Deutsch
Mit Jochen Abraham Frowein, der am Sonntag, dem 8. Februar 2026 im 92. Lebensjahr verstorben ist, haben wir einen großen Gelehrten und einen engagierten Förderer, kritischen Beobachter und aktiven Beteiligten unseres institutshistorischen Projekts MPIL100 verloren.
Bis zuletzt vertrat er Völkerrecht, Europarecht und Rechtsvergleichung wortmächtig und entschieden in der Öffentlichkeit, pflegte unbestechlich die professionelle Auseinandersetzung und nahm Anteil am Leben des Instituts. Mit analytischer Schärfe, intellektueller Offenheit und wachem Sinn für die Zeitläufte war er ein kritischer Gesprächspartner und großzügiger Mentor immer neuer Generationen junger Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen.
1934 in Berlin geboren, war Frowein 1962 als Referent dem Institut beigetreten, wo er nach Professuren in Bochum und Bielefeld von 1981 bis 2002 als Direktor wirkte. Von 1973 bis 1993 gehörte er der Europäischen Kommission für Menschenrechte an, deren Vizepräsident er von 1981 bis 1992 war, von 1977 bis 1980 war er Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft und Vizepräsident der Max-Planck-Gesellschaft von 1999 bis 2002. Von 1972 bis 2004 war er Mitglied im völkerrechtswissenschaftlichen Beirat des Auswärtigen Amtes und seit 1995 Mitglied des Institut de Droit international.

Rudolf Bernhardt, Ernst Friesenhahn und Jochen Frowein auf der Tagung „Völkerrecht als Rechtsordnung“, 1975 [1]
Jochen Froweins lebenslange Verbundenheit zum MPIL zeigte sich nicht zuletzt durch seine engagierte Anteilnahme an unserem institutshistorischen Projekt MPIL100. Als aufmerksamer Zuhörer, Zeitzeuge und so kenntnisreicher wie leidenschaftlicher Diskutant beteiligte er sich an unserer Seminarreihe „100 Jahre Öffentliches Recht” und referierte eindrucksvoll über seine eigene Biographie und über den „Wandel durch Annäherung“ im Zeichen von Willy Brandts Ostpolitik. Sein Zeugnis ermöglichte vielen und gerade auch jüngeren Kolleginnen und Kollegen am Institut eine Annäherung an die biographischen Erfahrungsräume, die seine Arbeit in Wissenschaft und Praxis geprägt hatten.
Im Zeitzeugengespräch für unsere Reihe MPIL100 Conversation mit Philipp Glahé und Robert Stendel im Januar 2025 erzählte Frowein von seiner Zeit am Institut, als Referent und Direktor, und von den historischen Ereignissen, die er aus nächster Nähe miterleben durfte – von der Beratung bei den Vertragsverhandlungen in Moskau und Warschau bis hin zur Mitarbeit in der Europäischen Kommission für Menschenrechte. Wie stets erfüllten ihn der frühe Erfolg und der politische Einfluss seiner Habilitationsschrift „Das de-facto Regime im Völkerrecht“ auf die deutsche Ostpolitik und die Entspannungsschritte mit Stolz und Genugtuung.[2] Im Gespräch reflektierte er die Übergänge zwischen Wissenschaft, Politik und Diplomatie und schilderte die juristisch-intellektuellen Auseinandersetzungen in seiner Zeit als Habilitand am Institut, wo seine später so wirkmächtigen Thesen zunächst kontrovers aufgenommen worden waren. In der überraschenden „Begegnung“ des 91-jährigen Emeritus mit seinem jüngeren Ich als 32-jähriger Referent in dem 1966 von Marianne Grewe für den Hessischen Rundfunk auf Tonband produzierten Feature scheinen zu Beginn des Interviews Facetten einer ungemein vielschichtigen Gelehrtenpersönlichkeit auf, die uns lange in Erinnerung bleiben werden.

