specific subject matters inquired about and not a forum for critical reflection on the realities of German warfare and military occupation in large parts of East-Central Europe and Eastern Europe — insofar as critical reflection would have been at all conceivable within the institutional context of a totalitarian regime at war. What the expert opinions achieved with their sober, decidedly positivist tone, however, was to add objectivity to the debate — and to serve as a reminder that warfare does not take place in a legal vacuum, but is subject to established rules of international law.

Significance?

The effect these expert opinions had can hardly be reconstructed from the files. For the most part, we do not know what impact the expert opinions had on military practice — if they had one at all. A serious impact analysis is hardly possible given the fragmentary archive material. Even the reactions at the High Command of the Wehrmacht to the KWI’s reports forwarded via the Amt Ausland/Abwehr cannot usually be reconstructed in a reliable fashion, much less any possible effects on military practice.

From an institutional perspective, the expert opinions clearly constituted advisory documents for the military leadership, which they were, however, only able to reach after having passed trough multiple institutional filters. In the Wehrmacht-division of the High Command of the Wehrmacht, Group III, Department International Law/Military Law under the lead of Geheimer Kriegsrat (“Privy War Councillor”) Dr Maximilian Wagner, these papers were usually met with a considerable degree of scepticism. Not least because said group leader, who had been socialised in the Prussian Ministry of War during the Imperial Era, remained an exponent of the Prussian military law tradition and thus highly sceptical towards international law.[14] It is only in a limited number of cases that the effects of expert opinions can be somewhat reconstructed. One such example is the lecture note for Admiral Canaris on the shackling of prisoners of war, produced in the context of Graf von Moltke’s work in Group VI of the Amt Ausland/Abwehr, documented in Ger van Roon’s volume of documents on Helmuth James Graf von Moltke:[15] In response to the military’s practice of putting prisoners of war from the Allied armed forces in shackles, Moltke pointed out that this was not only problematic under the international law of war, but also from the perspective of the political interests of the Reich, since the law on prisoners of war was an area governed by immediate reciprocity where it was to be expected that any reprisal would in turn be met with counter-reprisals. As a result, he concluded, this measure was counterproductive to German interests — an argument that evidentially heard.[16]

However, not all questions of military conduct stood in a context of immediate reciprocity, forcing even hard-nosed military leaders to consider the consequences of their actions. Generally, especially in the context of the law of military occupation, no direct consequences were to be expected for the Wehrmacht and the (often civilian) occupation authorities, which is likely to have led to the messages of the expert opinions falling on deaf ears. Compliance with international law for its own sake was not a traditional virtue of the German armed forces, and certainly not of the occupation administrations dominated by the Nacional Socialist Party. Nevertheless, the surviving expert opinions represent serious efforts to remind the High Command of the Wehrmacht of the restrictions international law imposes on the conduct of war. This should not to be discounted, given the prevailing circumstances and does not constitute a “continuation of war by legal means”, but, on the contrary, is the result of the classical endeavour of the “gentle civilisers” and of an international law rooted in the ideas of the Enlightenment to legally contain the brutalities of war. Under the circumstances of a “total war” waged with ideological ferocity, it was hardly possible to achieve more.

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[1] Lassa Oppenheim, International Law, Vol. 2: Disputes, War and Neutrality, 4. ed., London: Longmans, Green and Co 1926.

[2] On the ambivalences of his position on National Socialism, see: Philipp Glahé, International Law in Resistance? Berthold von Stauffenberg in the Institute’s Culture of Remembrance, MPIL100.de.

[3] Andreas Toppe, Militär und Kriegsvölkerrecht: Rechtsnorm, Fachdiskurs und Kriegspraxis in Deutschland 1899–1940, Munich: Oldenbourg 2008, 208.

[4] For more details, see: Toppe (fn. 3), 210.

[5] Michael Stolleis, Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland, Vol. 3: Staats- und Verwaltungsrechtswissenschaft in Republik und Diktatur 1914–1945, Munich: C.H. Beck 1999, 395f.

[6] Toppe (Fn. 32), 193.

[7] Toppe (Fn. 3), 191–193.

[8] Toppe (Fn. 3), 193.

[9] PA AA, R 4698.

[10] Hermann Mosler, Report on Articles 52 and 53 of the Fourth Hague Convention of 1907 [„Art. 52 und 53 der Haager Landkriegsordnung“], MPIL Archive.

[11] Hermann Mosler, Report on Protected Cities [„Geschützte Städte“], MPIL Archive.

[12] Hermann Mosler, Report on Restance in Occupied Territories [„Widerstand in besetzten Gebieten“], MPIL Archive.

[13] Cf., on the debate in the Committee for International Law on this, in more detail: Toppe (fn. 3), 406 ff.

[14] Cf.: Toppe (fn. 3), 189.

[15] Cf., on this: Helmuth James Graf von Moltke, Völkerrecht im Dienste der Menschen, edited by Ger van Roon, Berlin: Siedler 1986, 269 f.; 274.

[16] Cf.: von Moltke (fn. 14), 25.

Turning Enemies Into Constitutional Partners

MPIL100 Conversation with Rüdiger Wolfrum

When rival Sudanese delegations arrived in Heidelberg in 2002, they refused even to share a hotel lobby. Three sleepless weeks later they walked out of the Max Planck Institute with a joint bill of rights that became the spine of Sudan’s 2005 Interim Constitution.

At the center was Rüdiger Wolfrum: international judge, peace-broker, and the first “outsider” ever hired to direct the institute. He insists academia should do more than publish; it should settle real disputes. “The Foreign Office never touched our text,” he recalls, proud of a process that mixed 3 a.m. draft sessions with feedback from chiefs, mayors, and imams.

Wolfrum emphasizes that the advisory group at these negotiations included acclaimed experts from both the Global South and North—among them Judge Tafsir Malick Ndiaye (Senegal), Judge Thomas A. Mensah (Ghana), Prince Raad bin Zeid (Jordan), Professor Fred Morrison (USA), and Ambassador Tono Eitel (Germany). Crucially, representatives from both Sudan and South Sudan were able to fully participate and shape the process. As Wolfrum notes, “A constitution that is imposed — or even merely feels imposed — can never achieve the acceptance necessary for its effectiveness.”

In this MPIL100 conversation with Moritz Vinken, Wolfrum explains how academia can host hard political talks, and why young scholars shouldn’t choose between rigor and relevance—they can, and must, deliver both.

About Rüdiger Wolfrum

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As a lawyer, Rüdiger Wolfrum bridged courtroom, classroom, and conflict mediation. As president and long-serving judge of the International Tribunal for the Law of the Sea, he helped shape modern maritime jurisprudence while directing the Max Planck Institute for Comparative Public Law and International Law in Heidelberg. A builder of legal knowledge infrastructures, he spearheaded the Max Planck Encyclopedia of Public International Law (MPEPIL) and the Journal of the History of International Law (JHIL), and advanced ideas like solidarity as a structural principle of international law. Beyond scholarship, he advised peace and constitution-making processes in Sudan, South Sudan, and Lebanon, designing inclusive, locally grounded negotiations. His work—a blend of doctrine and practice—has influenced courts, scholars, and policymakers, and continues through the Max Planck Foundation for International Peace and the Rule of Law.

The Impossible Choice That Never Ends

MPIL100 Conversation with Armin von Bogdandy

“I find it difficult to draw such a clear line,” reflects Armin von Bogdandy on the moral dilemma that has haunted intellectuals for generations: engage with problematic power, or preserve principle through withdrawal?

Von Bogdandy, a director at MPIL and a recipient of Germany’s Leibniz Prize, uses a century of institutional memory to probe this tension. Through the triptych in the Institute’s entrance hall, he traces how Germany’s military defeats reshaped legal scholarship — from nationalist instrumentalism to European integration and constitutional jurisprudence.

This conversation with historian Philipp Glahé draws uncomfortable parallels between past and present: Institute colleagues who collaborated with Nazi authorities alongside those who joined the resistance, mirrored by contemporary scholars’ dilemmas over engaging controversial governments. “These are very difficult situations,” he acknowledges, refusing easy moral categories.