Jochen Frowein als Direktor in seinem Büro, 1985 [3]
Vor allem aber ist er ein zentraler Protagonist dieser Institutsgeschichte, vielfach präsent auch in den Beiträgen auf diesem Blog.
In seinem Beitrag zum Grundrechtsschutz in den Europäischen Gemeinschaften schildert Frank Schorkopf Froweins Mitautorschaft am Vedel-Bericht, der 1972 eine „scharfsichtige, analytische Bilanz des institutionellen Rahmens der Gemeinschaften“ bot, mit umfassenden Vorschlägen für eine Parlamentarisierung. Gegen Ende seiner Amtszeit als Direktor am Institut fungierte Jochen Frowein als einer der „drei Weisen“, deren Bericht im September 2000 die „Causa Austria“, die diplomatische Sanktionierung Österreichs wegen der Regierungsbeteiligung der FPÖ, beendete. Die „almost impossible mission“ der „drei Weisen“, die Constanze Jeitler beschreibt, rückte das Institut ins Zentrum der internationalen Medienöffentlichkeit und markierte einen wichtigen Schritt europäischer Verfassungsentwicklung.

Jochen Frowein, 1985 [4]
Als counsel vertrat Jochen Frowein, wie Karin Oellers-Frahm in ihrem Beitrag über das Institut und die internationale Gerichtsbarkeit schildert, vor dem Internationalen Gerichtshof im Fall „Liechtenstein gegen Deutschland“ die Bundesregierung, war im Fall „Kamerun gegen Nigeria“ eingebunden und trug im Gutachtenverfahren zur Unabhängigkeit des Kosovo die Rechtsauffassung Albaniens vor.
Robert Heuser erinnert daran, dass Jochen Frowein im April 1986, gemeinsam mit seiner Frau Lore, an der ersten Chinareise des Instituts teilnahm.
Dies sind nur einige Schlaglichter, die die enge Verwobenheit des Völkerrechtlers Jochen Frowein mit dem Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht illustrieren mögen. Beim Lesen, Hören und Schauen lassen sich viele weitere Facetten einer nachhaltigen und prägenden Symbiose von Person und Institution entdecken, in der es für Völkerrechtler:innen und Historiker:innen noch viel zu erforschen und zu entdecken gibt.
Wir sind froh und dankbar, dass Jochen Frowein selbst diesen Prozess der institutionellen Rückschau und reflexiven Historisierung engagiert und sachkundig unterstützt und begleitet hat – mit jener genau prüfenden intellektuellen Offenheit, die ihn bis zum Ende auszeichnete.
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[1] Foto: MPIL.
[2] Jochen Abr. Frowein, Das de facto-Regime im Völkerrecht. Eine Untersuchung zur Rechtsstellung ‘nichtanerkannter Staaten’ und ähnlicher Gebilde, Köln: Heymann 1968.
[3] Foto: MPIL.
[4] Foto: MPIL.
English
With the passing of Jochen Abraham Frowein on Sunday, 8 February 2026, at the age of 92, we have lost a great scholar and a committed supporter, critical observer and active participant in the MPIL100 project.
Until the very end, he was an eloquent and decisive exponent of international law, European law, and comparative law, committed to professional debate and taking an active interest in Institute life. With analytical acuity, intellectual openness, and an alert sense of the times, he was an avid participant in controversial debates and, at the same time, a generous mentor to ever-new generations of young scholars.
Born in Berlin in 1934, Frowein joined the Max Planck Institute for Comparative Public Law and International Law (MPIL) as a research fellow in 1962, and later went on to serve as its director from 1981 to 2002 after holding professorships in Bochum and Bielefeld. From 1973 to 1993, he was a member of the European Commission for Human Rights, serving as its vice-president from 1981 to 1992. From 1977 to 1980, he was vice-president of the Deutsche Forschungsgemeinschaft and vice-president of the Max Planck Society from 1999 to 2002. From 1972 to 2004, he was a member of the Advisory Council on International Law of the Federal Foreign Office and, since 1995, a member of the Institut de Droit international.