As institutional memory fades — over half of today’s staff are under 35 — von Bogdandy challenges academic orthodoxies, arguing that the Institute’s strength lies less in a shared identity than in productive disagreement, and showing why the choice between engagement and principle transcends any single historical moment.

About Armin von Bogdandy

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Armin von Bogdandy is director at the Max Planck Institute for Comparative Public Law and International Law in Heidelberg, pairing rigorous theory with engagement in constitutional and rule‑of‑law crises. He helped coin influential frameworks — “international public authority,” analysing how actors like the OECD shape national policy through information, and “transformative constitutionalism,” advancing regional human rights–driven change in Latin America. He has contributed legal analyses and proposals that inform EU debates on democratic backsliding. A recipient of multiple honorary doctorates, he exemplifies the scholar‑practitioner: multilingual, philosophically trained, and comparative in outlook. His work insists that law’s deepest questions transcend borders — and that answering them demands both conceptual ambition and institutional craftsmanship.

Why Translating Law Means Translating Culture

MPIL100 Conversation with Karin Oellers-Frahm

Legal concepts rarely transfer neatly from one system to another. Over five decades at Heidelberg’s Max Planck Institute for Comparative Public Law and International Law, Karin Oellers-Frahm saw how familiar‑looking terms can have very different meanings across jurisdictions. Trained as a French‑Italian interpreter in the 1970s, she soon moved into international law, building a career that combined linguistic skill with deep engagement in comparative and public international law.

From co‑editing a leading commentary on the Statute of the International Court of Justice to witnessing the Institute’s shift from German‑only conferences to an English‑dominated discourse, she learned that true precision rests on cultural fluency as much as on translation. As machine translation advances and English becomes academia’s common language, she reflects with MPIL’s Carolyn Moser and Philipp Glahé on what may be lost — and why future international lawyers must master the legal cultures behind the words.

About Karin Oellers-Frahm

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Karin Oellers-Frahm rose from interpreter training to become one of Germany’s quiet power brokers in international law. After stints translating at the nascent European Community, she joined Heidelberg’s Max Planck Institute for Comparative Public Law and International Law in 1970—an uninvited female newcomer in a world of male jurists. There she helped turn dusty court files into living doctrine: her early thesis that provisional measures of the International Court of Justice must bind states later shaped ICJ jurisprudence. A polyglot with a taste for method, she co-edited the leading commentary on the Court’s Statute, steered the monumental “Fontes” case-law series and mentored generations through Jessup moot courts. Half a century on, alumni still carry the MPI imprint she personifies: rigor, linguistic precision, and an insistence that law’s global dialogue depends on culture as much as codes.

A Curator’s Voice in the Age of Search and Access

MPIL100 Conversation with Joachim Schwietzke

“The library serves the institute”, says Joachim Schwietzke and unfolds a century‑spanning portrait of the MPIL’s collection: from Berlin Palace and a “central room” featuring a paper index, through wartime loss and postwar rescues, to Heidelberg’s systematically arranged library stacks stretching 43 kilometres. He argues that serious international and public law research rests on curated foundations: treaties, statute and case reports, parliamentary records, and the publications of the UN, EU, and League of Nations—framed by a General Section that puts law in dialogue with history, philosophy, sociology, and military and colonial studies. Against keyword search, Schwietzke defends expert selection, multilingual breadth, and on‑site browsing—methods that keep scholarship anchored in sources and context, and keep the institute’s mission at the heart of the library.

About Joachim Schwietzke

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Joachim Schwietzke, a lawyer turned librarian, helped shape one of the world’s preeminent specialist law libraries at the Max Planck Institute for Comparative Public Law and International Law in Heidelberg. Joining the institute in 1975 and later serving as Library Director, he steered its transformation from paper indexes to digital systems while expanding a systematically arranged, closed‑stacks collection spanning international law, comparative public law, legal philosophy, and a striking General Section that embeds law in history, sociology, and military and colonial studies. A longtime leader in the International Association of Law Libraries, he also co‑authored widely used bibliographical compendia on diplomatic conferences and multilateral treaty practice (1641–1924), reference works that bridge archival rigor and scholarly utility.