Rudolf Bernhardt, Ernst Friesenhahn, and Jochen Frowein at a conference on „International Law as a Legal Order“ („Völkerrecht als Rechtsordnung“), 1975 [1]
Jochen Frowein’s lifelong ties to the MPIL were exemplified not least in his enthusiastic participation in our MPIL100 project aiming to explore the Institute’s multifaceted history. As an attentive listener, contemporary witness, and knowledgeable and passionate discussant, he participated in our seminar series „100 Years of Public Law” and spoke very memorably on his own biography and on “change through rapprochement” in the context of Willy Brandt’s Ostpolitik. His testimony enabled many, especially younger colleagues at the Institute, to gain an insight into the biographical experiences that had shaped his work in academia and legal practice.
In an interview with Philipp Glahé and Robert Stendel as part of our MPIL100 Conversation series in January 2025, Frowein spoke about his time at the Institute as a research fellow and as a director, and about the historical events he witnessed at close quarters – from advising on treaty negotiations in Moscow and Warsaw to working with the European Commission for Human Rights. As always, he was filled with pride and satisfaction at the early success and political influence of his postdoctoral thesis, Das de-facto Regime im Völkerrecht (“The De Facto Regime in International Law”)[2], on the German Ostpolitik and the steps towards détente. In the conversation, he also reflected on the crossovers between academia, politics, and diplomacy and described the jurisprudential debates during his time as a postdoctoral researcher at the Institute, where his later influential theses were initially received controversially. At the beginning of the interview, when the 91-year-old emeritus professor has a surprise ‘encounter’ with his younger self as a 32-year-old research fellow in the radio feature produced by Marianne Grewe for Hessischer Rundfunk in 1966, facets of an immensely multi-dimensional scholar emerge that will remain in our memories for a long time to come.

Institute Director Jochen Frowein in his office, 1985[3]
As a central protagonist in the history of this Institute, Jochen Abr. Frowein is frequently mentioned in the posts on this blog:
In his contribution on the protection of fundamental rights in the European Communities, Frank Schorkopf describes Frowein’s co-authorship of the Vedel Report, which in 1972 offered a “perceptive, analytical assessment of the institutional framework of the Communities” along with comprehensive proposals for parliamentarisation. Towards the end of his term as director of the Institute, Jochen Frowein served as one of the ‘three wise men’ whose report of September 2000 ended the ‘Causa Austria’, the diplomatic sanctioning of Austria for the FPÖ’s participation in government. This “almost impossible mission” of the “three wise men”, as described by Constanze Jeitler, brought the Institute to the attention of the international media and marked an important step in European constitutional development.

Jochen Frowein, 1985[4]
Jochen Frowein served as counsel for the German government before the International Court of Justice in the case of Liechtenstein v. Germany, as Karin Oellers-Frahm describes in her contribution on the Institute and international jurisdiction. He was also involved in the case of Cameroon v. Nigeria and delivered Albania’s legal opinion in the advisory proceedings on the independence of Kosovo.
Robert Heuser recalls that Jochen Frowein, together with his wife Lore, took part in the Institute’s first trip to China in April 1986.
These are just a few highlights to illustrate the lifelong ties between Jochen Frowein and the MPIL. Reading, listening, and watching may reveal many more facets of a lasting and formative symbiosis between person and institution, in which there is still much more to explore and discover for those studying international law and history.
We are delighted and grateful that Jochen Frowein himself has supported and accompanied this process of institutional review and reflective historicisation with commitment and expertise – and with the meticulously critical intellectual openness that characterised him until the end.
Translation from German: Sarah Gebel
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[1] Photo: MPIL.
[2] Jochen Abr. Frowein, Das de facto-Regime im Völkerrecht. Eine Untersuchung zur Rechtsstellung ‘nichtanerkannter Staaten’ und ähnlicher Gebilde, Cologne: Heymann 1968.
[3] Photo: MPIL.
[4] Photo: MPIL.

Philipp Glahé is a Historian and Assistant Professor at the Chair of Modern and Contemporary History at LMU Munich.

Alexandra Kemmerer is Senior Research Fellow and Academic Coordinator at the Max Planck Institute for Comparative Public Law and International Law, and Head of the Institute’s Berlin Office.

Jochen Frowein, 2023 (Photo: Maurice Weiss)